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Aufzeigen und Aufrütteln / Show and Startle

Seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielen Bilder eine große Rolle im Kampf gegen Ungerechtigkeit, Armut und Ausgrenzung. Nimmt man z.B. die Bilder von Sebatiao Salgado, der kürzlich den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen hat, findet man darin neben schönen Bildern ein unermüdliches Aufmerksam machen auf Missstände und soziale  Ungerechtigkeit.

Ich möchte aber hier nicht über die großen Namen reden sondern entlang der eigenen Biographie mich mit einem Photographen beschäftigen, den ich zwar selbst nie kennen gelernt habe, der sich aber sehr intensiv mit den Zuständen in staatlichen Heimen für Behinderte in St. Petersburg in Russland auseinandergesetzt hat. In diesen Heimen war ich selbst in den Jahren 2008 und 2009 eingeladen um bei der Arbeit mit den Behinderten beratend die dortigen Therapeuten zu unterstützen.

Es geht um Peter Dannemann geboren 1950. Er lebte in Bern und Hamburg. Nach einem Studium der Fotografie an der Kunsthochschule in Hamburg arbeitete er als Assistent von Professor Kilian Breier. Die letzten Jahre vor seinem Tod 2015 hat er wiederum an einer Kunstschule gearbeitet, als Dozent an der Schule für Gestaltung in Bern. Dammann fotografierte sozial engagierte Reportagen und arbeitete dabei mit Hilfsorganisationen zusammen. Einen Schwerpunkt bildeten seine fotografischen Projekte in Mittelosteuropa und Nahost. Peter Dammann brachte die Bilder dahin zurück, wo er sie fotografiert hat und realisierte Ausstellungen in St. Petersburg, Tbilisi, Gaza-City, Jerusalem und Ramallah. Dammann hat zahlreiche Preise für seine Arbeit bekommen, u.a. einen World Press Photo Award und den Lead Award.

Bei meinem Besuch in St.Petersburg habe ich sein Buch „Hinter dem Palst steht noch ein Haus“ als Dank für mein Engagement geschenkt bekommen. Es handelt von den Bewohnern des Psychoneurologischen Internates Nr 3 In Peterhof etwas außerhalb von Petersburg. Bekannt wegen des prächtigen Zaren-Palastes dort. Darauf bezieht sich auch der Titel des Buches. Ich hatte Gelegenheit dieses Heim zu besuchen und dort einen Tag lang mit einigen Bewohnern zu arbeiten. Beeindruckt hat mich die, angesichts der doch zum Teil harten Lebensbedingungen dort, erstaunliche Lebensfreude der Bewohner, das bisschen Würde das ihnen geblieben oder von den engagierten Helfern dort zurückgegeben wurde. Diesen Eindruck finde ich in Bilder umgesetzt in dieser aber auch in anderen Reportagen Dammanns wieder. Seine Reportagen sind gekennzeichnet von einem leichten, fast beiläufigen Blick auf die Menschen in ihrer Situation. Und trotzdem oder gerade weil sie nicht bitterernst anklagend daherkommen berühren die Bilder auch nach all den Jahren noch.

Ein zweites Beispiel, das ich nur am Rande mitbekommen habe ist seine Arbeit mit den Straßenkindern in St.Petersburg . Er hat auch schon in Sofia und Bukarest über Straßen- und Bahnhofskinder Bilderreportagen gemacht. In Petersburg dokumentiert er schon in den neunziger Jahren den Anfang einer Arbeit mit diesen Kindern z.B. dem Schaffen von Wohnmöglichkeiten. In dem Buch „Wir sind klüger als ihr denkt“ zeigt er diese ersten Schritte. Ich hatte die Gelegenheit 2008 zu erleben wie diese ehemaligen Straßenkinder eine Vorstellung ihres Zirkusprojektes gaben.

Dammann hat sich als gelernter Sozialpädagoge so weit in die vorgefundenen Situationen hineinbegeben, dass die Absicht der Bilder, nämlich aufzurütteln und für ein Engagement zugunsten dieser benachteiligten Menschen zu werben auch ohne die große Geste rüberkommt. Allenfalls in den Texten (die meist nicht von ihm sind) spürt man manchmal die journalistische Zuspitzung auf wirkungsvolle Details. Letztlich hatten diese Bilder und Reportagen ihren Zweck ja auch erfüllt. Die in den betroffenen Heimen tätigen Initiativen, vor allem der Verein Perspektiven und die russische Partnerorganisation Perspektivy  konnten so über die Jahre Spenden v.a. aus Deutschland für ihre Arbeit einsetzen.

Im Zuge genau dieser Arbeit hatte ich Gelegenheit vor allem im Kinderheim Nr4 in Pawlowsk vor Ort als Berater für die dort tätigen Physiotherapeuten tätig zu werden bzw. die in diesen Heimen Tätigen für ihre Arbeit weiterzubilden. Es hat sich dort trotz der z.T. widrigen Umstände eine nachhaltige Arbeit zum Wohle der Heiminsassen etabliert.

Peter Dammann ist inzwischen verstorben. Wieder aufmerksam auf ihn wurde ich über eine im Übrigen erfolgreiche Fundraising-Kampagne zugunsten eines 320 Seiten dicken Sammelbandes seiner Bilder, der im November dieses Jahres erscheinen wird.

