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Bildbetrachtung Nr. 6 / Image viewing no. 6

Bild ausgesucht von Michael / Picture chosen by Michael

Was bewirkt das Foto bei Rolf?

Das Bild lässt mich jetzt erstmal sprachlos dastehen. Aber es gibt eine emotionale Reaktion. Diese Menschen sind verzweifelt. Irgendwie geht es nicht weiter. Die Protagonisten werden mir frontal gegenübergestellt, irgendwie ist es schwierig mich dem zu verschließen. Mein Mitgefühl meldet sich und ist gleichzeitig hilflos, weil das Leben dieser Leute nun eben schon an die hundert Jahre vorbei ist und ich nichts mehr für Sie tun kann.

Außer den Blicken, die berühren, fällt mir noch das kreisrunde Ding ins Auge, das der Mann an seinem Hemd trägt. Ich frage mich, was das ist, ein Abzeichen, ein Orden? Die Leute sehen nicht so aus, als würden sie etwas als Schmuck tragen, also wird es irgendeine Funktion haben, aber welche?

Assoziationen gehen Richtung „Great Depression“ wobei mir zum ersten Mal auffällt, dass dabei die Depressionen mitschwingen, die so eine verzweifelte wirtschaftliche Lage zwangsläufig auslösen muß. Ich denke an Dorothea Lange und die anderen Photograph:innen, die im Auftrag der „Farm Security Administration“ unterwegs waren, um die Not zu dokumentieren. Ich bin mir nicht ganz sicher, da ich meinen WA-Verlauf verloren habe, aber ich meinen mich zu erinnern, dass Michael auf Farbbilder (colorierte Bilder?) der ‘Great Depression’ gestoßen ist, auf denen das Elend komischerweise nicht so sichtbar wird wie auf den ikonischen Schwarz/Weiß-Bildern. Ich denke aber auch an literarische Verarbeitungen dieser schweren Zeit wie z.B. an Steinbecks „Von Menschen und Mäusen“, dass ich vor einigen Jahren gelesen habe, und das die allgemeine Verzweiflung am Beispiel der Protagonisten irgendwie auf einfache, eindrucksvolle Weise deutlich macht.

Und ich glaube da sind gute Bilder ähnlich unterwegs wie literarische Werke, Sie können uns Welt näher bringen als eine reine Faktenaufzählung oder eine sachliche Beschreibung der Situation.

Nachdem ich das Bild eine wenig mit mir rumgetragen habe, komme ich aus dem Abstand heraus auf ein weiteres Thema, das mir bisher nur am Rande aufgefallen war. Es ist die mangelnde Sichtbarkeit der Frau, aus der vermutlich diese ganze Kinderschar entstiegen ist.

Man ahnt sie hinter dem Mädchen mit dem Hut und man fragt sich, wo ihr Kopf ist. Erst dachte ich sie schaut evtl. in den Wagen rein, aber die Füße zeigen nach vorne, ihre Schulter ist hinter der Schulter des Mädchens erkennbar, aber der Kopf verschwindet ganz hinter dem Strohhut. Der Arm, der nach rechts herausragt, könnte zu ihr oder aber auch zu dem großen Mädchen gehören. Wie auch immer, ihr Gesicht wird nicht weniger verzweifelt aussehen als die Gesichter der anderen.

Was bewirkt das Foto bei Harald?

Sechs Personen stehen vor einem Wagen. Sehr wahrscheinlich eine Familie: Der Vater im Mittelpunkt überragt die vier Kinder – eine Tochter, drei Söhne. Von der Tochter weitgehend verdeckt eine weitere weibliche Person – vermutlich die Mutter. Das gepunktete Kleid, die kräftige Hand und die weißen Stoffschuhe deuten darauf hin.

Was macht die Familie hier, auf einem Feld, inmitten einer flachen Graslandschaft? Ein Picknick? Es liegt eine Decke neben dem Auto, doch ich sehe kein Geschirr, kein Korb mit Lebensmitteln. Die Decke könnte auch eine Plane sein. Nein – definitiv kein Picknick! Die Kinder stehen barfuß im Stroh, der Vater trägt Arbeitskleidung, seine rechte Hand hält den Stiel eines Werkzeugs, eine Schaufel? Ein Rechen? Seine Haut ist von der Sonne gegerbt.

Die Personen blicken nicht in die Kameralinse. Die beiden älteren Söhne sind beschäftigt. Der jüngere der beiden hat eine Schnur in der Hand und bewegt den Kopf leicht, während der Auslöser gedrückt wird. Sein älterer Bruder blickt Richtung Bildmitte zu Boden, die Tochter sieht links am Fotografen vorbei und scheint überrascht. Der Jüngste hält beide Hände ans Gesicht, die beiden Zeigefinger Richtung Ohren gestreckt, die Mittelfinger zeigen zur Nase. Er wirkt leicht irritiert, sein Blick geht ins Leere. Auch der Blick des Vaters ist leer, es spiegelt sich keine Hoffnung darin.

