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Andreas & Gursky

“These works exist somewhere between photography and painting”

> Ralph Rugoff <

Ich erinnere mich wie heute an den Abend als mein Freund Andi ein Bild in den Fotoclub Querformat mitbrachte, das erst mal niemand verstand. Es zeigte ein extrem langweiliges Uferstück ohne jegliches Ereignis. Der erste Knaller war zu erfahren, dass e sich um das (damals) teuerste Bild eines Photographen handelt. Da sagte sofort jeder „Das kann ich auch – langweilige Bilder machen“. Der zweite Gag den Andi in der Tasche hatte war ein zweites Bild dass die entsprechende Stelle am Rhein zeigte komplett mit einer Fabrik am andern Ufer und vielen anderen störenden Details. Die Debatte ging damals vor allem um die „Zulässigkeit“ von bildmanipulierenden Eingriffen mittels Photoshop und co.  Damit natürlich auch ein wenig am Wesen des Bildes Rhein II vorbei, das Andreas Gursky 1999 gemacht hat.

Er selbst sagt darüber, dass er nur wenig eingegriffen hat. Es sei seine Joggingstrecke und was er zeigen wollte, war sein Eindruck von dieser Ufertrecke. Das Leerfegen hat also bei ihm Methode, es entindividualisiert den Ort und macht ihn zu einem Ort, der ohne Probleme von Andern mit den Augen besucht werden kann. Bereinigung macht das Bild zur Projektionsfläche, die dann wieder individuell vom Betrachter gefüllt werden kann. Den gleichen Effekt erzielt er aber auch mit Auffüllen, wie zum Beispiel in `Hamm, Bergwerk Ost von 2008 dessen `making of´ sehr schön in einem Film von Jan Schmidt-Garre gezeigt wird. Dort ergänzt der die an der Decke hängenden Klamotten der Kumpels so dass alles voll hängt, was in der Realität nie der Fall ist. Gursky hatte aber die Idee mit seinen Mitteln zu zeigen wie es aussehen würde wenn alle Kumpels frei hätten. Nicht die Realität bestimmt also was aufs Bild soll sondern die Bildidee. Eine ordentliche Ausrüstung und Photoshop helfen dabei.

Unsere zweite Begegnung mit Gurski war kurz vor Weihnachten 2015 als eine sehr schöne Werkschau im Burda Museum Baden-Baden   lief. Es durfte nicht fotografiert werden aber das ist halb so schlimm weil die meisten Werke auf der Homepage des Künstlers bequem anzuschauen sind. Wir waren begeistert von  den Bildern. Vor allem die Wimmel-Bilder von der Börse (z.B. Kuweit stock exchange, 2007+08 und Chicago board of trade, 2009), aus der Disco, aus dem Stadion oder vom Flughafen sind beeindruckend, wenn man vor den riesigen Formaten steht. Dabei hat es mit kleinen Formaten (Produckte wie  Gasherd, 1980 und Produktionsstätten wie Siemens Karlsruhe, 1991) angefangen, erst spät und vor allem um solche monumentale Versammlungsbilder verwirklichen zu können sind die Bilder so groß geworden.

Es ist im Übrigen nicht erheblich, ob auf dem Bild Menschen zu sehen sind oder nicht. Es geht nicht um den Menschen. Wenn er auftaucht ist er Statist, relativ gesichtslos, ein Kompositionselement. Es geht um Orte. Andreas Gursky sagt, es gehe ihm nicht um die Darstellung von Orten sondern um eine (seine?) Interpretation von Orten, seine Erinnerung an Sie oder die Idee, die sie in ihm erzeugt haben.  Bei einigen neueren Bildern (Utah, 2017 und Tokio 2017) oder ist bekannt das Sie aus einer Smartphone-Aufnahme aus einem fahrenden Zug entstanden sind. Daraufhin wird der Ort besucht und mit Kameras abgelichtet, die so ungefähr das Gegenteil von Smartphones sind um dem dann komponierten Bild per Photoshop wieder die Anmutung eines Smartphonebildes zu geben. Hieran kann man auch sehen dass Gursky sich mit den Themen der Zeit beschäftigt dass er nicht unbedingt umsetzt was ihm so im Kopf rumschwirrt sondern irgendwie kollektive Bildwelten kreiert aus einem konkreten Ort einen Überall –Ort macht vielleicht nicht genau im Sinne der `Nicht-Orte´ wie Marc Augé sie nennt sondern mehr im Sinne universaler Orte. Am deutlichsten wird die vielleicht im Supermarktbild schlechthin dem `99 cent´ von 1999 oder dem `99 cent II, Ditpych´ von 2001. Das ist nicht irgendein Supermarkt sondern der Supermarkt, der Supermarkt wie ihn Jeder kennt und nutzt.

