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Die Photowelt trauert / The Photography World mourns

Für mich kam die Nachricht unerwartet. Hatte ich doch mitbekommen, dass Martin Parr im Sommer 24 noch in Baden bei Wien Ehrengast war, im Herbst hatte ich in Frankfurt sein Frühwerk bewundert und diesen Herbst er dem thefotobookmuseum die Ehre erwiesen hat, zu der von Markus Schaden auf die Beine gestellten Photobuch-Ausstellung in Nürnbergs „Neuem Museum“ zu kommen (die im übrigen noch bis zum 22.2.26 läuft). Ich hab ihn nie persönlich getroffen. Was mich getroffen hat, war die Welle von Ehrungen, die nach seinem Tod am 6.12. dieses Jahres vor allem auf Instagram über mich hereingebrochen ist. und doch hab sicher nicht alles gesehen. Deswegen möchte ich mir gar nicht selber salbungsvolle Worte abringen, sondern lasse die Photowelt sprechen, mit ein paar Auszügen aus Nachrufen und einer ‚kleinen‘ Auswahl an Screenshots von Insta-Posts. Möge die Photowelt jetzt auch ohne ihn auskommen. Es wird ihr nichts anders übrigbleiben. Er war ein außergewöhnlich guter Photograph, aber er muss auch ein außergewöhnlich offener Mensch gewesen sein.

The news came as a surprise to me. I had noticed that Martin Parr was still a guest of honour in Baden near Vienna in the summer of 2024, in autumn I had admired his early works in Frankfurt and this autumn he had honoured the thephotobookmuseum by attending the photobook exhibition organised by Markus Schaden this autumn at Nuremberg’s ‘New Museum’ (which, incidentally, runs until 22 February 2026). I never met him in person. What struck me was the wave of tributes that came flooding in after his death on 6 December this year, especially on Instagram. And I’m sure I didn’t see everything. That’s why I don’t want to struggle to find unctuous words myself, but instead let the world of photography speak for itself with a few excerpts from obituaries and a “small” selection of screenshots from Insta-posts. May the world of photography now manage without him. It will have no other choice. He was an excellent photographer, but he must also have been an exceptionally open person.

Translated with the help of  DeepL.com

His story is closely linked to the Rencontres d’Arles, where his work has had a profound impact on several generations of visitors and photographers. In 1986, at the instigation of François Hébel, he exhibited his seminal series, including The Last Resort and Bad Weather, which already revealed his bold use of colour and his sharp humour. In 2004, he returned to Arles as guest curator, showing remarkable generosity by opening up the programme to a new generation of photographers. In 2015, at the invitation of Sam Stourdzé, he was back again for a joint project with Matthieu Chedid, a joyful encounter between music and photography.

With a body of work imbued with colour, satire and magnified triviality, Martin Parr had the rare talent of transforming banality into a field of inquiry, everyday life into theatre, and tourism, consumption and leisure into a mirror of our contradictions.

Martin Parr was also a passionate collector, particularly of photobooks, which he considered an essential medium for the circulation of photography. In Arles in 2019, during the exhibition 50 Years, 50 Books, he offered a selection of masterpieces from his personal library, which contains more than 12,000 works.

Despite the illness he had been battling for several years, Martin always retained the energy to embark on new projects.

Nachruf der Rencontres Arles 

Parrs Sujet sind vor allem die Menschen in ihrer Umgebung und ihrem (nicht immer natürlichen) Habitat. Ich habe mir immer gewünscht, derart Menschen ablichten zu können. Aber dafür muß man vielleicht Menschen mögen. Oder sie eben doch ganz besonders hassen. Und da sehe ich dann doch wieder eine Chance für mich, mehr solcher Reportagen mit Menschen zu fertigen – wobei das heute im Zeichen des Internets und der unerwünschen Zirkulation von Photographien schwieriger geworden ist. Menschen lassen sich nur noch ungerne zufällig photographieren. Das ist die neue Wirklichkeit der photographischen Situation. Auch auf diese – oftmals unerwünsche – Ubiqiotät des Bildes und daß einer sich jederzeit irgendwo in den Weiten des Internets als Schnappschuß wiederfinden kann und mit einer Gesichtserkennung sogar identifizierbar ist, muß Photographie in irgend einer Weise reagieren. Parrs Wirklichkeit war damals noch eine andere. Spielerischer.

Mit Parrs Farbbildern wird die Wirklichkeit zwar gezeigt, aber doch zugespitzt. Als soziale Wirklichkeit. Auf ihre Widersprüche hin und ihr immer auch Absurdes. Sind Parrs Photos politisch? Ja und nein. Wir sehen aus den 1980er Jahren nicht das England des radikalen gesellschaftlichen Umbau unter Margarete Thatcher, berittene Polizei und kämpfende Gewerkschafter, weg von Schwerindustrie und Bergbau hin zu einer Diensleistungsgesellschaft. Wir sehen nicht die Kämpfe jener Jahre: Streiks und Straßenschlachten, aber sehr wohl weisen uns diese Photographien auf das Entstehen einer postindustriellen Gesellschaft. Und zugleich sehen wir diesen Umbau bei Parr auf eine subtile Art eben doch, wenn wir denn in der Lage sind, überhaupt noch geschichtlich zu denken und Bilder auf diese Weise zu betrachten und vor allem zu interpretieren.

