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Abbild Kontext Zeichen Foto / Image Context Symbol Photo

Dies ist jetzt schon der zweite Artikel aus der Serie „Leute aus meiner unmittelbaren Umgebung, bei denen ich mich wundere, dass ich nicht schon früher auf sie aufmerksam geworden bin“. Nicht zufällig sind das Menschen aus dem Dunstkreis der ehemaligen „Fachhochschule für Gestaltung“, die jetzt zur Uni Pforzheim gehört. Diesmal geht es um Manfred Schmalriede, der 1975-76 sowie 1991-2001 an dieser Institution gelehrt hat. Er ist im Oktober 2023 mit 86 Jahren gestorben und ich habe ihn nie persönlich kennengelernt.

Erfahren habe ich von dem Buch, um das es hier gehen soll, in einem Gespräch mit der Herausgeberin Silke Helmerdig, der derzeitigen Lehrstuhlinhaberin für künstlerische Photographie in Pforzheim. Sogleich habe ich beim Verlag nachgefragt, ob Sie mir das Buch zur Rezension zur Verfügung stellen würden und mich sehr gefreut, dass das schließlich geklappt hat. Jetzt steh’ ich da mit einem 400 Seiten-Buch, bei dem jede Seite vollgepackt ist mit geballtem Content über die Geschichte und, wie der Untertitel sagt die Gebrauchsweisen von Photographie.

Das Buch heißt Abbild Kontext Zeichen Foto Texte über die Gebrauchsweisen von Fotografie. Erschienen bei Hartmann Books, Stuttgart 2026, broschiert. Es enthält ein interessantes Vorwort von Marlene Schnelle-Schneyder und eine Einleitung von den Herausgeber:innen Silke Helmerdig und Jörn Vanhöfen, einem Schüler (Folkwangschule Essen, heute GHS) und Mitstreiter Schmalriedes (an der Photoschule „Fotografie am Schiffbauerdamm“ heute “Neue Schule für Fotografie Berlin“).

Na dann – lese ich mal rein. Der Titel enthält praktischerweise schon die Kapitelüberschriften und ich bleibe fürs Erste mal bei den Texten, die die Herausgeber:innen unter dem Oberbegriff „Abbild“ zusammengefasst haben. Es geht, wenig verwunderlich, mit zwei Texten zu Tim Rauterts Bildanalytischer Photographie los und das macht schon deutlich, dass es Schmalriede unter den vielen Gebrauchsweisen der Photographie vor allem um diejenige geht, die auch das Medium selbst mit reflektieren.

Es folgt eine kurze Geschichte der sequenziellen Photographie mit ihren verschiedenen Sparten wie Geschichten erzählen (z.B. Duans Michals), Bewegungsabläufe darstellen (z.B. E. Muybridge), Photoreportage (z.B. Paul Nadar), Montage und Collage (z.B. O. Rejlander oder die Surrealisten) oder Reihung (z.B. Ed Ruscha). Verbindend ist all diesen Verwendungsweisen, dass die Bedeutung zwischen den Bildern bzw. in ihrer Interaktion in der Wahrnehmung des Betrachters entsteht.

This is already the second article in the series ‘People from my immediate circle whom I’m surprised I didn’t notice sooner’. It’s no coincidence that these are people associated with the former ‘University of Applied Sciences for Design’, which now forms part of the University of Pforzheim. This time, the focus is on Manfred Schmalriede, who taught at this institution from 1975 to 76 and 1991 to 2001. He passed away in October 2023 at the age of 86 and I never had the chance to meet him in person.

I first heard about the book in question during a conversation with the editor, Silke Helmerdig, who currently holds the Chair of Artistic Photography in Pforzheim. I immediately contacted the publisher to ask if they would provide me with a copy of the book for review and was delighted that this eventually worked out. Now I find myself with a 400-page book, every page of which is packed with dense content on the history and, as the subtitle suggests, the uses of photography.

The book is called Abbild Kontext Zeichen Foto Texte über die Gebrauchsweisen von Fotografie (Images, context, symbols, photographs, texts on the uses of photography). Published by Hartmann Books, Stuttgart 2026, paperback. It contains an interesting foreword by Marlene Schnelle-Schneyder and an introduction by the editors Silke Helmerdig and Jörn Vanhöfen, a student (Folkwang School, Essen, now GHS) and a coworker of Schmalriede’s (at the photography school ‘Fotografie am Schiffbauerdamm’, now the Neue Schule für Fotografie Berlin).

