2026 müssen wir uns nicht nur von 2025 verabschieden, sondern auch von der Walther Collection. Die geht nämlich als Schenkung in die USA, an das Metropolitan Museum of Art in New York. Deswegen war es mir besonders wichtig, die weihnachtliche Nordlandfahrt auch für einen Abstecher in die Deichtorhallen zu nutzen. Dort werden nämlich ausgesuchte Werke der Sammlung noch einmal gezeigt, bevor man dann in die USA fliegen muss, um die Werke zu sehen. Deswegen auch sehr wahrscheinlich ein Abschied für immer, denn abgesehen davon, dass ich sowieso keinen Bock habe in ein Land zu fahren, dass dabei ist, sich einem faschistischen Narzissten zu unterwerfen, weiß ich nicht, ob die mich noch reinlassen würden, wenn sie meine social media accounts checken. Besonders traurig bin ich, da mein durchaus zu verwirklichender Plan, die Sammlung mal an ihrem Original-Schauplatz in Burlafingen zu besichtigen, durch wiederholte Verschiebungen gescheitert ist.
Immerhin war ich 2022 in Düsseldorf in den „Shifting Dialogues“ eine sehr gute und umfangreiche Ausstellung mit Werken aus Afrika. Und das ist ja auch eine der Besonderheiten der Walther Collection, ihr Fokus auf afrikanische und asiatische Bildkunst. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Sammlung nicht in Europa bleibt. Und ich besitze das Buch „The Order of Things“, von 2015, das einige sequentielle Werke aus der Sammlung zeigt. Es hat nicht zufällig den gleichen Namen wie Michel Foucaults bekanntestes Buch „Die Ordnung der Dinge”, das den Untertitel ‚Eine Archäologie des Wissens‘ trägt. Und genauso wie die Wissenschaften mit ihren Ordnungsprinzipien Realität konstituieren, kann auch Photographie in der Art, wie Serien von Bildern zusammengestellt sind und untereinander kommunizieren, den Blick lenken, einen Fokus setzen und Narrative anstoßen. Auch hier, in der Serie, liegt einer der Schwerpunkte der Walther Collection.
Aber jetzt mal nach Hamburg. Ein bisschen versteckt hinter der Hauptausstellung kann man durch einen Durchgang in das Ungesehene, (das Gehörte, Gerochene, Geschmeckte und Gefühlte) eintreten. Trotzdem ist man im Wesentlichen auf seinen Sehsinn angewiesen, da wir Photographie- und Videokunst zu sehen bekommen. Die Frage scheint zu sein, wie man sinnliches im Bild darstellen oder Bezüge zu den anderen Sinnesqualitäten im Bild evozieren kann.
Die Annäherung soll „… nicht aus der Perspektive der Belichtung oder Stabilisierung von Wissen, sondern aus der Anerkennung von Ambivalenz, Widerständigkeit und der Beweglichkeit von Unwissen und Erkenntnis.“ erfolgen. Das klingt nach dem Wunsch nach unmittelbarer Sinnes-Erfahrung (not knowing is nearest) und so etwas findet sich tatsächlich zumindest in den Bildern von Santu Mofokeng, die z.B. in der Serie „Chasing Shadows“ (1996-2014) religiöse Riten in den Motuoleng Höhlen in Südafrika zeigen. Auf eine Art zeigen, die, indem sie teilweise in den Schatten verbirgt, teilweise in den Bewegungen der Menschen verwischt, die Vorstellungskraft und Phantasie des Betrachters aktiviert und ihn zum Mitgestalter der Bilder macht. Aber auch in „Train Church“, wo wir Zeuge von spontanen „Sessions“ in den Pendlerzügen zwischen Soweto und Johannesburg werden, blitzt Spiritualität an einem Ort auf, wo wir sie nicht erwarten würden.
In 2026, we will not only have to say goodbye to 2025, but also to the Walther Collection. It will be donated to the Metropolitan Museum of Art in New York. That’s why it was particularly important to me to use the Christmas trip to the north to make a detour to the Deichtorhallen in Hamburg. Selected works from the collection are being shown there once again before you have to fly to the USA to see them. This will most likely be a farewell forever, because apart from the fact that I have no desire to travel to a country that is in the process of submitting to a fascist narcissist, I am uncertain whether they would still allow me entry if they checked my social media accounts. I am particularly sad because my entirely feasible plan to visit the collection at its original location in Burlafingen near Neu-Ulm in Germany has failed due to repeated postponements.
