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Bewusster photographieren / Photographing with more Awareness

Nachdem ich meine Betroffenheit angesichts eines Textes aus dem Buch von François Jullian hier öffentlich gemacht hatte, erreichen mich auch außerhalb der Kommentare Stimmen, die, vielleicht um mich zu trösten, darauf hingewiesen haben, dass Fotografieren nicht zwangsläufig heißen muss, dass man sein Leben auf später verschiebt. Obwohl mir das bewusst ist, habe ich mich in bestimmten Aspekten meines photographischen Tuns ertappt gefüllt. Es muss auch anders gehen. Ja aber wie?  Wie kann man es schaffen beim Photographieren präsent zu sein, den Moment des Photographierens intensiv zu erleben? Ja gut, da gibt es Strategien, die ich zum Teil ja auch schon verfolge. Aber ich möchte trotzdem noch mal etwas tiefer in das Thema einsteigen.

Praktischerweise lag da schon etwas länger in meinem „ungelesene Bücher-Stapel“ das Buch “Bewusster Fotografieren” von David Ulrich, dass ich mir von d-punkt Verlag zu Rezension habe kommen lassen. Und ich begann zu lesen. Was mich immer ein wenig irritiert ist, wenn Inhalte, die an und für sich spannend und interessant sind, so strukturiert werden, dass es sich als Lehrbuch verkaufen lässt. Aber das muss man wahrscheinlich, wenn man mehr als 50 Exemplare verkaufen will. Das Buch versucht das Thema in vielen kleinen Betrachtungen zu fassen zu kriegen.

Ulrich startet mit einer bewegenden Geschichte über seinen Lehrer Minor White und auch im Folgenden wird deutlich, wie wichtig es ist sich in seinem Tun an Vorbildern zu orientieren. Nicht im Sinne eines Nachahmens, sondern, um sich mit ihrer Art vertraut zu machen, die Dinge zu sehen und zu zeigen. Er appelliert an dem Leser das Malerische zu meiden und sich immer wieder die Frage zu stellen, was man mit seinen Bildern eigentlich zeigen will. In Anlehnung an Shunryu Suzukis Anfängergeist lädt er dazu ein mit Anfänger-Augen durch die Welt zu gehen, das Gesehene dann aber mit Profifingern einzufangen.

Having publicly expressed my dismay here regarding a passage from François Jullian’s book, I have also received messages outside the comments section from people who, perhaps to comfort me, have pointed out that taking photographs does not necessarily mean putting one’s life on hold for later. Although I am aware of this, I have found myself caught up in certain aspects of my photographic practice. There must be another way. Yes, but how? How can one manage to be present whilst taking photographs, to experience the moment of taking the photograph intensely? Well, there are strategies that I am already following to some extent. But I would still like to delve a little deeper into the subject.

Conveniently, the book *Bewusster Fotografieren* by David Ulrich had been sitting in my ‘unread books pile’ for quite some time; I’d asked d-punkt Verlag to send it to me for review. And I began to read. What always irritates me a little is when content that is, in itself, exciting and interesting is structured in such a way that it can be sold as a textbook. But that’s probably necessary if you want to sell more than 50 copies. The book attempts to capture the subject in many small reflections.

Ulrich begins with a moving story about his teacher Minor White and it becomes clear throughout the book just how important it is to take inspiration from role models in one’s work. Not in the sense of imitation, but to familiarise oneself with their way of seeing and presenting things. He urges the reader to avoid the picturesque and to constantly ask oneself what one actually wants to show with one’s photographs. Drawing on Shunryu Suzuki’s ‘Beginner’s Mind’, he invites us to view the world through the eyes of a beginner, but then to capture what we see with the skilled fingers of a professional.