Right then – I’ll have a read. Conveniently, the title already includes the chapter headings, and for now I’ll stick to the texts the editors have grouped under the umbrella term ‘Abbild’(image). Unsurprisingly, it begins with two texts on Tim Rautert’s image-analytical photography, and this already makes it clear that, among the many uses of photography, Schmalriede is primarily concerned with those that also reflect on the medium itself.

What follows is a brief history of sequential photography with its various branches, such as storytelling (e.g. Duane Michals), depicting sequences of movement (e.g. E. Muybridge), photojournalism (e.g. Paul Nadar), montage and collage (e.g. O. Rejlander or the Surrealists), or sequencing (e.g. Ed Ruscha). What links all these uses is that meaning arises between the images or through their interaction in the viewer’s perception.

Sequentielle Photographie in der Werkschau der Fakultät Gestaltung der Hochschule Pforzheim im Juli 2025 / Sequential photography in the exhibition by the Faculty of Design at Pforzheim University, July 2025

Bei dem folgenden Aufsatz „Photorealitäten“ habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass ich das Buch, in dem er erschienen ist, schon besitze, es betrachtet, aber den Aufsatz selbst noch nicht gelesen habe. Hier wird auch eine Einschränkung dieses großartigen Textbandes sichtbar. Er ist unbebildert. In dem Ausstellungskatalog „Kunst mit Photographie“ von Rolf H. Krauss/Manfred Schmalriede/Michael Schwarz, 1983 bei Fröhlich und Kaufmann, wo dieser Aufsatz zuerst erschienen ist, sind die Bilder über die Schmalriede schreibt wenigstens als kleine Schwarzweißbilder mit abgedruckt. Das hilft. Aber der Text ist auch so lesbar und heute kann man die meisten dieser inzwischen ikonischen Bilder mit ein paar Clicks finden. Inhaltlich wird hier anhand der verschiedenen Verwendungsweisen der Photographie ihre Geschichte skizziert zumindest in den Aspekten, die Einfluss auf unsere Sehweisen gewonnen haben. Gleichzeitig kann man in diesem Text auch das Ringen um die Frage „Was ist Photographie eigentlich?“ und die Unmöglichkeit einer pauschalen Beantwortung herauslesen. Andererseits ist es natürlich auch eine Einführung in die damalige Ausstellung und damit kein Text über Alltags- oder Gebrauchsphotographie, sondern über die Gebrauchsweisen, die im Kunstkontext verortet oder für diesen interessant sind, z.B. weil sie neue Sichtweisen ermöglichen.

Wo ich gelegentlich in grübelnden Widerspruch zu Schmalriede komme, ist, wenn es um den Zeichencharakter des Bildes geht. Ich habe ungefähr um die Zeit der Entstehung dieses Textes Philosophie und Linguistik studiert und weiß, wie cool es damals war die in der Linguistik entdeckten Struktureigenschaften auf so ziemlich alles zu übertragen, was Objekt wissenschaftlichen Bemühens war. Indem er über die Gebrauchsweisen spricht, bezieht er zwar immerhin die Pragmatik als weitere Ebene neben Syntax (Baugesetze) und Semantik (Bedeutung) mit ein, ob er aber mit oder ohne den späten Wittgenstein den letzten Schritt auch noch geht und die Bedeutung in der Verwendung verortet, werde ich noch sehen, wenn ich mich auch mit den Texten befasse, die noch mehr aus einem semiotischen Betrachtungswinkel geschrieben sind. Darauf werde ich evtl. noch in einem anderen Post zurückkommen.

Zu manchen Texten wie z.B. der zu den Bildgedichten von Heinz Cibulka muss man sich erst in die Zeitmaschine setzen, um zu verstehen, um was es eigentlich geht. Kein Plan, erstmal – aber das Netz wird hoffentlich mit Bildmaterial aushelfen.

Es folgen im Kapitel „Abbild“ noch zwei kürzere Texte, die das nicht unproblematische Verhältnis der Photographie zur Kunst betrachten oder um es ein wenig mehr mit Schmalriede zu sagen, Verwendungsweisen von Bildern allgemein und speziell Photographie im Kunstkontext behandeln. Man bedenke, dass, als diese Texte entstanden sind, die mit Photographie arbeitenden Künstler dabei waren erst mit den konzeptuellen und seriellen Ansätzen und auch mit den farbigen Großformaten der Düsseldorfer einen festen Platz in der Kunstwelt zu erobern.

