„Ich glaube es gibt Dinge, die niemand sähe, wenn ich sie nicht photographiert hätte.“
>>Diane Arbus<<
Es scheint irgendwie in der Luft zu liegen. Selbst die abenteuerlichen Reportagephotographen berichten über Sie. Aber was mich dann wirklich auf die Reise geschickt hat ist ein Hinweis aus einem englischsprachigen Podcast auf einen Artikel auf der Plattfform Hyperallergic. Hier wird eine Ausstellung mit Bildern von Diane Arbus in New York komplett verrissen. Zu Recht? Wie will ich das sagen, wenn ich nicht da war.
Aber wenn man weiter schaut, findet man auch auf „Substack“ enttäuschte Besprechungen, wie die von Dina Litkovsky.
Das einzige Detail, das ich glaube aus der Ferne beurteilen zu können ist die Form der Ausstellung. Diese Art Photographien zu präsentieren war 2023 in Arles neu. Es ist kein Zufall, dass diese Ausstellung im Millionärinnenpalast Luma stattfand. Sie ist ein Beispiel dafür wie Photographie De-kontextualisiert und auf ihre ästhetische Wirkung reduziert wird. Letztlich wenn ich das richtig über die Ausstellungsbilder interpretiere, ist diese Ausstellung auf ihren schwarzen Lattengerüsten genauso oder so ähnlich in New York wieder aufgestellt worden (s.o.). Ohne die Bilder zu gruppieren, ohne Sie bestimmten Schaffensphasen zuzuordnen, letztlich, ohne ihren Enstehungskontext zu würdigen. Wie Ware im Supermarktregal. Aber genug gemeckert, wenn ich mich recht entsinne, ist diese Präsentation auch schon in Arles nicht gut angekommen.
Bei dieser Künstlerin habe ich beschlossen mal ganz anders vorzugehen. Ohne mir viele ihrer Bilder anzuschauen (einige hat man eh im Kopf, weil sie da nicht rausgehen wollen wenn man sie mal gesehen hat) habe ich mir ihre Biographie besorgt und zwar die von Patricia Bosworth, die auch als Vorlage für den Film „Fur(Fell)“ gedient hat, der eine fiktive Version ihres Lebens zeigt.
Diese Biographie ist sehr detailliert und vor allem sehr multiperspektivisch aufgebaut. Bosworth hat aus der Not heraus, dass die Familie z.T. die Mitarbeit versagt hat, unzählige Leute befragt, die irgendwann etwas mit Diane Arbus zu tun hatten. Aber um die Frage zu beantworten, wie jemand auf seinem Lebensweg dahin kommt, solche und keine anderen Bilder zu machen, bekommt man lediglich Hinweise, die ähnlich wie bei der biographischen Interpretation von Literatur spekulativ bleiben müssen.
Aber was man zugegebenermaßen mit viel Arbeit und weiteren Quellen machen kann, ist die Bilder bestimmten Lebensphasen zuzuordnen. Es macht nämlich durchaus einen Unterschied, ob ein Bild noch in der Zeit entstanden ist, als Sie mit ihrem Mann zusammen mit Modephotographie ihr Geld verdient hat oder aus der Zeit als Sie meist allein durch die Straßen gestreift oder in der Gegend rumgefahren ist, um Leute zu finden, kennenzulernen und schließlich zu photographieren, die nicht oder nur randständig in die doch recht klar abgegrenzte Mittelschichtgesellschaft gepasst haben aus der Arbus stammte und in der Sie sich auch weitgehend bewegt hat. Einen interessanten englischsprachigen Artikel mit Bildbeispielen gibt es auch auf aboutphotography.blog.
Auch die Frage, inwiefern ihre wiederkehrenden Depressionen mit der Art zusammenhängen, wie sie Leute photographiert hat, lässt sich nur schwer beantworten. Was klar ist, ist, dass nicht die Portraits an sich und auch nicht mal unbedingt die besonderen Menschen, die darin zu sehen sind, die Betrachter damals wie heute faszinieren, sondern die Art und Weise wie Diane Arbus sie photographiert hat, irgendetwas zwischen naiv und enthüllend, das schwer zu definieren ist macht letztlich den Reiz ihrer Bilder aus. Man weiß, dass sie die Menschen oft Wochen-, Monate- oder gar Jahrelang photographiert hat, bis sie ein für sie zufriedenstellendes Bild im Kasten hatte. Man kann rückwirkend vermuten, dass ihre psychische Konstitution bipolar war und die Phasen zwischen den Depressionen von einem Getriebensein gekennzeichnet waren, dass sie zum künstlerischen Ausdruck genutzt hat. Aber auch das ist nur Spekulation.
Insofern ist die Auseinandersetzung mit dem Leben von Künstlern spannend und interessant, aber wenn man erwartet, dadurch passgenaue Schlüssel zu ihrem Werk zu erhalten, ist man danach eher enttäuscht. Und ich denke, das liegt bei Phototgraph:innen nicht viel anders als bei Literaten, darstellenden oder bildenden Künstler:innen.
