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Bild-Eindrücke Nr. 9 / Picture Impressions nr. 9

Diesmal ist das Setting ein wenig anders als sonst. Wir schreiben, ohne die Texte der anderen Beiden gelesen zu haben, auf, was uns zu diesem Bild einfällt, das wir gemeinsam in der Ausstellung „AugenBlicke“ im Kunstwerk der Sammlung Klein gesehen haben und dass uns sehr in seinen Bann gezogen hat. Am Ende werde ich die Info anfügen, die in der Ausstellung zu Künstler und Bild gegeben wurden.

Haralds Eindruck:

Eine auf den ersten Blick katholische Szene. Ehrfurcht und Ergriffenheit bei einem uniformierten SS-Mann? Der Widerspruch irritiert mich. Und es liegt etwas Unfrommes in den verschlossenen Gesichtern der Elitesoldaten, eine unausgesprochene Drohung. Der blonde Uniformierte am rechten Bildrand blickt auf den Penis des kleinen Jungen auf dem Schoß seiner Mutter. Dass der Bub nur nicht beschnitten sei! Und die junge Mutter ist keine demütige Maria, keine Madonna voll der Gnaden, es ist eher ein leiser Hochmut in ihrer Haltung, ihrem Blick. Und ihr Kind – wessen Züge trägt es? Das Haar schräg an der Stirn anliegend, der selbstbewusste Blick. Das Kind ist die Hoffnung der Uniformierten, ihr erwarteter Erlöser. Doch er wird nicht Frieden bringen, sondern Krieg und Leid und Tod. Die Szene spielt nicht in einem Stall, sondern in einem Raum mit dunklen Wänden, der wirkt ebenso unheimlich wie die Szene selbst. Keine fromme Romantik, kein himmlischer Trost. Man spürt nur Kälte.

Michaels Eindruck:

Nun also eine kleine Exkursion ins Nachbar-Genre, der Malerei. Ja, es ist wirklich ein Gemälde und mit Abstand betrachtet, kaum von einer Fotografie zu unterscheiden. Da stehen wir also staunend vor diesem beeindruckenden großen Kunstwerk. Die erste, gemeinsame Assoziation kommt dann auch schnell: die Weisen aus dem Morgenland begrüßen und bestaunen das Jesuskind. Mich überkommt auch jetzt noch beim intensiven Betrachten, ein leichter Schauer, ein Gefühlsmix, eine Spannung und Beklemmung, die ich nun versuchen möchte, zu ordnen.

Die Spannung ist einfach erklärt: Einerseits strahlt das Bild Ruhe und Friedlichkeit aus, gleichzeitig aber auch eine gewisse Bedrohung. Eine vielschichtige Bedrohung: geballte Männlichkeit umringt eine schöne, zarte, still und sanft wirkende, junge Frau mit ihrem Kind. Die Uniformen der rassistischen Massenmörder der SS-Schergen stellen „nur“ eine Bedrohung dar, die in meinen Gedanken entsteht. Ein weiterer Blickfänger und auch Teil meiner Anspannung ist das Baby, dessen selbstbewusste Körperhaltung und -sprache so gar nicht zum Alter passen wollen. Die Assoziationen nehmen weiter ihren Lauf: hat es nicht Ähnlichkeit mit Hitler? Soll es der erwartete Heilsbringer, der Messias der Nazis sein? Steht es nicht aufrecht und stolz da, wie Napoleon auf etlichen Gemälden? Und dann sein Blick. Als einziges Wesen schaut es direkt in die Augen der Betrachtenden, irgendwie keck und provokant.

Nun zu den Männern. Nur einer schaut der jungen Frau ins Gesicht, doch ihre Augen sind gesenkt. Niemand hat mit irgendjemand Blickkontakt. Besonders auffällig, aus mehreren Gründen, wirkt der Mann am rechten Bildrand. Er steht deutlich abseits und sein Blick scheint direkt auf das Geschlechtsteil des Babys gerichtet zu sein. Denkt er: „Ist es wirklich ein Junge und wird er zeugungsfähig sein?“ Ein anderer Augenblick zieht mich in den Bann: Die junge Frau betrachtet das, was ein Mann in den Händen hält. Ich kann nur mutmaßen, was es ist, zu unscharf ist die Darstellung. Ist es ein Papier, das die Legitimität von Frau und Kind beweisen soll?

