Es hat mehrere Hinweise gebraucht, plus eine passende Gelegenheit, um mich nach Bonn zu bringen. Aber dann war ich plötzlich da. In der üppigen Architektur des Kunstmuseums auf der Museumsmeile. Da gibt es viel zu sehen, aber ich bin hauptsächlich wegen eines Mannes hier, der die Kunst mit einem Bild eine Geschichte zu erzählen bis zur Perfektion entwickelt hat. Wie ein Filmemacher, der, aus was für Gründen auch immer, “nur” einen Photoapparat zur Verfügung hat. Oder vielleicht anders betrachtet einem Künstler, der in der Beschränkung auf das Einzelbild seine ihm ganz eigene Ausdrucksweise gefunden hat. Und ich bin nicht alleine. Da ich kurz nach elf vor Ort war hatte ich die Säle anfangs für mich allein, aber eine dreiviertel Stunde später als ich mit meinem ersten konzentrierten Durchgang durch war, waren die Säle bereits ziemlich voll und eine der Aufsichtsdamen hat mir verraten, dass das noch gar nichts sei. Ich müsse erst mal am Wochenende reinschauen, da wäre es noch voller. Übrigens die gleiche Aufseherin, die mich ganz am Anfang zurückgepfiffen hat als ich mich einem Bild vermeidlich zu sehr genähert hatte. Aber das führt eigentlich direkt zum Kern der Geschichte. Ähnlich wie bei Jeff Wall (in Basel) muss ich hier trotz der gigantischen Prints nah rangehen um kleine Details im Bild zu verstehen. Denn nichts hier ist zufällig. Jedes Detail ist arrangiert, inszeniert und sorgfältig im Gesamtbild positioniert. Es ist ein wenig wie beim „Mönch am Meer“ von C.D. Friedrich. In einem riesigen Feld von mehr oder weniger trivialer (bei Crewdson immmer menschgeschaffener) Landschaft taucht ein Detail auf, das Bedeutung verspricht. Wir treten heran, wir schauen und wir wissen genau, dass das Detail bedeutsam ist aber nicht warum. Das bleibt bei aller Vertrautheit der Szenerie drumrum Geheimnis. Wieso wird dann immer gesagt Crewdson erzähle Geschichten? Warum wir er im Begleitheft als „einer der international bedeutendsten Vertreter der narrativen Fotografie“ bezeichnet? Nun ich denke dass nicht er die Geschichte erzählt, sondern dass er uns zwingt uns Geschichten zu imaginieren. Er setzt den perfekten räumlichen Frame (Rahmen) und verweigert uns aber im Gegensatz zu den meisten Filmregisseuren das Bild auch in einen zeitlichen Kontext einzubinden. Wir müssen uns deshalb bei jedem Bild eine Geschichte zu der Frage: „Wie kam es dazu?“, und noch Eine zu der Frage: „Wie geht es weiter?“, ausdenken oder eben mit Fragezeichen in den Augen staunend vor dem Bild rumstehen.
It took several hints and a suitable opportunity to bring me to Bonn. But then suddenly I was there. In the opulent architecture of the art museum on the museum mile. There is a lot to see, but I am mainly here because of a man who has perfected the art of telling a story with a picture. Like a filmmaker who, for whatever reason, ‘only’ has a camera at his disposal. Or perhaps, viewed differently, an artist who has found his very own form of expression in the limitation of the single image. And I’m not alone. Since I arrived shortly after eleven, I had the halls to myself at first, but three quarters of an hour later, when I had finished my first concentrated tour, the halls were already quite full and one of the attendants told me that this was nothing. I should come back at the weekend, she said, when it would be even busier. Incidentally, this was the same attendant who had called me back at the very beginning when I had apparently come too close to a picture. But that actually leads directly to the heart of the story. Similar to Jeff Wall (in Basel), I have to get close to understand the small details in the picture, despite the gigantic prints. Because nothing here is accidental. Every detail is arranged, staged and carefully positioned within the overall picture. It’s a bit like C.D. Friedrich’s ‘Monk by the Sea’. In a vast field of more or less trivial (in Crewdson’s case, always man-made) landscape, a detail emerges that promises meaning. We step closer, we look and we know exactly that the detail is significant, but we don’t know why. Despite the familiarity of the surrounding scenery, this remains a mystery.
So why is it always said that Crewdson tells us stories? Why is he described in the accompanying booklet as ‘one of the most internationally significant representatives of narrative photography’? Well, I think that he doesn’t tell the story, but rather forces us to imagine stories. He sets the perfect spatial frame, but unlike most film directors, he refuses to place the image in a temporal context. We therefore have to come up with a story for each image that answers the question, ‘How did this happen?’ and another that answers the question, ‘What happens next?’ Or we can just stand in front of the image with question marks in our eyes, marvelling at it.
