Haralds Gedanken:
Amerika? USA? Der erste Eindruck ist: „Hä!?“ In welchem Film bin ich hier? Oder ist das ein Diorama mit ausgestopften Vögeln, künstlichem Gras und einem Kreis von gefleckten Eiern in einer Sandkuhle?
Vier Vögel betrachten den seltsamen Eierkreis. Das ist kein Nest, das ist Deko pur. Sie scheinen darüber zu rätseln, was nun zu machen sei. Brüten etwa? Unmöglich! Ein fünfter Vogel hat sich bereits abgewandt, schaut ein letztes Mal zurück.
Im mittleren Bereich des Bildes liegt eine kleine Siedlung, ein knappes halbes Dutzend, einstöckiger Häuser, hell gestrichene Holzfassaden, außen liegende Kamine, Gärten, Hecken, Bäume, ein Teich, umgeben von braunem, kurz geschorenem Gras. An einem Baum lehnt eine metallene Leiter. Hinter dem linken Haus ragt ein runder Wasserbehälter mit einem spitzen Dach hervor – oder ist es doch eine Rakete? Im Hintergrund kahle Berge. Ein weißblauer Himmel schließt das Bild nach oben ab. Die Wolken deuten eine turbulente Luft an.
Das ist keine Natur. Das ist kranke Fantasie, eine Puppenstube, eine unangenehm künstliche Kulisse, eine irreale Landschaft, ein Nirgendwo. Das ganze Bild, die ganze Szene ist auf schmerzhafte Weise unecht. Mich gruselt.
Wer solche Bilder macht, hat eine Absicht; das Foto ist kein Zufallsprodukt. Das ist alles bis ins Kleinste geplant, modelliert, arrangiert und zueinander in Bezug gestellt. Es ist die Kritik an einer infantilen Gesellschaft, die sich in die Idylle flüchtet, die Natur im besten Fall verkennt und missversteht, vielleicht aber auch verachtet.
Wer macht solche Bilder?
Michaels Reaktion:
Ich weiß nicht mehr, welcher Eindruck der erste war. Der analytische, der emotionale oder der eines neutralen Betrachters. Letzterer ist nicht möglich, zu sehr klingt Rolfs Ankündigung nach: „…wahrscheinlich wisst ihr, von wem es ist…“. Also suche ich reflexhaft, finde aber nichts. Trotz allem probiere ich den „neutralen Beobachter“. Eine mystische, rätselhafte und ruhige Stille breitet sich langsam während des Betrachtens aus. Doch der suchende, fragende Blick setzt sich schnell durch. Gibt es eine Botschaft, eine Geschichte oder Aussage? Was mir sehr direkt auffällt: es ist ein konstruiertes, montiertes Foto und deutlich in Vorder- und Hintergrund geteilt. Menschen suche ich vergeblich. Sehr auffällig ist die geheimnisvolle Szenerie des Eier-„Stein“-Kreises mit den darum drapierten Vögeln, die auf mich eher wie präparierte Kulissen wirken. Vielleicht strahlen sie daher diese gelassene Stille aus. Auffällig sind zwei Lichtelemente. Im Hintergrund, die wie ein Lichtstrahl erscheinende Leiter, die in einem Baum steht und die „Eier-Kreis-Licht-ung“ im Vordergrund.
Einerseits entstand ziemlich schnell mein Urteil „ein KI-Foto“, aber dagegen spricht der grenzlinienartige Schärfebruch zwischen Vorder- und Hintergrund. Das würde die KI sicher besser machen. Als ich mich frage, was die, wie ein Lichtstrahl wirkende Leiter im Baum erzählen soll, spüre ich, dass mein Interesse langsam nachlässt. Trotzig vielleicht, weil mir die Enträtselung nicht gelingt oder weil ich gerade nicht in der Stimmung bin, meine eigenen Geschichten entstehen zu lassen.
Zum Schluss dann doch noch eine kleine Enträtselung (der Leiter-Lichtstrahl hat mir keine Ruhe gelassen): Ich vermute, dass Rolf das Foto in einer Ausstellung abgelichtet hat. Und da die Leiter eine Art Lichtkorona besitzt, vermute ich, dass sie durch Spiegelung des ausgelösten Kamerablitzes entstanden ist.