Zurück zu meinen Gefühlen, zur Frage, was das genaue Betrachten des Gemäldes bei mir auslöst. Ich wage es nur schwer zuzugeben, aber Anspannung und Bedrohung haben sich verflüchtigt. Erklären kann ich es damit, dass ich mich mit zunehmender Situationsanalyse immer mehr von der Holocaust-Assoziation gelöst habe. Je mehr, desto stärker wirken auf mich die ausstrahlende Ruhe und Stille. Allein diese Erkenntnis lässt mich sehr bedenklich zurück.

Rolfs Eindruck:

Schon der erste Blick ist von zwei Vorurteilen belastet. Zum einen „sieht aus wie ein Richter, warum kenn’ ich den nicht“ und das zweite „schon wieder diese Nazis, so was Ekelhaftes – schnell wegschauen“. Dann sehe ich die junge Mutter, die gar nicht wie eine Mutter aussieht, aber wohl als solche betrachtet werden muss, da sie ein Kind auf dem Schoß hat. So ähnlich ist es mit dem Bild. Ist es eine Zyanotypie, evtl. durch ein Photo-Negativ belichtet? Nein es ist wohl gemalt, erweckt aber den Eindruck eines Photos. Live aus dem Hauptquartier. Und dann ist da natürlich etwas zutiefst Irritierendes darin codiert, dass die Herrschaften Offiziere alle vom Dresscode und auch von den Emotionen her völlig zugeknöpft dastehen, die Frau nur leicht bekleidet dasitzt, gewärmt durch eine locker um die Schultern geschlungene Uniformjacke und das Kleinkind sogar nackt dasteht, gewärmt nur von den Händen der Mutter.

Die nächste Eigenartigkeit ist das Kind. Es ist kein Säugling, wie er oft in Madonnendarstellungen vorkommt, sondern ein durchaus gut gefüttertes Kleinkind, das stehend und sogar ausschreitend dargestellt ist. Das Alter ist schwer zu schätzen, aber da es stehfähig ist muss es mindestens neun Monate alt sein, wenn der Schritt andeuten soll, dass es bereits laufen kann, dann eher ein Jahr. Diese Form der Darstellung habe ich schon mal auf einem älteren Madonnenbild gesehen und jetzt rausgefunden, dass in der Renaissance solche Darstellungen des Öfteren vorkommen und als symbolisch für die konkrete Menschwerdung gelesen werden können. Die Haarfarben lassen sich auf dem nur Kontraste und Blaustufen zeigenden Bild nicht genau festmachen. Trotzdem wirkt das sehr dunkelhaarige Kind auf dem Schoß der Mutter, die eher einem blonden Typus zuzurechnen ist, irgendwie wie ein Fremdkörper.

Dann habe ich doch den Titel gelesen und das hat meine Betrachtung nochmal auf eine andere Spur gebracht. „Dunkle Epiphanie“ (Anbetung der Heiligen drei Könige). Epiphanie heißt Erscheinung des Herren (6. Januar). Und es lässt sich so gesehen kaum mehr übersehen, dass mit dem Herrn ein gewisser Herr aus Österreich gemeint sein muss. Das gibt der ganzen Naziszene so eine Art religiöse Unterströmung. Könige und Hirten starren gebannt auf die Erscheinung. Geblendet (aus heutiger Sicht eher verblendet) durch diese aus der Verkörperung der Unschuld geborene Figur werden sie zu allem bereit sein und die wohl grausamsten Verbrechen ihrer Zeit begehen. Der kometenhafte Aufstieg Hitlers hatte wohl etwas Messianisches oder wurde als solcher gedeutet, was Vieles für mich nochmal in ein anderes Licht rückt.