Einer der wichtigsten Hinweise für ein bewusstes Photographieren steckt darin, dass der Blick nach außen immer von einem Blick nach innen begleitet werden sollte. Was macht der Anblick mit mir, was bewegt mich dazu ihm Aufmerksamkeit zu schenken und was fühle ich, wenn ich was sehe. Dieses „bei sich bleiben“ während man in die Welt schaut, erlaubt es uns wahrzunehmen, wo wir mit auftauchenden Phänomenen in Resonanz gehen, wo die Dinge und Prozesse etwas in uns zum Schwingen bringen. Ganz ausführlich kann man sich mit dem Phänomen Resonanz und mit der Frage was das mit unserem „Lebendig sein“ zu tun hat bei Hartmut Rosa informieren. Ich vermute, dass es sich bei dem, was Roland Barthes  in der Begegnung des Bildes mit dem Betrachter „Punktum“ nennt, und beschreibt ebenfalls immer um ein Resonanz-Phänomen handelt. Um solche Phänomene beim Photographieren und beim Betrachten der eigenen Bilder wahrnehmen zu können und sie für den kreativen Prozess nutzen zu können ist Aufmerksamkeit eine wichtige Voraussetzung.

Ulrich kontrastiert sie mit der Ablenkung und rät sich auf das Wechselspiel einzulassen. Auch die Ablenkung wahrzunehmen und immer wieder sofort mit der Aufmerksamkeit zu seinem eigenen Prozess zurückzukommen. Ein Rat, der angesichts der KI-Schwemme für mich richtig Sinn macht, ist die fleischlichen, schmutzigen Details im Bild zu belassen und es nicht zu bereinigen oder zu ästhetisieren.

Zum bewussten Photographieren gehört laut Ulrich auch, sich Gedanken darüber zu machen welche Zielgruppe ich meine Fotos mache damit Photographieren als lebendige Kommunikation gelingen kann, muss ich mit meinem Publikum in Kontakt kommen, meine Bilder zeigen, Reaktionen darauf berücksichtigen. Für mich stellt sich an dieser Stelle die Frage was ist, wenn ich als Antwort auf die Frage nach dem Publikum zu der Erkenntnis komme, dass ich nur für mich photographiere? Selbstgespräch? Diese Antwort lasse ich mal bewusst offen.

One of the most important principles of mindful photography is that looking outwards should always be accompanied by looking inwards. What effect does the sight have on me, what prompts me to pay attention to it, and what do I feel when I see something? This ‘staying with oneself’ whilst looking out at the world allows us to perceive where we resonate with emerging phenomena, where things and processes set something within us in motion. For a detailed exploration of the phenomenon of resonance and the question of what this has to do with our ‘aliveness’, see Hartmut Rosa. I suspect that what Roland Barthes calls ‘punctum’ in the encounter between the image and the viewer, in my point of view, always involves a phenomenon of resonance. To be able to perceive such phenomena whilst taking photographs and viewing one’s own images, and to utilise them in the creative process, attention is an essential prerequisite.

Ulrich contrasts this with distraction and advises engaging with the interplay. He also suggests being aware of the distraction and repeatedly returning one’s attention to one’s own process. One piece of advice that makes perfect sense to me, given the glut of AI, is to leave the carnal, dirty details in the image and not to clean it up or aestheticise it.

According to Ulrich, conscious photography also involves thinking about the target audience for my photos. For photography to succeed as a form of living communication, I must connect with my audience, show them my images, and take their reactions into account. At this point, the question arises for me: what if, in response to the question about the audience, I come to the realisation that I am only taking photographs for myself? Talking to myself? I’ll deliberately leave that answer open for now.

Ulrich versucht die verschiedenen Einflüsse, die das Vergehen der Zeit auf das Photographieren hat aufzuzeigen. Zum einen sei es wichtig ein Gefühl für die Prozesse in der Zeit zu entwickeln, um den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, an dem die Zeit durch die Aufnahme eingefroren wird. Im Gegensatz zu dieser Fähigkeit, die vor allem in der Street- und Menschen-Fotografie unabdingbar ist, ist es bei Landschaften und Stillleben wichtig sich Zeit zu nehmen und sich in eine fast meditative Betrachtung zu versenken, um gut komponierte Bilder zu bekommen. Schließlich ist auch das Gefühl für das richtige Licht etwas, was damit zu tun hat, dass man sich Zeit nimmt, immer wieder zu seinem Motiv zurückzukehren, um es bei verschiedenen Lichtstimmungen zu photographieren, bis man die Wirkung erzielen kann, die man sich vorgestellt hat.