Er bleibt eigentlich trotz aller Komposition und Manipulation Realist wie er es bei seinen Lehrern Hilla und Bernd Becher gelernt hat. Er analysiert sein `sujet´ und holt mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln das Typische daran heraus. Es gibt nur ein paar Bilder die irgendwie am Rande stehen und drohen ins surrealistishce zu kippen. Darunter sind auf jeden Fall `Lehmbruck I´ und Lehmbruck II´ von denen ich leider nicht mehr weiß ob sie in Baden-Baden zu sehen waren. Auf jeden Fall scheint das Lehmbruck-Museum die Künstler zu inspirieren, wie wir schon bei Karin Kneffel gesehen haben. Bei Gursky ist der Glaskasten klar, leicht von Oben in Reiterperspektive gezeigt und versammelt neben  verschiedenen Kunstwerke  eben auch eine nackte frau und einen roten Fleck am Boden. An der Treppe hängt nicht irgendein Richter sondern `Ema die Treppe herab steigend´ und irgendwo an der Wand steht ein Mensch. Wenn man nicht zufällig Kunst-Professor ist, ist es schwer zu sagen was Kunstwerk, was real und was Phantasie ist. Noch surrealer wird es in Lehmbruck II. Hier steht im Glaskasten ein Aquarium worin ein Hai verweilt offensichtliche in Konversation mit dem überdimensionalen Fliegenpilz, mit dem er sich den Glasksten teilt. Drumrum stehen Kunstwerke  und Besucher (?) und betrachten das Schauspiel oder machen sich vom Acker. Hier lotet er offensichtlich aus wie weit die Photographie trägt wieweit sie wenn man ihren Abbildungsanspruch strapaziert noch funktioniert. Letztlich wie bei Photocollagen nur eben technisch perfekter.

Die Faszination wird auch nicht weniger, wenn die Bilder ins Künstliche abdriften wie z.B. beim Frankfurter Flughafen (Frankfurt, 2007), wo einem das bisschen Weltwissen, was man so hat schon sagt „Nein, so eine große Anzeigentafel gibt es nicht“ oder bei dem Bild `Kathedrale I, 2007´, wo man, sobald man sich von der Faszination befreit hat, bemerkt dass so viel Fenster und so dünne tragende Teile niemals funktionieren würden. Dieses Bild konnte ich bei meinem letzten Besuch im Schauwerk, wieder bestaunen.

Auf unserer letzten Sonntagmorgenwalkingtour mit Andi haben wir uns an unseren Besuch in Baden-Baden erinnert und beide sofort an ein Bild gedacht, dass ich im Werkverzeichnis nicht wiederfinden kann (diesen shift -Effekt sieht man aber auch in `Singapore I´, 1997, `Monaco´, 2004 und `Tour de France´, 2007). Da hat Andreas Gursky eine Art vertikales Schwenkpanorama von einer Landschaft gemacht dergestalt, dass man, wenn man es von unten nach oben anschaut, stufenlos von einer Draufsicht in eine horizontale Sicht wechselt. Das scheint mir auch eine Klammer zu sein, die (fast) alle seine neueren Werke zusammenhält. Sie ermöglichen einen Blick, den man normalerweise nie simultan sondern eigentlich immer  nur sukzessive bekommen kann. Entweder in der Zeit (z.B. wenn er eine Modenschau darstellt, bei der alle Mannequins gleichzeitig auf der Bühne sind) oder im Raum, wenn er Panorama-Ansichten montiert, die selbst das beste Weitwinkelobjektiv nicht zusammen bekommen würde. So kombiniert er eine Vielzahl von Blicken und/oder Perspektiven in einem Bild.

I remember like today the evening when my friend Andi brought a picture to the photo club QF  that nobody understood at first. It showed extremely boring river banks without any event. The first bang was to learn, that it was the most expensive picture of a photographer (at that time). Everybody immediately said “I can do that too – take boring pictures”. The second gag that Andi had in his pocket was a second picture that showed the corresponding place on the Rhine, complete with a factory on the other bank and many other disturbing details. The debate at that time was mainly about the “admissibility” of image manipulating operations using Photoshop and co.  This of course misses the essence of the picture Rhine II, which Andreas Gursky took in 1999.

He himself says that he only intervened a little. It was his jogging route and what he wanted to show was his impression of this stretch of river. So sweeping it empty was a method for him, it de-individualizes the place and makes it a place that can be visited by others with the eyes without any problems. Cleansing turns the image into a projection surface that can then be filled individually by the viewer. He achieves the same effect with filling, as for example in ‘Hamm, Bergwerk Ost’ from 2008, whose ‘making of’ is shown very beautifully in a film by Jan Schmidt-Garre. There he completes the miners’ clothes hanging from the ceiling so that everything is full of stuff, what never is the case in reality. But Gursky had the idea to show with his means how it would look like if all the mates had a day off. So it’s not the reality that determines what should be in the picture but the idea of the picture. A good equipment and Photoshop help with that.