Aber es gibt auch noch eine zweite Ebene der Interpretation, die sich mir aufdrängt. Nicht nur das Kind wird angebetet, sondern auch die arische „Jungfrau Maria“. Darin kann man einen Blick in die Tiefen des Rassenwahns tun, der eine leicht schwindelig machen kann. Ich war bei meinem letzten Berlin-Besuch im „Dokumentationszentrum Zwangsarbeit“ in Niederschöneweide. Dort wird anhand der menschenunwürdigen Behandlung von Zwangsarbeitern und der geradezu hysterischen Verfolgung und Bestrafung von Liebesbeziehungen zwischen deutschen Frauen und Zwangsarbeitern der Schatten dieses Blutreinheits- und Rassenwahns deutlich. Das könnte man in die tiefen Schatten im Hintergrund des Bildes hineinlesen.

Wenn wir mit einer Irritation angefangen haben, dann will ich auch mit Einer enden. Warum sind es fünf Männer und nicht Drei? Selbst wenn einer davon den Joseph darstellen soll ist es immer noch einer zu viel. Hat sich ein Hirte dazugestellt und wenn ja warum hatte er auch eine Uniform an? Vielleicht weil alle damals eine anhatten? Und warum schauen alle aufs Kind nur die Frau nicht?

This time, the setting is a little different from usual. Without having read the texts of the other two, we write down what comes to mind when we think of the picture that we saw together in the exhibition “AugenBlicke” at the Kunstwerk der Sammlung Klein (https://sammlung-klein.de/) and which captivated us. At the end, I will add the information provided in the exhibition about the artist and the image.

Harald’s impression:

At first glance, a Catholic scene. A sense of awe and emotion in a uniformed SS officer? The contradiction disturbs me. There is something unholy about the closed faces of the elite soldiers, an unspoken threat. The blonde uniformed man on the right of the picture is looking at the penis of the little boy sitting on his mother’s lap. I hope the boy is not circumcised! And the young mother is no humble Mary, no Madonna full of grace; there is rather a quiet haughtiness in her demeanor and her gaze.. And her child – whose features does it have? Its hair lies diagonally on its forehead, and it has a self-assured look. The child is the hope of the uniformed man, his expected saviour. Yet he will not bring peace, but war, suffering and death. The scene does not take place in a stable, but in a room with dark walls that is as unnerving as the scene itself. No pious romanticism, no heavenly consolation.      Only coldness is felt.

Michael’s impression:

Now, a short excursion into the neighbouring genre of painting. Yes, it is really a painting and, when viewed from a distance, it is almost indistinguishable from a photograph. We stand before this impressive large-scale artwork, marvelling at it. Our first shared association comes quickly: the Three Wise Men greeting and admiring the baby Jesus. Even now, when I look at it intensely, I am overcome by a slight shiver, a mix of feelings, a tension and a sense of oppression, which I will now try to explain.
The tension is easily explained: On the one hand, the image radiates calmness and peacefulness, but on the other hand, it also conveys a certain sense of threat. It is a multi-layered threat: a group of men surround a beautiful, delicate, quiet and gentle young woman with her child. The uniforms of the racist mass murderers of the SS are “only” a threat that I imagine. Another focal point and source of my tension is the baby, whose confident body language and demeanour do not seem to fit its age. My thoughts continue to race: doesn’t it bear a striking resemblance to Hitler? Is it the expected saviour, the Messiah of the Nazis? Does it not stand tall and proud, like Napoleon in many paintings? And then there’s its gaze. It is the only creature to look directly into the eyes of the viewer, somehow cheeky and provocative.

Now, let’s talk about the men. Only one man looks at the young woman, but her eyes are downcast. Nobody makes eye contact with anyone else. The man on the right of the picture is particularly striking for several reasons. He is standing well away from the others and his gaze seems to be fixed on the baby’s genitals. He thinks: ‘Is it really a boy and will he be fertile?’ Another moment captivates me: The young woman is looking at what the man is holding. I can only guess what it is, as the image is too blurry. Is it a document proving the legitimacy of the woman and child?
Back to my feelings, to the question of what exactly looking at the painting does to me. I find it hard to admit, but the sense of tension and threat has disappeared. I can explain this by saying that I have become increasingly detached from the Holocaust association as I have analysed the situation more and more. The more I think about it, the more I am affected by the radiating calm and silence.
This realisation alone leaves me feeling very uneasy.