 „Als ich zuletzt im Psycho-Neurologischen Internat in Peterhof war, sagte eine Bewohnerin, zu mir, ich solle ihr doch mehr von den alten Bildern mitbringen, „als sie noch jung und schön“ war. Hunderte Fotos habe ich in die Heime, Internate und Anstalten getragen. Die Bilder liegen unter Matratzen, kleben in Alben der Bewohner oder sind in Kartons vergraben. Ich nenne diese Bilder meine unsichtbaren Ausstellungen.“

  
Peter Dammann, 2015

 

PS: Ich habe tausende von Bildern gemacht in St.Petersburg. Bessere und schlechtere, aber wenn ich heute an die Zeit dort denke fällt mir vor allem dieses Eine mit einem Nokia 6300 gemachte überbelichtete Handy-Photo ein, das diesem Beitrag einläutet.

 

Images have played a major role in the fight against injustice, poverty and exclusion since the 1960s. Take, for example, the pictures of Sebatiao Salgado, who recently received the Peace Prize of the German Book Trade , one finds in addition to beautiful pictures, a tireless attention to grievances and social injustice.

However, I do not want to talk about the big names here, but I will deal with a photographer along the own biography, whom I have never met myself, but who deals with the conditions in state homes for the disabled in St. Petersburg, Russia very intensively Has. In these homes, I was invited in the years 2008 and 2009 to assist in the work with the disabled counseling the local therapists

It’s about Peter Dannemann born in 1950. He lived in Bern and Hamburg. After studying photography at the Kunsthochschule in Hamburg, he worked as an assistant to Professor Kilian Breier. The last years before his death in 2015, he again worked at an art school, as a lecturer at the School of Design in Bern. Dammann photographed socially committed reports and worked together with aid organizations. One focus was his photographic projects in Central Eastern Europe and the Middle East. Peter Dammann took the pictures back to where he photographed them and realized exhibitions in St. Petersburg, Tbilisi, Gaza City, Jerusalem and Ramallah. Dammann has received numerous awards for his work, ia. a World Press Photo Award and the Lead Award.

During my visit to St. Petersburg, I received his book “Behind the Palst is still a house” as a thank you for my commitment. It is about the residents of the Psychoneurological boarding house No. 3 In Peterhof  just outside of Petersburg. Known for the magnificent Tsar Palace there. This is also the title of the book. I had the opportunity to visit this home and work with some residents for a day. I was impressed by the, in some cases harsh living conditions there, amazing zest for life of the residents, the little dignity that remained to them or was returned by the dedicated helpers there. This impression I find in pictures implemented in this but also in other reports Dammanns again. His reports are characterized by a light, almost casual look at the people in their situation. And yet, or perhaps because they are not bitterly accusatory, the pictures still touch after all these years.

A second example, which I only marginally noticed is his work with the street children in St. Petersburg . He has also made photo reports on street and station children in Sofia and Bucharest. As early as the nineties he documented the beginning of a work with these children in St. Petersburg. the creation of housing possibilities. In the book “We are smarter than you think” he shows these first steps. I had the opportunity in 2008 to experience how these former street children gave an idea of ​​their circus project.

As a trained social pedagogue, Dammann has gone so far into the existing situations that the intention of the pictures, namely to shake up and promote a commitment in favor of these disadvantaged people, even without the big gesture over. At most in the lyrics (which are mostly not from him) you can sometimes feel the journalistic focus on effective details. Ultimately, these pictures and reports had their purpose indeed fulfilled. The initiatives in the affected institutions, especially the Verein Perspectiven and the Russian partner organization Perspektivy have been able to contribute donations over the years. from Germany for their work.

In the course of this work I had the opportunity to work as a consultant for the physiotherapists working there at the Children’s Home Nr4 in Pavlovsk or to train the people working in these homes for their work. It has been there despite the z.T. adverse circumstances established sustainable work for the benefit of home residents.

Peter Dammann has died in the meantime. Again, I became aware of him by way of a successful fundraising campaign in favor of a 320-page volume of his pictures, which will be published this November Year will appear.

 “When I was last at the Psycho-Neurological boarding school in Peterhof, a resident said to me,” I should bring her more of the old pictures, when she was still young and beautiful “. I have carried hundreds of photos to the homes, boarding schools and institutions. The pictures lie under mattresses, stick in albums of the inhabitants or are buried in cardboard boxes. I call these pictures my invisible exhibitions. “

Peter Dammann, 2015

BTW: I made thousands of pictures in St.Petersburg. Better and worse, but when I think of the time there, I especially remember this one over-exposed mobile phone photo made with a Nokia 6300 that heralds this post.

2 Comments

  1. Harald S.

    Ein sehr berührender Beitrag, Rolf! Er macht wieder einmal deutlich, was Fotografie bewirken kann, wenn sie richtig eingesetzt wird. Schön finde ich auch den Bezug zur Biografie das Autors. Und noch etwas finde ich bemerkenswert. Peter Dammann hat die Bilder nicht als “Jagdbeute” betrachtet, sondern sie wieder zu den Leuten gebracht, die er fotografiert hatte. Das ist eine außergewöhnliche Haltung.

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