Das Bild erinnert mich an die berühmte „Migrant Mother“ von Dorothea Lange aus dem Jahr 1936, zur Zeit der großen Wirtschaftskrise. Die ärmliche Kleidung der Kinder, der müde Blick des Vaters, der nicht zu wissen scheint, wie er seine Familie durchbringen soll, die Mutter, die (aus Scham?) ihr Gesicht nicht zeigt – für mich das Bild einer Familie in wirtschaftlich schwerer Zeit.

Was bewirkt das Foto bei mir?

Mir wird klar, wie gut es uns heute wirtschaftlich geht, im Vergleich zu den Menschen im Bild. Und wie zerbrechlich unsere Gesellschaft ist.

Was bewirkt das Foto bei Michael?

Eigentlich wissen wir alle, was der Raubtierkapitalismus unserer Welt antut und gleichzeitig, wie sehr unser Wohlstand von ihm abhängt. Einmal mehr hat mir das Lesen von John Steinbecks Meisterwerk „Früchte des Zorns“ diesen tragischen Zusammenhang vor Augen geführt.

Während der großen Depression 1929 ereignete sich eine z.T. menschengemachte Dürre, die Mitte der 1930er Jahre weite Teile von Oklahoma und Arkansas heimsuchte. Hoch verschuldet verliert eine kleine Farmerfamilie ihr Land an eine Bank. Wie Hunderttausende begeben sie sich unter ärmlichsten Verhältnissen auf den langen Weg nach Kalifornien, um sich dort als Wanderarbeiter zu verdingen. Dort erwarten die Familie statt der erhofften gut bezahlten Arbeit wirtschaftliche Ausbeutung, Hunger und Anfeindung durch die ansässige Bevölkerung.

Das Foto berührt mich auf vielerlei Weise. Zunächst die Armut, Freud- und Hoffnungslosigkeit, die es ausstrahlt. Für mich ist da nichts Gestelltes oder Inszeniertes, eher ein Blick in die Seelen dieser Menschen. Eine Familie, an der Grenze ihre Würde zu verlieren. Niemand stellt sich in diesem traurigen Zustand freiwillig so vor eine Kamera. Die wenigen Cents, die sie für diese Zurschaustellung erhalten, ermöglichen vielleicht wieder ein paar warme Mahlzeiten. Allein die Mutter scheint sich einen restlichen Stolz bewahrt zu haben und entzieht sich dieser Erniedrigung, indem sie sich hinter ihrer Tochter versteckt.

Natürlich stehe ich unter den Eindrücken der intensiven Beschreibung Steinbecks. Andererseits sind die Zustände dieser düsteren Ära amerikanischer Geschichte historisch bestens erforscht und belegt. Als außenstehender Voyeur dieser Szene „weiß“ ich daher auch um die Zukunft dieser unglückseligen Menschen und die ist noch trauriger, als das, was sie auf der Reise erleben müssen.

What effect does the photo have on Rolf?

The image leaves me speechless at first. But there is an emotional reaction. These people are desperate. Somehow, there is no way forward. The protagonists are confronted with me head-on, and somehow it is difficult for me to shut myself off from them. My compassion kicks in, but at the same time I feel helpless because these people’s lives are now over a hundred years old and there is nothing I can do for them.

Apart from the touching looks, I notice the circular thing the man is wearing on his shirt. I wonder what it is, a badge, a medal? The people don’t look like they would wear something as jewellery, so it must have some function, but what?

Associations go in the direction of the “Great Depression,” and for the first time I notice that the depression that such a desperate economic situation inevitably triggers resonates with it. I think of Dorothea Lange and the other photographers who were commissioned by the Farm Security Administration to document the hardship. I’m not entirely sure, as I’ve lost my WA history, but I seem to remember that Michael came across color images (colored images?) of the Great Depression in which, strangely enough, the misery is not as visible as in the iconic black-and-white images. But I also think of literary works about this difficult period, such as Steinbeck’s “Of Mice and Men,” which I read a few years ago and which somehow illustrates the general despair in a simple, impressive way through the example of the protagonists.

And I believe that good images are similar to literary works in that they can bring us closer to the world than a mere list of facts or a factual description of the situation.

After carrying the image around with me for a while, I come up with another theme that I had only noticed in passing before. It is the lack of visibility of the woman from whom this whole crowd of children presumably emerged.

You can sense her behind the girl with the hat and wonder where her head is. At first, I thought she might be looking into the wagon, but her feet are pointing forward, her shoulder is visible behind the girl’s shoulder, but her head disappears completely behind the straw hat. The arm protruding to the right could belong to her or to the tall girl. Either way, her face will look no less desperate than the faces of the others.

What effect does the photo have on Harald?

Six people are standing in front of a car. Most likely a family: the father in the center towers over the four children—one daughter, three sons. Largely obscured by the daughter is another female figure—presumably the mother. The polka-dot dress, strong hand, and white cloth shoes suggest this.

What is the family doing here, in a field in the middle of a flat grassy landscape? A picnic? There is a blanket next to the car, but I don’t see any dishes or a basket of food. The blanket could also be a tarpaulin. No – definitely not a picnic! The children are standing barefoot in the straw, the father is wearing work clothes, his right hand is holding the handle of a tool, a shovel? A rake? His skin is tanned by the sun.