Rolf’s impression:

Even the first glance is burdened by two prejudices. On the one hand, ‘he looks like a judge, why don’t I know him?’ and on the other, ‘already these Nazis, so disgusting – quickly look away’. Then I see the young mother, who does not look like a mother, but must be considered as such, as she has a child on her lap. It’s similar with the picture. Is it a cyanotype, possibly exposed using a photo negative? No, it’s painted, but it looks like a photo. Live from the headquarters. And then, of course, there is something deeply disturbing about the fact that the officers are all completely buttoned up in terms of both dress code and emotions, the woman is sitting lightly dressed, warmed by a loosely wrapped uniform jacket around her shoulders, and the toddler is standing completely naked, warmed only by the mother’s hands.

Another peculiarity is the child. It is not a baby, as is often the case in Madonna depictions, but a well-fed toddler, depicted standing and even taking steps. It is difficult to estimate the age, but as it can stand, it must be at least nine months old. If the step indicates that it can already walk, then it is probably around a year old. I have seen this form of representation before on an older Madonnna image and have now discovered that such representations were common in the Renaissance and could be interpreted as symbolising the incarnation of Christ. The hair colours cannot be accurately determined on the image, which only shows contrasts and shades of blue. Nevertheless, the very dark-haired child on the lap of the mother, who is more of a blonde type, somehow looks like a foreign body.

Then I read the title, which put me on a different track. ‘Dunkle Epiphanie’ (Adoration of the Magi). Epiphany means the manifestation of the Lord (6 January). And it’s hard to ignore the fact that the ‘Lord’ in question must be a certain Austrian gentleman. This gives the entire Nazi scene a kind of religious undertone. Die Könige und Hirten starren gebannt auf die Erscheinung. Blinded (or rather misguided) by this figure born of the embodiment of innocence, they will be ready to commit the most gruesome crimes of their time. Hitler’s meteoric rise had something messianic about it, or was seen as such, which sheds a different light on things for me.

But there is also a second level of interpretation that presents itself to me. It’s not just the child that is worshipped, but also the Aryan “Virgin Mary”. This offers a glimpse into the depths of racial mania that can make one dizzy. During my last visit to Berlin, I went to the “Documentation Centre for Forced Labour” in Niederschöneweide. There, the inhuman treatment of forced labourers and the almost hysterical persecution and punishment of love affairs between German women and forced labourers clearly demonstrate the shadow of this blood purity and racial madness. This could be seen as the deep shadows in the background of the image.

If we started with an irritation, then I want to end with one too. Why are there five men and not three? Even if one of them is supposed to represent Joseph, there are still one too many. Did a shepherd join them, and if so, why was he also wearing a uniform? Maybe because everyone wore one back then? And why are they all looking at the child, but not the woman?

Schließlich bleibt noch zu vermerken, dass mein (Rolfs) Text etwas Überlänge hat und auch von dem, worauf wir uns konzentrieren wollten, nämlich dem, was uns anspricht (mit Roland Barthes, das „punctum“) auch immer wieder in die Sphären dessen abschweift, was man noch zum Thema rausfinden kann (nach Barthes das „studium“). Ich habe versucht das nachträglich wieder zu trennen, es ist mir aber nicht gelungen. Das bitte ich zu entschuldigen.

Finally, it should be noted that my (Rolfs) text is rather long and, rather than focusing on what we wanted to concentrate on, namely what appeals to us (with Roland Barthes, the ‘punctum’), it also strays into the realms of what can be found out about the topic (according to Barthes, the ‘studium’). I tried to separate the two again afterwards, but I was not successful. I apologise for this.


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7 Comments

  1. Rolf Noe

    Dieser Kommentar von meinem Freund Stefan hat mich per Mail erreicht:

    Hab dir zum Helnwein-Bild noch ´n kleinen Text verfasst.