Rolfs Reflektion:
Wenn man das Bild anschaut, ist man irgendwie sofort gebannt. „Was geht denn da ab?“ man möchte sich die Augen reiben, um rauszukriegen, ob man richtig gesehen hat, oder ob man etwa träumt.
Aber nein, das Bild ist echt und in Farbe. Gesehen habe ich es in Bonn in der Kunsthalle, anlässlich der Retrospektive zu Gregory Crewdson. Dort hängt es ziemlich am Anfang des Rundganges und ist somit auch einer frühen Phase seines Schaffens zuzuordnen. Die Werkgruppe wird mit „Natural Wonder“ (1991-97) angegeben. Und da steckt auch schon der erste Schlüssel drin. Wonder heißt ja auch im Englischen Wunder, aber wenn man es als Verb benutzt heiß es auch „sich fragen“ – und das ist dann auch die erste Reaktion. Man ist verwundert und fragt sich „Was soll das?“ Einen Einzeltitel des Bildes, der uns das erklären könnte, gibt es möglicherweise absichtlich nicht.
Sind die Vögel Akteure oder Zuschauer der eigenartigen Szenerie? Haben sie den sorgfältig mit Sand ausgelegten „Steinkreis“ aus 18 Vogeleiern gebaut? Was außerdem noch dazu beiträgt, die Szene spooky zu machen ist, dass man ahnt (oder nach der Lektüre der entsprechenden Begleittexte weiß), dass die den Kreis umstehenden Piepmätze ausgestopft sind. Überhaupt ist das alles gestellt und inszeniert. Mit solchen Gedanken versucht man sich des Unbehagens zu entledigen, das einen beim Betrachten des Bildes beschleicht. Und was, wenn die Vögel doch seltsame Rituals durchführen, ihre eigene Brut opfern? Ja um was zu erreichen? Vielleicht wollen sie ja diese Monster beschwichtigen, die ihnen den Lebensraum strittig machen, die da mitten an die Wiese ihre farmhausartigen Vorstadthäuschen hinbauen. Untypisch für Crewdson ist, dass der Hintergrund und damit der menschengemachte Teil des Bildes leicht unscharf ist, aber das ist Teil des Diorama-Effektes, der diese Serie formalästhetisch zusammenhält. Technisch wird dieser Effekt mit Tiltshift-Objektiven oder Bildbearbeitung erzeugt. Die Schärfeebenen sind verschoben oder unnatürlich deutlich voneinander getrennt. Reale Szenen (z.B. eines Bahnhofes) erscheinen damit wie eine Szene aus einem Schaukasten (z.B. einer Modelleisenbahn). Bei echten Dioramen (Schaukästen) war der Hintergrund oft an die Rückwand gemalt, um die Vordergrund-Installation realer wirken zu lassen. Solche Schaukästen erinnern auch an Besuche in Naturkundlichen Museen, wo diese Art der Präsentation lange Zeit Standard war. Vom Produktionsablauf der Bilder dieser Serie sind es tatsächlich zumindest, was die Vordergrundszenen betrifft, echte Dioramen die Crewdson mit präparierten Tieren aufgebaut und dann abphotographiert hat.
Kunsthistorisch soll es eine Anlehnung an Marcel Duchamps „Étant donnés“ sein, der die letzten zwanzig Jahre seines Lebens damit verbracht haben soll, diesen lebensgroßen Schaukasten zu bauen, der erst nach seinem Tod gezeigt werden durfte.
Nach längerem Betrachten fällt mir auf, dass man die Deutung aber auch umdrehen kann. Vielleicht sind es gar nicht die Vögel, die den Eierkreis gebaut haben. Sondern ein „unschuldiger“ Vorstadtjunge, der aus irgendeinem perversen möglicherweise sogar ästhetisch motivierten Impuls heraus die Eier eingesammelt und im Kreis ausgelegt hat, und die Vögel stehen nur fassungslos vor den eingeschalten Leichen ihrer Kinder. Das würde dann darauf rauslaufen drastisch zu zeigen, wie die menschliche Kulturleistung jeglichen Kontakt zu den natürlichen Kreisläufen verloren hat und nur noch sich selbst dient.