The people are not looking into the camera lens. The two older sons are busy. The younger of the two has a string in his hand and moves his head slightly as the shutter is released. His older brother looks toward the center of the picture, toward the ground, while the daughter looks past the photographer on the left and seems surprised. The youngest holds both hands to his face, his index fingers stretched toward his ears, his middle fingers pointing to his nose. He looks slightly irritated, his gaze fixed on nothing in particular. The father’s gaze is also empty, reflecting no hope.

The picture reminds me of Dorothea Lange’s famous “Migrant Mother” from 1936, taken during the Great Depression. The children’s poor clothing, the tired look on the father’s face, who seems not to know how to support his family, the mother who (out of shame?) does not show her face – for me, this is the image of a family in difficult economic times.

How does the photo affect me?

I realize how well off we are today economically compared to the people in the picture. And how fragile our society is.

What effect does the photo have on Michael?

We all know what predatory capitalism is doing to our world and, at the same time, how much our prosperity depends on it. Once again, reading John Steinbeck’s masterpiece “The Grapes of Wrath” has brought this tragic connection home to me.
During the Great Depression of 1929, a drought, partly man-made, struck large parts of Oklahoma and Arkansas in the mid-1930s. Deeply in debt, a small farming family loses their land to a bank. Like hundreds of thousands of others, they set out on the long journey to California under the most miserable conditions to find work as migrant laborers. Instead of the well-paid work they had hoped for, the family encounters economic exploitation, hunger, and hostility from the local population.
The photo touches me in many ways. First of all, the poverty, joylessness, and hopelessness it radiates. For me, there is nothing staged or contrived about it, but rather a glimpse into the souls of these people. A family on the verge of losing their dignity. No one in this sad state would voluntarily pose in front of a camera. The few cents they receive for this display may allow them to have a few more warm meals. Only the mother seems to have retained some pride and escapes this humiliation by hiding behind her daughter.
Of course, I am under the impression of Steinbeck’s intense description. On the other hand, the conditions of this dark era of American history have been thoroughly researched and documented. As an outside voyeur of this scene, I therefore also “know” about the future of these unfortunate people, and it is even sadder than what they have to experience on their journey.

1 Comment

  1. Rolf Noe

    Kommentar von Stefan:
    Ich hab vor fast einem Vierteljahrhundert mal eine Short Story zum „Okie“-Thema verfasst und mir in der Vorbereitung u.a. Steinbecks „Früchte des Zorns“ zu Gemüte geführt; und mich, wie mir gut in Erinnerung ist, maßlos über die von keinem Funken kritischen Geistes beseelte Dulder- und Erleider-Personnage dieses allgemein so hoch geschätzten Romans erregt.
    Was nun „Migrant Mother“&Co betrifft, so tourte – soweit ich weiß – Dorothea Lange mit exaktem Auftrag durchs Wirtschaftskrisen-30er-Jahre-Kalifornien: Mittels der von ihr zu verfertigenden Fotos sollten die Rezipienten dazu gebracht werden, für die Regierungsmaßnahmen des New Deals zu stimmen. Und deshalb sollten dann weder „antriebsloser Abschaum der Armutswelle“ noch „militante Zornige“ ihre Darstellung erfahren, sondern „würdige Arme“, deren Würde wiederum vom Rezipienten als Zeichen stoischen Gleichmuts bzw. geduldigen Wartens auf staatliche Fürsorge verstanden werden sollte. (Langes Fotos ward dann hinsichtlich ihres Propagandazwecks auch ein durchschlagender Erfolg beschieden.)
    Das Thema Krise – nie war es aktueller als heute; und wenn man in die Geschichte nicht mehr eingreifen kann, in die Gegenwart kann man´s allemal. Wohlstand im Kapitalismus gab´s schon immer nur auf Abruf und noch vergleichsweise gut geht´s einem heute nicht dank, sondern trotz der Ökonomie. Der „rheinische Kapitalismus“ in Alternative zum „angelsächsischen Raubtierkapitalismus“ ist so mausetot wie der Staatssozialismus, der ja nie eine Alternative zum Kapitalismus, sondern lediglich eine Alternative im Kapitalismus war. Und der Raubtierkapitalismus von einstmals war nur ein müdes Vorspiel zu dem, was die VertreterInnenschaft des Neoliberalismus heute veranstaltet und noch zu veranstalten verspricht. Klar, und die Okies von heute, das sind die Migranten, die als kapitalistisch „Überflüssige“ aus der durch die kapitalistische Ökonomie sozial und ökologisch verwüsteten Welt in die Zentren der kapitalistischen Barbarei drängen, um sich dort gnädigerweise nach kapitalistischen Kriterien vielleicht doch noch verwursten lassen zu dürfen; und dort, hat man sie nicht zuvor in peripheren Abfanglagern zu Tode gequält oder im Meer absaufen lassen, seitens der „ansässigen Bevölkerung“ ihr hasserfülltes Willkommen erfahren.

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