    Wie im Kunstbetrieb so üblich: ´n Bild (genauer: ´ne Darstellung), „mehrdeutig“ und „eindringlich“; der Rezipient soll rumrätseln über Dargestelltes und dessen Bedeutung (sprich: die Verwendung des Bildes/der Darstellung). Und der Hersteller sahnt gut ab.
    Kann´s Bild vom Nazi ikonisch-positiv verwendet werden? Oder ist nur kritischer Gebrauch möglich? Dass es vom Hersteller in Darstellung und Verwendung pro-nazistisch gemeint wäre, kann man wohl ausschließen. Nach allem, was sich über ihn eruieren lässt.
    Aber wie isses nun gemeint? In Darstellung und Verwendung? In ganz bestimmter Weise? Oder einfach mal so irgendwie?
    Dass rechter Krisenideologie was (sehr) Religiöses eignet, ist ja auch ein eher alter Hut. Und ebenfalls nicht ganz neu: Dass Religion vor allem in der Projektion machtvoller Wesen besteht, von denen eig´nes Glück oder Unglück abhängen soll; und die sich, was ihre Hilfe anbelangt, vom Gläub´gen dann beeinflussen lassen.
    Das Problem: Allein mit Bildern (oder genauer: nur bildsprachlich) ist schnell Schluss. (Man kriegt die Kunstkiste nicht gesprengt; und noch viel weniger kommt man der Nazi-Scheiße bei.) Die Köpfe müssen kritisch denken. Und ohne uns´re leid´ge Satzsprache geht das nun mal nicht.

  2. Horst

    Lieber Rolf,
    ein geniales Bild. Kälte, bis das Blut gefriert. Das Format, drei Betrachter sich unabhängig von einander dazu äußern zu lassen, ist hier sehr passend und erweitert die eigenen Beobachtungen und Interpretationen. Die Idee mit dem Ariernachweis, lässt sich weiter spinnen. Eine Prüfungssituation also, der sich die stolze Mutter stellt ohne vielleicht den Vater wirklich zu kennen? Dann bekommt der gesenkte Blick der Mutter eine andere Bedeutung. Zeugung für den reinen Nachwuchs einer zweiten Hitlergeneration?
    Das Bild passt in die heutige Zeit, bekommen nicht völkische Gedanken neuerlich eine Breite, die man sich vor wenigen Jahren nicht hat vorstellen können. Die dritte oder vierte Hitlergeneration treibt ungeniert ihr Unwesen – mitten unter uns.
    Viele Grüße Horst

    • Rolf Noe

      Ja, es ist erschreckend und gleichzeitig nicht verwunderlich, dass Verdrängtes wieder an die Oberfläche kommt. Und ich kann mich da nicht ausnehmen. Trotz aller Erinnerungskultur hat man zwei Generationen lang nicht gewagt auf die blindesten Flecken der deutschen Geschichte wirklich einen Blick zu werfen. Natürlich gab es auch immer schon Leute, die diesen Blick gewagt haben. Hannah Arendt oder in seinem neuesten Buch Götz Aly z.B.

  3. gkazakou

    mein erster Gedanke: auch Hitler war mal ein kleines Kind.

    Mein Ersteindruck: jedes kleine Kind ist eine Projektionsfläche für die Wünsche und Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft. Auf diese Projektionen wird es reagieren müssen – bestätigend, ablehnend. So entwickelt sich seine Persönlichkeit als Reaktion und Reaktion-auf-Reaktion (Zustimmung-Ablehnung-Moderation) der relevantennBezugspersonen.

    Ästhetisch: das Foto wirkt wie KI- generiert. Da wird keine Wirklichkeit abgebildet, sondern ein Gedanke wird als Bild generiert.

    • Rolf Noe

      Ja, den Gedanken, dass die photorealistische Malerei uns inzwischen wie ein Vorläufer der Bildgenerierung vorkommt werde ich noch aufgreifen.

  4. Sebastian Paul

    Hallo Rolf, Michael und Harald,

    Danke für Eure Eindrücke zum Gemälde von Helnwein! Das ist ein Künstler, den ich überaus interessant finde, trotz (oder wegen) seiner bewusst herausfordernden Sujets und einer Schock-Ästhetik, die freilich etwas in die Jahre gekommen ist und die man im Kontext der 1980er und 1990er Jahre, der “Hitler-Welle” in Deutschland, denken sollte.