Ein letzter Gedanke bevor dieser Beitrag zu lang wird, widmet sich der Frage, was es bringt Bilder von Diane Arbus heute noch zu zeigen. Die Motivation derer, die das tun, ist klar. Es geht darum, Diversität zu feiern und sich der Ausgrenzung von Randgruppen entgegenzustellen. Aber heute ist es doch wichtig, dass sich diejenigen, die von der Mehrheit als Randgruppen angesehen werden, die Gelegenheit bekommen sich selbst zu äußern und selbst zu definieren, wie sie gesehen werden wollen. Das ist bei Diane Arbus‘ Herangehensweise noch nicht mal im Ansatz der Fall. Damals ging es darum zu zeigen, dass es diese Menschen gibt und dass sie ihre eigene Art von Würde haben und leben. In den ersten Ausstellungen von Arbus-Bildern mussten die Museumsmenschen abends noch durch die Ausstellung gehen und die Spucke von den Bildern wischen, die Spucke derer, die sich in ihrer Mittelmäßigkeit von diesen Bildern angegriffen gefühlt haben. Möge es nie wieder dazu kommen.
“I believe there are things that no one would see if I hadn’t photographed them.”
>>Diane Arbus<<
It seems to be in the air somehow. Even the adventurous reportage photographers are reporting on her. But what really sent me on my journey was a reference in an English-language podcast to an article on the Hyperallergic platform. Here, an exhibition of photographs by Diane Arbus in New York is completely panned. Is this justified? How can I say, when I wasn’t there?
But if you look further, you’ll also find disappointed reviews on Substack, such as the one by Dina Litkovsky.
The only detail I think I can judge from a distance is the form of the exhibition. This way of presenting photographs was new in Arles in 2023. It is no coincidence that this exhibition took place in the millionaire’s palace, Luma. It is an example of how photography is decontextualized and reduced to its aesthetic effect. Ultimately, if I interpret the exhibition images correctly, this exhibition has been recreated in New York in exactly the same way or similarly on its black slatted scaffolding (see above). Without grouping the pictures, without assigning them to specific creative phases, ultimately without acknowledging the context in which they were created. Like goods on a supermarket shelf. But enough complaining; if I remember correctly, this presentation was not well received in Arles either.
With this artist, I decided to take a completely different approach. Without looking at many of her pictures (some of them stick in your mind because they refuse to leave once you’ve seen them), I got hold of her biography, namely the one by Patricia Bosworth, which also served as the basis for the film “Fur”, which shows a fictional version of her life.
This biography is very detailed and, above all, structured from multiple perspectives. Out of necessity, as the family refused to cooperate, Bosworth interviewed countless people who had some connection with Diane Arbus at some point. But when it comes to answering the question of how someone ends up taking certain pictures and not others in the course of their life, we are left with clues that, as with the biographical interpretation of literature, must remain speculative.
But what can be done, admittedly with a lot of work and additional sources, is to assign the pictures to specific phases of her life. It makes a difference whether a picture was taken during the time when she and her husband earned their living with fashion photography or during the time when she mostly roamed the streets alone or drove around the neighborhood to find people get to know and ultimately photograph people who did not fit into, or only marginally fit into, the clearly defined middle-class society from which Arbus came and in which she largely moved. An interesting article in English with sample images can also be found at aboutphotography.blog.
The question of the extent to which her recurring depression was related to the way she photographed people is also difficult to answer. What is clear is that it is not the portraits themselves, nor even necessarily the special people who appear in them, that fascinate viewers then and now, but rather the way Diane Arbus photographed them. Something between naive and revealing, which is difficult to define, ultimately accounts for the appeal of her pictures. We know that she often photographed people for weeks, months, or even years until she had a picture she was satisfied with. In retrospect, one can assume that her mental constitution was bipolar and that the phases between her depressions were characterized by a restlessness that she used for artistic expression. But that, too, is only speculation.
In this respect, examining the lives of artists is exciting and interesting, but if you expect to find the perfect key to their work, you are likely to be disappointed. And I think this is no different for photographers than it is for writers, performing artists, or visual artists.
One last thought before this article gets too long is devoted to the question of what purpose it serves to show pictures by Diane Arbus today. The motivation of those who do so is clear. It is about celebrating diversity and opposing the exclusion of marginalized groups. But today, it is important that those who are considered marginalized by the majority are given the opportunity to express themselves and define for themselves how they want to be seen. This is not even remotely the case with Diane Arbus’ approach. Back then, the aim was to show that these people exist and that they have their own kind of dignity and way of life. In the first exhibitions of Arbus’ pictures, museum staff had to go through the exhibition in the evenings and wipe the spit off the pictures, the spit of those who, in their mediocrity, felt attacked by these pictures. May it never happen again.
Source: https://flashbak.com/diane-arbus-box-ten-photographs-397458/
Teilen mit:
- Click to share on Facebook (Opens in new window) Facebook
- Click to share on Threads (Opens in new window) Threads
- Click to share on Pinterest (Opens in new window) Pinterest
- Click to share on Pocket (Opens in new window) Pocket
- Click to email a link to a friend (Opens in new window) Email
- Click to print (Opens in new window) Print
Wer nachvollziehen möchte, was ich versucht hab, in diesem Artikel zum Ausdruck zu bringen, kann sich derzeit in Berlin im Gropius-Bau die Diane Arbus Ausstellung anschauen (https://www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau/programm/2025/ausstellungen/diane-arbus)
Woher Depression jeweils kommt, ist eine schwierige Frage.
Aus Bildern und Zeugnissen Gründe zu destilleren, ist somit eigentlich müßig.
Zu dem Grund für ihre enge Motivwahl kann ich wenig sagen. Vielleicht sah sie Dinge, die nicht ohne weiteres sichtbar waren. Und diese dann zu bergen.