So oder so rum sind diese Bilder geeignet, tiefe Ängste vor Kontrollverlust oder Verlust der Deutungshoheit über die Phänomene anzukratzen. Die Angst vor der Psychose. Sie verweisen vielleicht aber auch wie gute Horror-Filme auf eine blanke Angst, die nur unzureichend unter einer dünnen Schicht Zivilisation verscharrt liegt und jederzeit droht durchzubrechen. Unsere Neurosen schaffen es nur mühsam, uns diese Angst zwanghaft vom Leib zu halten. Sind also die Werke Crewdsons Hinweise darauf, dass die Angst, wie man sie in der Existenzphilosophie definiert, ein Grundzug des Menschlichen und unsere Zivilisation nicht mehr als ein Versuch, sie uns vom Leib zu halten? Wer weiß das schon? Was wäre das Geheimnis, wenn es sich widerstandslos offenbaren würde?
„Gleich wie der Arzt wohl sagen muss, es lebe vielleicht kein einziger Mensch, der ganz gesund sei, ebenso müsste man (…) sagen, es lebe da kein einziger Mensch, ohne dass er denn doch ein bisschen verzweifelt sei, ohne dass da doch tief im Innersten eine Unruhe wohne, ein Unfriede, eine Disharmonie, eine Angst vor einem unbekannten Etwas, eine Angst vor einer Daseinsmöglichkeit oder eine Angst vor sich selber.“
Sören Kierkegaard (1813-55)
Harald’s thoughts:
America? The USA? My first impression is: ‘Huh?!’ What film am I in? Or is this a diorama with stuffed birds, artificial grass and a circle of spotted eggs in a sandpit?
Four birds are looking at the strange circle of eggs. It’s not a nest, it’s pure decoration. They seem to be wondering what to do next. Incubate them? Impossible! A fifth bird has already turned away, looking back one last time.
In the middle of the picture is a small settlement, just under half a dozen single-storey houses with brightly painted wooden facades, external chimneys, gardens, hedges, trees, a pond surrounded by brown, closely cropped grass. A metal ladder leans against a tree. Behind the house on the left, a round water tank with a pointed roof protrudes – or is it a rocket? In the background are bare mountains. A white-blue sky completes the picture at the top. The clouds suggest turbulent air.
This is not nature. It is a sick fantasy, a doll’s house, an unpleasantly artificial backdrop, an unreal landscape, a nowhere. The whole picture, the whole scene is painfully fake. It creeps me out.
Anyone who takes pictures like this has an intention; the photo is not a product of chance. Everything has been planned, modelled, arranged and related to each other down to the smallest detail. It is a critique of an infantile society that takes refuge in idyll, that at best misjudges and misunderstands nature, but perhaps also despises it.
Who takes such pictures?
Michael’s reaction:
I no longer remember what my first impression was. Was it analytical, emotional, or that of a neutral observer? The latter is not possible, as Rolf’s announcement resonates too strongly: ‘…you probably know who it’s by…’. So I search reflexively, but find nothing. Despite everything, I try the ‘neutral observer’ approach. A mystical, enigmatic and calm silence slowly spreads as I look at the picture. But the searching, questioning gaze quickly prevails. Is there a message, a story or a statement? What strikes me very directly is that it is a constructed, montaged photo, clearly divided into foreground and background. I search in vain for people. The mysterious scene of the egg ‘stone’ circle with the birds draped around it is very striking, but to me they seem more like prepared backdrops. Perhaps that is why they radiate such serene tranquillity. Two light elements are striking. In the background, the ladder standing in a tree, which appears like a ray of light, and the ‘egg circle light’ in the foreground.
On the one hand, I quickly came to the conclusion that it was an ‘AI photo’, but the borderline-like break in focus between the foreground and background argues against this. AI would certainly do a better job of that. As I ask myself what the ladder in the tree, which looks like a ray of light, is supposed to tell me, I feel my interest slowly waning. Perhaps defiantly, because I can’t figure it out or because I’m not in the mood to let my own stories unfold.
Finally, a small revelation (the ladder-beam of light wouldn’t leave me alone): I suspect that Rolf took the photo at an exhibition. And since the ladder has a kind of light corona, I suspect that it was created by the reflection of the camera flash.
Rolf’s reflection:
When you look at the picture, you are somehow immediately captivated. ‘What’s going on here?’ You want to rub your eyes to find out whether you have seen correctly or whether you are dreaming.
