Vorjury des PFotoherbst 2026 im Kurhaus Schömberg (Photo von Jens Alemann)
Eigentlich wollte ich über die Vorjurierung des PFotoherbst 2026 gar nicht groß schreiben. Sie wurde im traditionellen Modus von einer Jury vorgenommen.
Aber dann bin ich über ein Insta-post von Jana Maenz gestolpert, in dem sie davon berichtet, dass ein Photoclub angefangen hat seine Wettbewerbe durch KI entscheiden zu lassen. Genauso wie Jana kann ich nachvollziehen, wie man auf die Idee kommen kann so etwas an eine scheinbar “objektive” Instanz auszulagern. Das Problem dahinter ähnelt verdächtigt dem, das viele Zuschauer bei Fußballspielen mit Schiedsrichter-Entscheidungen haben. Es wird unterstellt, dass trotz des umfangreichen Regelwerkes und der Erfahrung. die ein Schiedsrichter oder Jury-Mitglied mitbringt, dann ja doch die Entscheidungen subjektiv eingefärbt sein könnten. Dieser Eindruck entsteht aber vor allem dadurch, dass die Möglichkeiten nach dem Gründen für die Entscheidung zu fragen eingeschränkt sind. Dabei gehe ich davon aus, dass eine Jury oder ein Jury-Mitglied sehr wohl in einem transparenten Reasoningprozess offenlegen könnte anhand welcher Kriterien die Entscheidungen gefallen sind. Wie man beim Fußball gut sehen kann, lässt sich dieser Subjektivitätsverdacht auch nicht vollständig ausräumen, wenn man weitere Instanzen (etwa den VR) hinzuzieht.
Letztlich bleibt aber in dem Spannungsfeld von Scheinobjektivität (wie sie KI oder der VR anbieten) und unterstellter Subjektivität als Objektivierungsmöglichkeit meiner Ansicht nach nur die Intersubjektivität übrig. Deswegen werden Fußballspiele auch von einem Schiedsrichterteam (plus VR) und Photowettbewerbe von einer möglichst professionellen und divers besetzten Jury entschieden.
Anfang Juli war ich Teil eines solchen Prozesses und da diese Prozesse meist aus pragmatischen Gründen nicht offengelegt werden möchte ich hier, ohne auf konkrete Beispiele einzugehen, die Entscheidungsprozesse einmal wenigstens andeutungsweise skizzieren. Die Vorjurierung zum PFotoherbst 26 erfolgte in bewährter und erprobter Vorgehensweise durch ein Team von sieben Photoprofis und ambitionierten Photoamateuren, die sich vor Ort die Bilder-Serien anschauen, darüber diskutieren und möglichst zu einer einmütigen Entscheidung kommen. Die Namen der Einsender sind nicht bekannt. Nur Serientitel, Einzelbildtitel und eventuell soweit vorhanden Texte zur Serie sind einsehbar. Neben der photographischen Qualität der Einzelbilder kommen noch eine ganze Reihe weitere Kriterien zur Anwendung z.B. ob die photographische Qualität der Bilder durchgängig ist oder ob es “Ausreißer” gibt. Konsistenz der Serie ist ebenfalls ein wichtiges Kriterium. Wie komplex das aber sein kann, möchte ich an einem Beispiel erläutern. Wir haben zwei Serien wo je ein Bild “herausfällt“. Bei der ersten Serie sind alle Bilder, bis auf eines, Portraits und eines ist eine Landschaft, die zwar für den/die Autor/in der Serie mit den Porträts verbunden sein mag, aber im Bild selber ist keine Verbindung zu sehen. Diese Serie wurde ausjuriert. Die zweite Serie zeigt den Prozess der Herstellung eines Objekts und auf dem letzten Bild das entstandene Objekt. Formal fällt das Bild heraus es ist aber sofort klar, dass eine zwingende Verbindung zu Serie besteht. Diese Serie wird in der Ausstellung gezeigt werden.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass ein fundiertes Urteil entsteht, ist, dass die Mitglieder der Jury über die Bilder sprechen, sich gegenseitig von ihren jeweiligen Standpunkten zu überzeugen versuchen und so in einem allmählichen Einigungsprozess zu einem Ergebnis kommen. Erst wenn alle einverstanden sind, wird eine Serie ausjuriert.
Das problematische beim Einsatz einer KI für solche Entscheidungen ist nicht nur, dass nicht diskutiert wird, sondern vor allem, dass die Entscheidungen davon abhängig sind, womit die KI trainieren würde. Ein Beispiel dafür, wie problematisch das ist, wird schon in dem oberen erwähnten Post angeführt. Die als Stand Alone oder Lightroom-Ergänzung funktionierende Indexierungssoftware „Exire“ bzw „Exire Search“ benutzt KI, um Bilder auffindbar und sortierbar zu machen. Ich nutze sie selbst in meinen Lightroom Katalogen zu Indexierung und als Suchhilfe. Ein Teil dieser Software bewertet die “Ästhetik” der indizierten Bilder. Diese Bewertung leitet sich aber aus den Trainingsdaten der KI ab und ist somit an einem traditionellen Bildstil orientiert. Fun Fact am Rande: Ich habe die Software gebeten mir die „besten“ Bilder aus meinem 2026er Katalog rauszusuchen. Ergebnis war, dass alle 10 Bilder der Top Ten bei Ausstellungsbesuchen abfotografierte Bilder waren, das heißt die Software hat nicht mal erkannt, dass es sich um Ausstellungsansichten und nicht um meine Bilder handelt. Vielleicht sind aber auch meine Bilder nur grottenschlecht oder zumindest schlechter als die von Bryan Adams.
Letztlich trifft die KI hier vor allem eine Aussage darüber, was vermutlich von Betrachter als “ästhetisch ansprechend” oder schlicht als “schön” empfunden wird. Wie soll so eine KI erkennen, ob ein Bild oder eine Bilder-Serie originell und innovativ ist? Eines der Kriterien bei der Vorjurierung zum PFotoherbst ist eben auch, ob die Serien etwas Neues oder etwas Vertrautes auf eine neue Art und Weise zeigen. Serien, die man genau so schon zu oft gesehen hat, werden ausjuriert, auch wenn Sie qualitativ gut sein mögen. Das liegt daran, dass die Bilder ja gezeigt werden sollen und man den Betrachtern etwas bieten möchte, was sie überrascht, freut oder zum Nachdenken anregt.
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Sehr gut und überzeugend ausgeführt!
Danke, es fordert mich halt unmittelbar heraus, wenn der Ki neben dem Wissen (das sie ja hat) und dem können (das wir ihr zutrauen) auch noch das Beurteilen als Fähigkeit zugesprochen wird. Das fühlt sich wie der Ausverkauf der wichtigsten menschlichen Fähigkeiten an. Gleiches gilt für die Kreativität, die die KI nur scheinbar hat.
Wenn man sich Arbeit sparen will, dann sollte man vielleicht nicht so viele Fotografen zulassen.?! Jedenfalls scheint mir KI-Sichtung nicht die rechte Methode.
Dummerweise eignet sich die KI ja nicht mal zu vorsortieren von Bildern. Sie würde z.B. einen genialen Mitzieher wahrscheinlich als “überwiegend unscharfes Bild” einsortieren. Vor allem würde sie alles Abweichende, und damit möglicherweise das Interessanteste, aussortieren