At least I was in Düsseldorf in 2022 for ‘Shifting Dialogues,’ a very good and extensive exhibition of works from Africa. And that is also one of the special features of the Walther Collection, its focus on African and Asian visual art. Perhaps that is one of the reasons why the collection is not staying in Europe. I own the book The Order of Things, published in 2015, which shows some sequential works from the collection. It is no coincidence that it has the same name as Michel Foucault’s most famous book, The Order of Things, which has the subtitle ‘An Archaeology of Knowledge’. And just as the sciences can constitute reality with their principles of order, photography can also direct the gaze, set a focus and initiate narratives in the way series of images are compiled and communicate with each other. Here, too, in the series, lies one of the focal points of the Walther Collection.
But now let’s move on to Hamburg. Somewhat hidden behind the main exhibition, a passageway leads into the unseen (the heard, smelled, tasted and felt). Nevertheless, we are essentially reliant on our sense of sight, as we are presented with photography and video art. The question seems to be how to represent the sensual in images or evoke references to other sensory qualities in images.
The approach should be ‘…not from the perspective of exposing or stabilising knowledge, but from the recognition of ambivalence, resistance and the fluidity of ignorance and insight.’ This sounds like a desire for immediate sensory experience (not knowing is nearest), and something like this can indeed be found, at least in the images of Santu Mofokeng, for example, in the series ‘Chasing Shadows’ (1996-2014), which show religious rites in the Motuoleng caves in South Africa. In a way that works, by partially concealing them in the shadows and partially blurring them in the movements of the people and activates the viewer’s imagination and fantasy and makes them a co-creator of the images. But also in ‘Train Church’, where we witness spontaneous ‘sessions’ on the commuter trains between Soweto and Johannesburg, spirituality flashes up in a place where we would not expect it.
Die beiden Werke von Rotimi Fani-Kayode illustrieren den Titel dieses Ausstellungsabschnittes „Frequenzen der Dunkelheit“ – dunkle Haut vor schwarzen Hintergrund, wenig Licht hebt nur das Wichtigste ins Sehfeld. In dem einen Bild sitzen Zwillinge nebeneinander und halten sich jeweils das vom Anderen weiter entfernte Auge zu. In dem Zweiten läuft Milch über den gebeugten Rücken eines Mannes und zeichnet sein Rückgrat nach.
The two works by Rotimi Fani-Kayode illustrate the title of this section of the exhibition, ‘Frequencies of Darkness’ – dark skin against a black background, with minimal lighting highlighting only the most important elements. In one picture, twins sit next to each other, each covering the eye furthest from the other. In the second, milk runs down a man’s bent back, tracing the outline of his spine.
Im nächsten Abschnitt der Ausstellung sind Photoalben oder draus entstandene Werke zu sehen. Hier sei nur nochmal als Beispiel auf das „Black Photo Album“ verwiesen, das Santu Mofokeng während seiner Forschungsarbeiten in Johannesburg aus dem Archiv zusammengestellt hat. Es zeigt Gruppen von Menschen, wie sie sich den Photographen gezeigt haben und wirft viele Fragen auf, mit denen man sich auf der Homepage der santumofokengfoundation auseinandersetzen kann.
Im „Kapitel“ mit dem klingenden Namen „Dem Land zuhören“ sind einige sehr poetische Arbeiten versammelt, unter anderem von Berni Searle, einer südafrikanischen Künstlerin. In einer Zweikanal-Videoprojektion sieht man die Künstlerin von vorne und von oben, wie sie auf der Erde kniend, Mehl und Wasser, das auf sie herunterrieselt und sie einfärbt, zu einem Teig verknetet.
The next section of the exhibition features photo albums and works based on them. One example worth mentioning here is the Black Photo Album, which Santu Mofokeng compiled from the archives during his research work in Johannesburg. It shows groups of people posing for the photographers and raises many questions that can be explored on the santumofokengfoundation website.
The chapter with the evocative title ‘Listening to the Land’ brings together some very poetic works, including those by Berni Searle, a South African artist. In a two-channel video projection, the artist is seen from the front and from above, kneeling on the ground, kneading flour and water, that trickles down onto her and colours her, into a dough.