    Helnwein bezieht sich in seinem Werk exzessiv auf Bildmotive des NS, und er scheint, dies nebenbei, privat einem gewissen Uniformenkult zu frönen und sehr viel für Operations- und anderes Besteck übrig zu haben.
    Euren Anmutungen vermag ich bildbezogen wenig hinzuzufügen, einzig, dass mir der Gesichtsausdruck des (Hitler?-)Babys, das uns als einzige Person ansieht (und wohl nicht nur mein “punctum” ist), eher auf ANGST zu deuten scheint. Sein Blick könnte als hilfesuchend interpretiert/empfunden werden. Neben mir liegt der oppulente Helnwein-Band (Köln 1988) mit der großformatigen Abbildung. Dort sehe ich Angst im Kindergesicht.
    Die Verletztlichkeit von Kindern ist wahrscheinlich das zweite obsessive Groß-Thema des Künstlers, der es sich nicht nehmen ließ, seine Tochter in zahllosen Horrorszenarien als Modell einzusetzen und als Leiche zu inszenieren, bis an die Grenze der Kindeswohlgefährdung. Die Fotografie “Sol Niger” (Schwarze Sonne) von 1987 zeigt ihn in der Uniform der Waffen-SS neben dem Mädchen. Vor allem “Epiphanie III”, wo das (weibliche) Kind auf einem Sektionstisch liegt, umringt von entstellten Herren, ist eine drastische Ausstellung von Ausgeliefertsein. Der prüfend Blick der rechten Person auf das kindliche Genital in “Epiphanie I” ruft düstere Assoziationen an die absolute Macht der NS-Medizin und ihre qualvollen Menschenversuche wach. – Das heißt, das Baby in besagtem Gemälde scheint mir nicht zwingend Hitler zu sein, auch wenn die feixende und zugewandte Gesellschaft auf Helnweins “Epiphanie II” direkt ein Propagandabild von 1931zitiert, das Hitler am Stammtisch zeigt und im Gemälde ersetzt ist durch ein ins Vage deutende Baby mit geschlossenen (!) Augen.

    Im angehängten “Auflösungstext” Eures Beitrages steht, das Heinwein für “Epiphanie I” “ein” Foto manipulierte und übertrug. Tatsächlich sind es mehrere Fotos von teils identifizierbaren Waffen-SS-Offizieren (Max Wünsche und Michael Wittmann, 2. und 3. von links), die Helnwein montierte. Diese SS-Runde hatte es also in der Form nicht gegeben.

    Helnweins Kunstwerk bleibt in seiner Wirkung auf mich widersprüchlich: Ich schwanke zwischen der technischen Wertschätzung der Machart, der Abwehr der Verführungskraft dessen, was Susan Sontag “faszinierender Faschismus” nannte, verbunden mit dem leisen Vorwurf, dass hier eine problematische, gar fetischistische Ästhetisierung und Sakralisierung des NS vorliegt sowie der Überzeugung, dass Helnwein verschatteter Bildraum offen ist für andere Lesarten…

    Grüße aus Leipzig!

    • Rolf Noe

      Vielen Dank Sebastian für deine ergänzenden Ausführungen. Sie haben mich zugegebenermaßen auch ein wenig verschreckt, weil ich mir die Frage gestellt habe, ob der Ansatz sozusagen naiv empfindend uns dem Thema zu nähern nicht unangemessen ist. Übersehen habe ich das Faszinosum Faschismus, weil ich dachte, dass das unbedingt mit einer Befürwortung seiner Ziele verbunden sein muss. Dass die Faszination auch darin bestehen kann, dass man mit offenem Mund davorsteht und es nicht glauben kann, bis es einen erwischt hatte ich nicht auf der Pfanne. Aber natürlich ist das Ganze auch deswegen berührend, weil das Gefühl, wir hätten das ein für alle Mal hinter uns, uns nicht mehr vom Hinschauen entbindet. Wir haben es vielleicht auch vor uns und da hoffe ich immer, dass Nietzsche (oder war es Marx) damit Recht behält, dass sich Geschichte zwar wiederholt, aber was beim ersten Mal Tragödie war beim zweiten Mal zur Farce gerät. Weh tun wird es trotzdem. Liebe Grüße aus dem Schwarzwald

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