Wie könnte man den 200ten Geburtstag der Photographie besser feiern, als das man in eine Photo-Ausstellung geht, um dort dem photographischen Abbild zu huldigen. Eigentlich war es Zufall, dass wir uns auf dieses Datum (19.08.) geeinigt hatten, aber auf jeden Fall war klar, dass wir nach Tübingen fahren würden, um uns mal zur Abwechslung ganz normale populäre Einzelbilder aus aller Welt anzuschauen. Und das ist es ja auch, was Steve McCurry seit mehreren Jahrzehnten zuverlässig liefert. Bilder der Welt oder, um genauer zu sein, Bilder der Menschen aus aller Welt.
Womit wir schon beim Thema wären. Wie so oft kann man sich diesen Bildern gegenüber, die weiße Männer von exotischen Menschen und Landschaften gemacht haben von zwei Seiten annähern. Einmal aus der antikolonialistischen, antiimperialistischen Perspektive und da ist der Befund relativ klar. Nach brutaler Ausbeutung und Sklavenhandel sowie Raub von Kultur- und Bodenschätzen sind als letzte Kolonne der „ersten Welt“ die Reporter losgezogen und haben schöne exotischen Orte Menschen und Landschaften aus aller Welt geraubt, um sie daheim für gutes Geld zu verkaufen. Zugegeben da ist was dran.
Man kann aber, und bei Steve McCurry neige ich dazu, auch humanistische Beweggründe unterstellen. Einen Versuch, das Menschliche in all seinen Facetten im Bild zu bannen und zu zeigen, dass bei aller Verschiedenheit eben doch das menschliche Leid, das uns alle verbindet und die Freude, die uns alle als Menschen auszeichnet, in Bildern gezeigt werden kann.
Es gibt zwei Gründe warum ich eher dieser, zugegeben etwas romantischen, Interpretation zuneige. Einmal ist der Mensch in seiner Umgebung eindeutig das Thema, das alle Bilder von McCurry verbindet. Und zum zweiten ist es auffällig, dass McCurry Serien nicht als geographische, sondern als thematische Sammlungen begreift. Er organisiert seine Bilder in seinen Online-Präsenzen aber auch in dieser konkreten Ausstellung in Tübingens neuen PopulärKunstMuseum so, dass er zu einem bestimmten Thema wie z.B. „Menschen und Tiere“ oder „Menschen unterwegs“ oder „Menschen in Überschwemmungsgebieten“ jeweils Bilder aus aller Welt zusammenträgt und als Serie zeigt.
Wenn er Geschichten erzählt, dann erzählt er sie im Einzelbild und nicht in einer narrativ organisierten Serie. Bis auf seine Portraits, bei denen der Kontext der gezeigten Menschen allenfalls in der Kleidung zum Ausdruck kommt, sind seine Bilder immer so aufgebaut, dass man einen oder mehrere Menschen in ihrem spezifischen Umfeld präsentiert bekommt und sich eine Geschichte dazu zusammenreimen kann (Für weniger Phantasiebegabte gibt es die Bildbeschreibungen und für die, die es ganz genau wissen wollen auch noch den Audioguide, auf den wir verzichtet haben).
Auch sein Interesse für alle Menschen und ihre Gebräuche und Religionen werte ich ein Stück weit als ein Zeichen dafür, dass er mit seinen Bildern auch irgendwie versucht die „conditio humana“ jenseits der trennenden Grenzen zu erkunden. Dies ist ein Aspekt, über den ich schon mal in einem Beitrag berichtet habe. Das anlässlich seiner großen Ausstellung in der Völklinger Hütte 2016 herausgekommene Buch „Buddhismus“ zeigt sehr schön die Ausprägungen, die der Weg des Buddhismus in den verschiedenen Weltregionen angenommen hat.
Dazu passt, dass im NKT parallel zur McCurry-Ausstellung auch eine Ausstellung zur „Stiftung Weltethos“ gezeigt wird. Diese von Hans Küng gegründete Stiftung hat den interreligiösen Dialog zum Ziel und ist, soweit ich das bisher herausfinden konnte, eine der wenigen Einrichtungen, die an einer Völker- und religionsübergreifenden Ethik interessiert ist.
Da mag dem einen oder anderen angesichts der haarsträubenden Entwicklungen, die uns ins Haus stehen, als reichlich naiv erscheinen, aber ich denke, dass es die einzige Chance ist eine einigermaßen lebenswerte Zukunft sich auszumalen, wenn man anfängt, wieder Fragen zu stellen wie „Was verbindet uns als Menschen?“, „Wie wollen wir leben?“, „Wie kann man das Leid der Menschen lindern?“, und „Was kann man tun, um die vorhandenen Ressourcen gerechter zu verteilen?“
Schimpft mich naiver Romantiker oder versponnener Träumer, aber ich finde es an der Zeit sich der galoppierenden Enthumanisierung des kollabierenden Kapitalismus entgegenzustellen, oder wenigstens darauf hinzuweisen das wir uns, was ein gutes Leben betrifft, da definitiv auf einem Holzweg befinden.
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Lieber Rolf,
ein naiver Romantiker bist du sicher nicht. Wer eins und eins zusammenzählt wird zu dem Schluss kommen, dass die Menschheit oder zumindest unsere hochtechnisierte Welt nur eine Überlebenschance hat, wenn sie sich genau diesen von dir aufgeworfenen Fragen stellt.
Liebe Grüße, Horst
Ich sehe mich auch nicht als hoffnungsloser Romantiker, aber ich bin mir sicher dass die Vertreter der Fraktion “Weiter so!” mich als solchen bezeichnen würden bekamen sie diese Zeilen zu Gesicht.
wenn man anfängt, WIEDER Fragen zu stellen wie…Also passierte das schon mindestens einmal…
Ja und zwar in der Philosophie. Es sind letztlich die Grundfragen der Ethik. Diese sind im gesellschaftlichen Diskurs etwas aus dem Blick geraten (Sichwort: alternativlos). Deswegen “wieder”!
Ich denke, diese Fragen sind immer wieder gestellt worden. Wenn die alten Griechen gewusst hätten, daß ihr Denken wie ein Rollteppich immer wieder neu ausgerollt werden würde, wären sie vermutlich verzweifelt. Oder eher: Sie dachten nicht so weit voraus. Sie wollten, daß der Hugo, der Fred und der Klaus neben ihnen weiser würden, nicht irgendwelche Gestalten 200, 300, 500 oder 2000 Jahre später.
Hallo Rolf,
ich finde Deinen Standpunkt nicht naiv-romantisch, denn das würde ja irgendwie eine Abwertung bedeuten. Ganz im Gegenteil halte ich eine solche Sicht für umfassend. Menschen sind rationale u n d emotionale Wesen, und wenn es gut geht sind die beiden Perspektiven ausgewogen. Das kann man ja von der Entwicklung des unipolar galoppierenden Kapitalismus wirklich nicht behaupten.
Gruß, Cornelia