But no, the picture is real and in colour. I saw it in Bonn at the Kunsthalle, during the Gregory Crewdson retrospective. It hangs near the beginning of the tour and can therefore be attributed to an early phase of his work. The group of works is titled ‘Natural Wonder’ (1991-97). And there lies the first clue. Wonder means miracle in English, but when used as a verb, it also means ‘to ask oneself’ – and that is the first reaction. One is amazed and asks oneself, ‘What is this?’ There is possibly no individual title for the picture that could explain this to us, and this may be intentional.
Are the birds actors or spectators in this strange scene? Did they build the carefully laid out ‘stone circle’ of 18 bird eggs? What also contributes to the spookiness of the scene is that one suspects (or knows after reading the accompanying texts) that the birds surrounding the circle are stuffed. In fact, the whole thing is staged and set up. With such thoughts, one tries to rid oneself of the uneasiness that creeps up when looking at the picture. But what if the birds are performing strange rituals, sacrificing their own brood? To achieve what? Perhaps they want to appease the monsters who are disputing their habitat, who are building their farmhouse-like suburban cottages in the middle of the meadow. Uncharacteristic for Crewdson is that the background, and thus the man-made part of the image, is slightly out of focus, but this is part of the diorama effect that holds this series together in terms of formal aesthetics. Technically, this effect is created with tilt-shift lenses or image editing. The planes of focus are shifted or unnaturally separated from each other. Real scenes (e.g. a railway station) thus appear like a scene from a display case (e.g. a model railway). In real dioramas (display cases), the background was often painted on the back wall to make the foreground installation appear more realistic. Such display cases are also reminiscent of visits to natural history museums, where this type of presentation was standard for a long time. In terms of the production process for the images in this series, at least as far as the foreground scenes are concerned, they are actually real dioramas that Crewdson constructed with stuffed animals and then photographed.
In terms of art history, it is said to be based on Marcel Duchamp’s ‘Étant donnés’, who is said to have spent the last twenty years of his life building this life-size display case, which was only allowed to be shown after his death.
After looking at it for a while, it strikes me that the interpretation can also be reversed. Perhaps it wasn’t the birds that built the circle of eggs. But rather an ‘innocent’ suburban boy who, out of some perverse, possibly even aesthetically motivated impulse, collected the eggs and laid them out in a circle, and the birds stand stunned in front of the lifeless bodies of their children. This would then amount to a drastic demonstration of how human cultural achievement has lost all contact with natural cycles and now serves only itself.
Either way, these images are capable of scratching deep fears of loss of control or loss of interpretive authority over phenomena. The fear of psychosis. But perhaps, like good horror films, they also refer to a raw fear that lies inadequately buried under a thin layer of civilisation and threatens to break through at any moment. Our neuroses struggle to keep this fear at bay. So are Crewdson’s works an indication that fear, as defined in existential philosophy, is a fundamental trait of humanity and that our civilisation is nothing more than an attempt to keep it at bay? Who knows. What would be the secret if it revealed itself without resistance?
“Just as the doctor must say that there is probably not a single person alive who is completely healthy, so too must one say (…) that there is not a single person alive who is not a little desperate, who does not harbour a deep inner restlessness, a sense of unease, a disharmony, a fear of something unknown, a fear of the possibility of existence or a fear of oneself.”
Sören Kierkegaard (1813-55)
Translated with the help of DeepL.com
Mein erster Eindruck war: eine Installation von Kunstvögeln und Eierkreis. Also eine Art Dekoration, die der Hauseigner für interessant gehalten und dort installiert hat. Tiefere Gedanken sind mir nicht gekommen. Um so erstaunter war ich, als ich eure intelligenten und sogar tiefschürfenden Kommentare las.
Ja, ich glaube, es macht einen Unterschied, ob man das Bild eben mal schnell auf dem Bildschirm sieht
oder ob man in der Ausstellungshalle vor einem perfekten Ausdruck in Großformat steht und schaut. Und für meine beiden Mitbetrachter gilt,
wir haben ja ausgemacht, das Bild zu betrachten, das heißt auch ein wenig Zeit zu damit zu verbringen und eben auch ein wenig “reinzuhorchen”,
was das Bild für einen Eindruck auf einen macht. Und plötzlich ist da viel mehr als nur ein erster Eindruck. Natürlich schwimmen wir mit unserem
Entschleunigungsversuch gegen den Trend, aber was solls…