Damit verknüpft stellt sich natürlich auch die Frage, was wir, die wir in einer gänzlich gewandelten Bildwelt leben davon haben uns mit Phototheorie aus den letzten Jahren des 20ten Jahrhunderts zu beschäftigen. Soweit ich das bisher sehen kann sind es vor allem zwei Punkte, die sich als hilfreich erweisen. Zum einen hat Schmalriede recht trennscharfe Begriffe entwickelt, die es leichter machen über die Verwendungsweisen von Photographie zu sprechen. Zum anderen erlaubt auch der zeitliche Versatz so etwas wie aus der Ferne auf die eigenen Kontexte zu blicken und damit größere Muster zu entdecken, als es aus der Nähe möglich wäre.

Als Beispiel dafür möchte ich mit einem Zitat enden, dass meiner Ansicht nach besonders gut auf unsere Zeit anwendbar ist. Lassen wir es uns mal auf unserer geistigen Zunge zergehen:

„Sollte bei dem Vergleich mit der Perfektion der Bilder die Wirklichkeit schlecht abschneiden, könnten die Folgen verhängnisvoll sein, denn dann würde es zu einer Ästhetisierung der Wirklichkeit durch Bilder kommen. So ist das projektive Moment der Fotografie für sich genommen ebenso einseitig wie die sonst dominierende Abbildfunktion. Jeder dieser Aspekte unterdrückt die Zeichenfunktion der Fotografie. Erst die Einsicht in die prinzipielle Mehrdeutigkeit von Zeichen bewahrt vor einseitigen Konsequenzen.“

On reading the following essay, ‘Photorealities’, I was surprised to realise that I already own the book in which it appeared, have looked through it, but have not yet read the essay itself. This also highlights a limitation of this magnificent collection of texts: it contains no illustrations. In the exhibition catalogue “Kunst mit Photographie” by Rolf H. Krauss/Manfred Schmalriede/Michael Schwarz, published in 1983 by Fröhlich and Kaufmann, where this essay first appeared, the images Schmalriede writes about are at least reproduced as small black-and-white prints. That helps. But the text is readable even without them, and today one can find most of these now iconic images with just a few clicks. In terms of content, the history of photography is outlined here on the basis of its various uses, at least in those aspects that have influenced our ways of seeing. At the same time, one can also discern in this text the struggle with the question “What actually is photography?” and the impossibility of a blanket answer. On the other hand, it is of course also an introduction to the exhibition of that time and thus not a text about everyday or functional photography, but about the uses situated within the art context or of interest to it, e.g. because they enable new perspectives.

Where I occasionally find myself in pensive disagreement with Schmalriede is when it comes to the sign-like nature of the image. I was studying philosophy and linguistics around the time this text was written, and I know how cool it was back then to apply the structural properties discovered in linguistics to pretty much everything that was the object of scientific endeavour. By discussing modes of use, he does at least incorporate pragmatics as a further level alongside syntax (structural laws) and semantics (meaning); however, whether he takes the final step – with or without the late Wittgenstein – and locates meaning in usage, I shall see when I also examine the texts written from a more semiotic perspective. I may return to this in another post.

For some texts, such as the one on Heinz Cibulka’s picture poems, one must first step into a time machine to understand what it is actually about. No idea, for now – but hopefully the internet will help out with visual material.

The chapter ‘Abbild’ (Image) continues with two shorter texts that examine the not unproblematic relationship between photography and art, or, to put it in Schmalriede’s terms, deal with the uses of images in general and photography specifically within an artistic context. Bear in mind that, when these texts were written, artists working with photography were only just beginning to explore conceptual and serial approaches to art, as well as with the large-format colour works of the Düsseldorf School to establish a firm foothold in the art world.

Linked to this, of course, is the question of what we—living in a completely transformed visual world—gain from engaging with photographic theory from the final years of the 20th century. As far as I can see for now, there are two points in particular that prove helpful. On the one hand, Schmalriede has developed precise, clearly defined terms that make it easier to discuss the uses of photography. On the other hand, the temporal distance also allows us to view our own contexts from a distance, so to speak, and thus discover larger patterns than would be possible from close up.

As an example of this, I would like to conclude with a quotation that, in my view, is particularly applicable to our own time. Let us savour it on our intellectual palate:

‘Should reality fare poorly in comparison with the perfection of images, the consequences could be disastrous, for this would lead to an aestheticisation of reality through images. Thus, the projective aspect of photography is, in itself, just as one-sided as the otherwise dominant representational function. Each of these aspects suppresses the signifying function of photography. Only an understanding of the fundamental ambiguity of signs protects us from one-sided consequences.”

Translated with the help of DeepL

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