In der Abteilung „Fotografische Sedimente“ geht es um das Vergessen und Verschwinden der Bilder im unerbittlichen allgegenwärtigen Wandel, dem genauen Gegenteil dessen, was einer der Hauptzwecke der Photographie sein sollte, zu bewahren und der Erinnerung zu dienen. Am eindrücklichsten ist die Bilderwolke des „Lost & Found Project“ von Munemasa Takahashi. Nach dem Tsunami von 2011 gab es in der Präfektur Miyagi in Japan eine „Memory Salvage“-Initiative, die aus den Trümmern Familienbilder zu retten versuchte. Viele davon sind fast unkenntlich und so steht man vor dieser Wolke an eingeschweißten Bildresten und rätselt, was sie mal dargestellt haben könnten.
The section entitled ‘Photographic Sediments’ deals with the forgetting and disappearance of images in the relentless, omnipresent process of change, which is the exact opposite of what one of the main purposes of photography should be: to preserve and serve memory. Most impressive is the cloud of images in Munemasa Takahashi‘s ‘Lost & Found Project’. After the 2011 tsunami, there was a ‘Memory Salvage’ initiative in Miyagi Prefecture in Japan that attempted to rescue family photos from the rubble. Many of them are almost unrecognisable, so you stand in front of this cloud of shrink-wrapped photo remnants and wonder what they might once have depicted.
Auch ein Projekt, das extrem die Vorstellungskraft herausfordert. Die Serie „Gulu Real Art Studio“, Bilder, die von Martina Bacigalupo in Uganda gefunden wurden, zeigt Ganzkörperaufnahmen von Menschen, aus denen die Köpfe für Passbilder herausgeschnitten wurden (Siehe mein Beitrag von 2022). Eine Art unabsichtliche Konzeptkunst oder ein subjektbereinigtes Material für soziologische oder historische Studien, denn man sieht ja noch Kleider, Schuhe und Körperform und -haltung in den Bildern.
Another project that really challenges the imagination. The series ‘Gulu Real Art Studio’, pictures found by Martina Bacigalupo in Uganda, shows full-body photographs of people from which the heads have been cut out for passport photos (see my post from 2022). A kind of unintentional conceptual art or subjectless material for sociological or historical studies, because you can still see clothes, shoes and body shape and posture in the pictures.
Abschließend möchte ich aus dem Kapitel „Schmecken, Berühren, Fühlen“ noch zwei weitere Werke erwähnen, die aufzeigen, dass Arthur Walther auch viel Photokunst aus Asien gesammelt hat. Z.B. „Stamping the Water“ von Song Dong aus Peking. Die Serie besteht aus 36 Bildern, die den Künstler zeigen, wie er versucht dem Lhasa River in Tibet vergeblich das Zeichen Für Wasser aufzustempeln. Das ist schon purer Chan auf einer einzigen Filmrolle.
Einfacher aber mit einer erstaunlichen Wirkung auf die Zuschauer ist die Serie „Communication Series“ von Cang Xin aus Chengdu, China gestrickt. Auf 11 Abzügen sieht man, wie der Künstler mit seiner Zunge mit verschiedensten Objekten in Verbindung tritt. Ein Versuch, mit einer unmittelbaren, nicht durch Sprache oder Vorstellung vermittelten Wahrnehmung von Objekten zu experimentieren. Obwohl wir „nur“ die Bilder davon sehen, neigen wir dazu, mit zu spüren, mit zu schmecken.
Finally, I would like to mention two more works from the chapter ‘Tasting, Touching, Feeling’ that show that Arthur Walther also collected a lot of photographic art from Asia. For example, ‘Stamping the Water’ by Song Dong from Beijing. The series consists of 36 images showing the artist trying in vain to stamp the symbol for water on the Lhasa River in Tibet. This is pure Chan on a single roll of film.
Simpler but with an astonishing effect on the viewer is the series ‘Communication Series’ by Cang Xin from Chengdu, China. In 11 prints, we see the artist using his tongue to connect with a wide variety of objects. It is an attempt to experiment with a direct perception of objects, not mediated by language or imagination. Although we ‘only’ see the images, we tend to feel and taste along with him.
Ich finde es sehr schade, dass die Sammlung abwandert und hoffe, dass es trotzdem gelegentlich Ausstellungen geben wird, die Werke daraus zeigen. Es ist schließlich die wahrscheinlich wichtigste Sammlung internationaler serieller Kunst.
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I think it’s a great shame that the collection is moving away, and I hope that there will still be occasional exhibitions showing works from it. After all, it is probably the most important collection of international serial art.
Translated with the help of DeepL.com
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