Gregory Crewdson arbeitet zwar mit Einzelbildern, diese können aber der Zeit ihrer Entstehung folgend im Werkgruppen eingeteilt werden. Interessanterweise haben seine frühen Werke (1986-88) auch schon etwas Rätselhaftes. Die Menschen sind, wenn welche auftauchen großformatig präsent, was in seinen späteren Werken eher weniger vorkommt. Auch die Dinge stehen im Mittelpunkt, insgesamt ist deutlich weniger Kontext einbezogen als später.
Gregory Crewdson works with individual images, but these can be divided into groups according to when they were created. Interestingly, his early works (1986–88) already have something enigmatic about them. When people appear, they are large-format, which is less common in his later works. Objects are also the focus, and overall there is significantly less context than in his later work.
In der Serie „Natural Wonder” (1991-97) beginnt er sichtbarer zu inszenieren. Hier sind es Tiere und Pflanzen, die als geheimnisvoll in Szene gesetzt werden. Immer noch ist die Kamera relativ nah am geschehen.
In the series ‘Natural Wonder’ (1991–97), he began to stage his scenes more visibly. Here, animals and plants are presented in a mysterious setting. The camera is still relatively close to the action.
Das ändert sich mit der Werkgruppe namens „Hoover“ (1996-97). Wir sehen Schwarzweiß-Bilder, die von einem Kran aus aufgenommen wurden. Der Blick entfernt sich und „überblickt“ die Szene. Wir sind in den Vorstädten angekommen. Ein Mann verlegt Kunstrasen quer über die Straße und verbindet so zwei Rasenflächen. Eine Frau hat Streifen von Erde quer über die Straße gestreut und beginnt darin Blumen zu pflanzen. Eine Art Kornkreis erschein im Rasen u.s.w.
This changes with the series entitled ‘Hoover’ (1996-97). We see black-and-white images taken from a crane. The view recedes and ‘oversees’ the scene. We have arrived in the suburbs. A man is laying artificial turf across the street, connecting two lawns. A woman has scattered strips of soil across the street and is beginning to plant flowers in them. A kind of crop circle appears in the lawn, etc.
In „Twilight“ (1998-2002) kommt ein weiteres „Dazwischen“ dazu. Die Aufnahmen entstehen in der Dämmerung, zwischen Tag und Nacht. Eine Mischung aus Restlicht und mehr oder weniger mysteriösen Lichterscheinungen prägt die Bilder. Es sind Bilder von Vorstadt-straßen aber auch Interieurs in diesen Vorstadthäusern. Die Menschen verhalten sich eigenartig. In „Beneath the Roses“ (2003-08) bewegen wir uns am Stadtrand. Es gibt weiterhin Lichtphänomene aber die Stimmung ist noch etwas düsterer. Bei den Innenszenen sind die Menschen nicht nur eigenartig sondern geradezu trostlos und wenn mehrere im Bild auftauchen stehen sie irgendwie beziehungslos nebeneinander.
In ‘Twilight’ (1998-2002), another ‘in-between’ is added. The photographs are taken at dusk, between day and night. A mixture of residual light and more or less mysterious light phenomena characterises the images. They are images of suburban streets but also interiors in these suburban houses. The people behave strangely. In ‘Beneath the Roses’ (2003-08), we move to the outskirts of the city. There are still light phenomena, but the mood is even darker. In the interior scenes, the people are not only strange but downright desolate, and when several appear in the picture, they stand next to each other in a seemingly unrelated manner.
Ein Schlüsselbild scheint mir hier „Bed of Roses“ zu sein. Eine Frau sitz im Nachthemd auf einem durchwühlten Bett und darauf und drumrum sind Rosen, aber keine Schnittblumen sondern mitsamt Dornen und Wurzeln aus dem Garten ausgerissen und im Raum verstreut. Die einzige Werkreihe, die nicht in den USA stattfindet ist „Sanctuary“ (2009). Sie ist aber nicht weniger trostlos und zeigt verlassene Kulissen in der Cinecittà bei Rom.
One key image here seems to me to be ‘Bed of Roses’. A woman sits in her nightdress on a rumpled bed, surrounded by roses, but not cut flowers; rather, roses torn from the garden, complete with thorns and roots, scattered around the room. The only series of works that does not take place in the USA is ‘Sanctuary’ (2009). However, it is no less bleak, depicting abandoned sets in Cinecittà near Rome.