Mit seinen späteren Photographien, oftmals quietsch- und bonbonbunt wie in „Cherry Blossom Time in Tokyo“ von 2000, aber auch mit der Gestaltung des „Life’s a Beach“-Buches konnte ich weniger anfangen. Aber gerade weil es die klassische Sicht brach und sich dem Kitsch der Konsumkultur stellte und ihr einen visuellen Ausdruck verschaffte, waren auch diese Photos gelungen. Daido Moriyama in Farbe vielleicht, gemildert um alle Härten. Man müßte in einer Ausstellung vielleicht einmal beide Photographien zusammenbringen.

Besarin auf seinem Blog AISTHESIS

Seine eigene fotografische Praxis entwickelte sich in Bristol weiter, wo er einen direkten, unverstellten Blick auf sein Umfeld pflegte. Wahlkampf, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Familienfeste, Reisebusse, Automobilkultur – Parr fand seine Themen dort, wo die Gesellschaft sich selbst performt. Seine Farbpalette wurde dabei zu einem Charakter für sich selbst: jenes berühmte Parr-Rot, das irgendwo zwischen Kitsch, Pop und Erkenntnis liegt. Trotz der zunehmenden Popularität blieb Parr unbequem. Sein Beitritt zu Magnum war 1994 ein umstrittenes Ereignis, weil viele seine Arbeitsweise nicht mit dem humanistischen Erbe der Agentur vereinbar fanden. Dass Magnum letztlich ihn annahm und nicht umgekehrt, sagt viel über den notwendigen Wandel dokumentarischer Bildsprachen. 

Parr war nicht nur Fotograf, sondern auch Filmemacher, Sammler – und ein unermüdlicher Arbeiter. Seine Faszination für „boring postcards“ war legendär und zeugte von einem Blick, der das Alltägliche nicht nur sichtbar, sondern kostbar machte. Als Lehrer und Kurator war er prägend, und viele, die heute das Fotobuch oder die Dokumentarfotografie weiterentwickeln, tun dies auf Wegen, die Parrs Arbeit geöffnet hat. Für mich persönlich war Parr jemand, der mit größter Selbstverständlichkeit die Grenzen der Fotografie infrage stellte und gleichzeitig ihre Bedeutung verteidigte. Er zeigte uns, dass man die Welt erst verändern kann, wenn man sie so akzeptiert, wie sie ist. Sein Humor war nie bloß Witz, sondern Methode: eine Art, sich mit den Zumutungen des Lebens zu versöhnen. 

Markus Schaden (Nachruf für die DGPh)

Die eingeschränkte Wahrnehmung eines älteren weißen Mannes?

Schon mit der Publikation des ersten Bandes wurden Fotobücher durch ihn und Badger über den engsten Kreis hinaus zu Sammlerobjekten, befeuert durch die neuen Online-Plattformen. Eine internationale Welle weiterer Publikationen über Publikationen war die Folge.

Seinen literarischen Schatz veräußerte Parr für 3,2 Millionen Pfund (wie zuletzt durchsickerte) an die Tate Gallery, um seiner 2014 gegründeten Stiftung in seiner Wahlheimat Bristol drei Jahre später ein Haus einzurichten. Hier wendete sich sein Schicksal. Er wurde plötzlich dafür angegriffen, nicht “woke” genug zu sein. Parr knickte ein und verwies auf seine angeblich eingeschränkte Wahrnehmung als älterer weißer Mann. 

Sein fotografisches Werk jedenfalls steht für einen offenen, schonungslosen, ja rabiaten Blick auf die unerfüllten Wünsche von Menschen in einer mit Plunder und Surrogaten zugestellten – westlichen – Welt. Was Leute möglicherweise gegen ihn aufgebracht hat, war eine Art Schubumkehr von Ästhetischem und Gesellschaftlichem in seiner Fotografie und in seiner Art, sie zu präsentieren: die Rückführung von Dokumentarischem in camp.

Ulf Erdmann Ziegler 7.12.25  in MONOPOL

I’m in China, and several people here have asked whether I’m worried about the future of photography because of AI. Honestly, I’m far more worried about the future of photography without MP. Martin has been the guiding light—FLASH!—of the medium for decades. He met every new wave of change with curiosity, generosity, and an infectious laugh. The photography world feels much more grim without him.⁣

As different as my work was from his, Martin was my role model. Beyond his work ethic, I admired his lack of cynicism and utter comfort in being his goofy, singular self. I’m going to miss him terribly. But I know Martin wouldn’t want to hear moaning about his passing anymore than he’d want to hear about AI killing photography. He’d rather we just get out the door and interact with the great human comedy.

⁣Alec Soth (on Instagram)

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