Das muss erst mal reichen. Ich möchte ja nicht das ganze Buch paraphrasieren zumal in einigen der kurzen Kapitel mehr steckt als man soeben mal kurz erzählen kann. Das Buch ist eher eines von denen, die man immer mal wieder zur Hand nimmt, um sich inspirieren zu lassen oder seine Vorgehensweisen weiterzuentwickeln. So, denke ich, werde ich das auch handhaben.

Ulrich seeks to highlight the various ways in which the passage of time influences photography. On the one hand, he argues that it is important to develop a sense of the processes at work over time in order to capture the precise moment when time is frozen in the photograph. In contrast to this skill, which is essential particularly in street and portrait photography, when it comes to landscapes and still lifes, it is important to take your time and immerse yourself in an almost meditative contemplation in order to achieve well-composed images. Finally, a feel for the right light is also something that comes from taking the time to return to your subject again and again to photograph it in different lighting conditions until you can achieve the effect you had in mind.


That will have to do for now. I don’t want to paraphrase the whole book, especially as some of the short chapters contain more than can be summarised in a few words. The book is more of the sort you pick up every now and then to find inspiration or to refine your approach. I think that’s how I’ll handle it too.

Translated with the help of DeepL.com 

2 Comments

  1. Rolf Noe

    Wer sich nicht die Geduld und Demut hat sich auf seinen eigenen Prozess einzulassen, wird wohl kaum über das hinauskommen, was er bei anderen gesehen hat. Danke für deine profunden Worte!

  2. Andreas

    Bin gerade über das Zitat von Cezanne gestolpert, das vielleicht ganz gut in den Zusammenhang passt.

    „Das ganze Wollen des Malers muss schweigen. Er soll in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit. Vergessen! Vergessen! Stille schaffen! Ein vollkommenes Echo sein. […] Die Landschaft spiegelt sich, vermenschlicht sich, denkt sich in mir. […] Ich steige mit ihr zu den Wurzeln der Welt. Wir keimen. Eine zärtliche Erregung ergreift mich und aus den Wurzeln dieser Erregung steigt dann der Saft, die Farbe. Ich bin der wirklichen Welt geboren. Ich sehe! […] Um das zu malen muss dann das Handwerk einsetzen, aber ein demütiges Handwerk, das gehorcht und bereit ist, unbewusst zu übertragen.“

    Das klingt bei Cezanne jetzt superdramatisch, ist es aber eigentlich nicht, nur manchmal stellt sie so ein Gefühl des Eins-Sein ein. Die Demut des Handwerks ist wichtig, solange man sich auf die Technik konzentrieren muss, dringt man zumindest mühevoller zum Kern des Bildes vor.

    Für mich selbst baue ich das Zitat um in Wahrnehmen, Erkennen und Umsetzen. Und ich betrachte es auch, wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, als Prozess, der mitunter Jahre dauern kann, in denen ich immer wieder andere Dinge wahrnehme und erkenne und in denen die Umsetzung immer demütiger wird. (Wobei ich hier unter “demütig” verstehe, dass ich genau weiß, was ich mit der Kamera gerade anstellen will.)

    Da man, anders als der Maler, als Fotograf nicht vor eine leeren Leinwand sitzt, sondern seine Bilder aus einer übervollen Welt isoliert, ist der Prozess, solange man nicht unter extrem kontrollierbaren Bedingungen wie Stilllife im Studio fotografiert, immer zum Teil dem Zufall unterworfen.

    Tatsächlich ist ja das Komplexeste an dem Prozess, vom “ganzen Wollen” zum “vollkommenen Echo” zu werden. Ich glaube nicht, dass ich mein Wollen dabei aufgebe. Es geht vielmehr um die Verfeinerung, um die Vertiefung. Was habe ich da eigentlich vor mir, und was davon will ich in mein Bild und wie.

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