Nach einem Bruch, der möglicherweise eine persönliche und/oder Schaffenskrise markiert beginnt Crewdson neu und persönlicher. In „Cathedral of Pines“ (2013-14) wird immer noch inszeniert aber z.T. an Original-Schauplätzen in seiner Umgebung und mit Freunden und Bekannten als Models. Die Natur kommt mit ins Spiel, aber auch sie ist nicht mehr als eine Kulisse für menschliche Trostlosigkeit. Vor allem die Innenaufnahmen sind kaum auszuhalten.
After a break that may have marked a personal and/or creative crisis, Crewdson started afresh and became more personal. In ‘Cathedral of Pines’ (2013-14), the scenes are still staged, but some are shot at original locations in his neighbourhood, with friends and acquaintances as models. Nature comes into play, but even that is nothing more than a backdrop for human desolation. The interior shots in particular are almost unbearable to look at.
Mit „Eclipse of Moths“ (2018-19) kehrt Crewdson wieder auf die große Bühne zurück und in „Eveningside“ (2021-22) imaginiert er eine heruntergekommene Kleinstadt in Schwarzweiß, wo die Menschen irgendwie fassungslos in der Gegend rumstehen oder sitzen und scheinbar jede Beziehung zueinander oder zu ihrer Umgebung verloren haben. Die Spiegel spiegeln leicht „verrückte“ Bilder der Personen zurück die Blicke sind so leer wie die Läden und sonstigen einstigen Orte menschlichen Zusammenseins. Trotz der erklärten Absicht mit seinen Bildern persönliche Geschichten zu erzählen und nicht politisch agieren zu wollen, kommt man nicht umhin spätestens in „Eveningside“ deutliche Verfallserscheinungen einer doch noch so jungen „Zivilisation“ zu sehen.
With ‘Eclipse of Moths’ (2018–19), Crewdson returns to the big stage, and in ‘Eveningside’ (2021–22), he imagines a dilapidated small town in black and white, where people stand or sit around somewhat bewildered, seemingly having lost all connection to each other and their surroundings. The mirrors reflect slightly ‘displaced’ images of the people; their gazes are as empty as the shops and other former places of human togetherness. Despite his stated intention to tell personal stories with his images and not to engage in politics, it is impossible not to see, at least in ‘Eveningside’, clear signs of decay in a ‘civilisation’ that is still so young.
Es ist dies (nur noch bis 22. Februar) eine wirklich bedeutende Retrospektive. Es ist ungeheuer viel Input, bedenkt man, dass man sich mit einem zwei oder drei Bildern schon lange beschäftigen kann. Es werden hier siebzig Bilder gezeigt, einige ältere Schwarzweiß-Bilder im mittleren aber alle Farbbilder im Großformat. Es ist wirklich überwältigend. Ich habe mir den Katalog gekauft, der so am oberen Ende dessen firmiert, was ich für einen Katalog auszugeben bereit bin, aber ich denke, es lohnt sich vor allem, weil es auch die Gelegenheit bietet sich die Bilder gemeinsam mit andern Photographie-Afficionados anzuschauen und darüber zu reden, was Sie auch emotional hervorrufen.
Noch halb erschlagen von dem Input, habe ich im Foyer sitzend auf einem großen Bildschirm ein Interview mit dem Künstler gesehen. Sehr interessant was er zu seinen Bildern sagt. Aber was mich besonders beeindruckt hat, ist seine Leibesfülle. Sie hat mich zu der Phantasie verleitet zu denken, dass dieser Mann möglicherweise selbst ein Geheimnis birgt, dass nun schon seit mehreren Jahrzehnten sich in seinen Bildern versucht zu offenbaren.
This is a truly significant retrospective (only until 22 February). It is an enormous amount of input, considering that two or three pictures alone can keep you occupied for a long time. Seventy pictures are on display here, some older black-and-white pictures in the middle format, but all colour pictures in large format. It is truly overwhelming. I bought the catalogue, which is at the upper end of what I am willing to spend on a catalogue, but I think it is worth it, especially because it also offers the opportunity to view the pictures together with other photography aficionados and talk about the emotions they evoke.
Still reeling from the input, I sat in the foyer and watched an interview with the artist on a large screen. It was very interesting to hear what he had to say about his pictures. But what particularly impressed me was his corpulence. It led me to imagine that this man himself might harbour a secret that has been trying to reveal itself in his pictures for several decades now.
Translated with the help of DeepL.com
Vielen Dank für deine Ausführungen zur Ausstellung!
Grüße
Klaus
Gerne!