Our second meeting with Gurski was shortly before Christmas 2015 when a very nice exhibition was shown in the Burda Museum Baden-Baden. It was not allowed to take pictures but that’s not so bad because most of the works can be easily viewed on the homepage of the artist. We were thrilled by the pictures. Especially the crowded pictures from the stock exchange (e.g. Kuweit stock exchange, 2007+08 and Chicago board of trade, 2009), from the disco, from the stadium or from the airport are impressive when you stand in front of the huge formats. It all started with small formats (products like gas stove, 1980 and production facilities like Siemens Karlsruhe, 1991), but it was only late and especially in order to be able to realize such monumental assembly pictures, that the formats have become so big.

By the way, it is not important wether there are people in the picture or not. It is not about the people. When they appears they are a relatively faceless extra, an element of composition. It is all about places. Andreas Gursky says, he is not interested in the representation of places but in (his?) interpretation of places, his memory of them or the idea they have created in him.  In some recent paintings (Utah, 2017 and Tokyo, 2017) that are known to have been created from a smartphone recording from a moving train. The place is then visited and photographed with cameras that are roughly the opposite of smartphones to then again give the picture composed in Photoshop the appearance of a smartphone picture. From this you can also see that Gursky is concerned with the themes of the time, that he does not necessarily implement what is buzzing around in his head but somehow creates collective visual worlds from a concrete place to an everywhere place – perhaps not exactly in the sense of the ‘non-places’ as Marc Augé calls them but more in the sense of universal places. This is perhaps most evident in the supermarket image par excellence the ’99 cent’ of 1999 or the ’99 cent II, Ditpych’ of 2001. This is not just any supermarket but the supermarket that everyone knows and uses.

Despite all composition and manipulation he actually remains a realist as he learned from his teachers Hilla and Bernd Becher. He analyses his ‘subject’ and brings out the typical in it with all the means at his disposal. There are only a few images that are somehow marginal and threaten to tip over into surrealism. Among them are ‘Lehmbruck I’ and ‘Lehmbruck II’ of which I unfortunately don’t remember if they were shown in Baden-Baden. In any case, the Lehmbruck Museum seems to inspire the artists, as we have already seen with Karin Kneffel Gursky’s glass case is clear and shown from slightly above in a rider’s perspective and, in addition to various works of art, also contains a naked woman and a red spot on the floor. On the stairs is not some Gerhard Richter work but ‘Ema descending the stairs’ and somewhere on the wall is a human being. Unless you happen to be an art professor, it’s hard to tell, what is art, what is real and what is fantasy. It becomes even more surreal in Lehmbruck II. Here in the glass case we have an aquarium in which a shark lingers, obviously in conversation with the oversized amanita muscaria with which he shares the glass case. All around there are works of art and visitors (?) to watch the spectacle or leave the field. Here he obviously plumbs the depths of photography and how far it still works when its image is strained. In the end, it works as with photo collages, only technically more perfect.

The fascination doesn’t diminish when the pictures drifts into the artificial, as for example at the Frankfurt airport (Frankfurt, 2007) where the little bit of worldly knowledge you have gathered  tells you “No, there’s no such big billboard” or at the picture ‘Cathedral I, 2007’ where you notice as soon as you have freed yourself from the fascination, that so many windows and such thin supporting parts would never work. I was able to see this picture during my last visit to the Schauwerk again.

On our last Sunday morning walking tour with Andi, we remembered our visit to Baden-Baden and both immediately thought of a picture that I can’t find in the catalogue (but this shift effect can also be seen in ‘Singapore I’, 1997, ‘Monaco’, 2004 and ‘Tour de France’, 2007). Andreas Gursky has created a kind of vertical panorama of a landscape in such a way that when you look at it from bottom to top, you change smoothly from a top view to a horizontal view. This also seems to me to be a bracket that holds (almost) all his more recent works together. They allow a view that you can normally never get simultaneously, but rather only successively. Either in time (e.g. when he presents a fashion show where all the models are on stage at the same time) or in space, when he mounts panoramic views that even the best wide-angle lens would not be able to get together. In this way he combines a variety of views and/or perspectives in one image.

Translated with the help of www.DeepL.com/Translator

2 Comments

  1. Andreas

    Vielen Dank Rolf.
    Das Namesnspiel gefällt mir mindestens so gut wie die Bilder von Andreas und deine Erwähnungen über einen Anderen.
    Grüße Andreas

    • Rolf Noe

      Danke, es war mir ein Vergnügen zwei beondere Exemplare der Gattung Andreas zu würdigen. Natürlich können sich alle Anderen auch gemeint fühlen 🙂

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