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Geschichte verdauen / Digesting History

Grab von Baader, Ensslin und Raspe auf dem / Grave of Baader, Ensslin and Raspe at the                     Dornhaldenfriedhof in Degerloch

Scheinbar ist es Schnee von gestern – das Thema Terrorismus und noch mehr der deutsche Terrorismus der RAF. Aber auch nur als herausragendes Phänomen – als allgemeine Angst und Verunsicherung ist Terrorismus inzwischen allgegenwärtig und schon lange nicht mehr nur dem Staat und radikalen politischen Gruppen vorbehalten. Die Idee mich mit dem Thema zu beschäftigen, kam ich als sich in der Auseinandersetzung mit dem Werk von Gerhard Richter auch seine Werke zur RAF zu Gesicht bekam.

Lange habe ich mich davor gedrückt, da noch mal genauer hinzusehen. Als ich kürzlich “Das Wochenende” von Bernhard Schlink als Hörspiel  hörte, wurde mir auch klar warum. Ich muss mir nämlich zugestehen damals in meinem linksradikal anarchistischen Milieu, so in der dazugehörigen Ideologie verstrickt gewesen zu sein, dass ich wie die anderen auch die berühmte “klammheimliche Freude” über die gelungenen Aktionen der selbsternannten Kämpfer mitempfunden habe.

Es scheint mir zum Wesen von Ideologien zu gehören, dass man mit zunehmender Verstrickung darin den Blick dafür verliert, ob die zur Anwendung kommenden Mittel in einem vertretbaren Verhältnis zu den verfolgten Zwecken stehen. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und die Illusion man könne sich auf die Seite des Guten schlagen und dafür kämpfen hat sich in Luft aufgelöst. Letztlich neigen nämlich alle Ideologien und Glaubensbekenntnisse dazu radikale Auswüchse zu entwickeln.

Aber hier ist die Frage ja eher, was für eine Rolle Bilder dabei spielen, wie Ereignisse erinnert werden, wie diese Erinnerungen bewertet werden und schließlich, ob sie dazu beitragen können, die Wirkung, die diese Ereignisse auf uns haben zu verarbeiten. Die Bilder, die mir noch gegenwärtig sind, sind die Fahndungsplakate “Anarchistische Gewalttäter – Bader/Meinhof-Bande” sehr dunkel gehaltene Porträts auf hellem Grund. Und die Bilder der Entführten mit dem RAF-Symbol im Hintergrund – wahrscheinlich, weil sie so oft im Fernsehen gezeigt worden. Von den Bildern der Verhaftung oder den Toten in den Zellen in Stammheim habe ich nur noch undeutliche Erinnerungen. Aber ich weiß noch, dass manche der Bilder die Protagonisten eher als Verbrecher und manche sie eher als Märtyrer erscheinen ließen. Als Selbstmörder oder als Opfer der Staatsgewalt.

Es gibt inzwischen unzählige Dokumentationen dazu in Buchform oder als Film. Da kann man, wenn man es nicht erlebt hat oder sich nicht mehr erinnern kann, nachlesen, was passiert ist bzw. was die jeweiligen Autoren daraus gemacht haben. Uns interessieren hier vor allem die Bilder. Da bin ich auf zwei Versuche gestoßen, anhand der Arbeit mit dem Archivmaterial in eine Auseinandersetzung mit dem Thema zu kommen. Einmal ist es der Arbeit von Arved Messmer, der Archivmaterial zusammengetragen, es künstlerisch verarbeitet, 2017 in einer Ausstellung  im Folkwang Museum ausgestellt, auf seiner Homepage und in einem Buch präsentiert hat. Die Kraft dieser Bilder besteht meines Erachtens darin, über die Details, die in den Bildern zu sehen sind, viel mehr als die großen zeitgeschichtlichen Dokumente anzurühren und zum Nachdenken anzuregen.

Seemingly it is yesterdays snow – the topic of terrorism and even more the German terrorism of the RAF. But even only as an outstanding phenomenon – as a general fear and uncertainty, terrorism is now ubiquitous and has long since ceased to be the preserve of the state and radical political groups. The idea to deal with this topic came to me when, while dealing with the work of Gerhard Richter, I also got to see his works on the RAF.

For a long time, I avoided taking a closer look. When I recently heard “The Weekend” by Bernhard Schlink as a radio play, it became clear to me why. I have to admit that I was so caught up in the ideology of my radical left-wing anarchist milieu back then that, like the others, I felt the famous “clammy joy” over the successful actions of the self-proclaimed fighters.

It seems to me to be part of the nature of ideologies that, with increasing entanglement in them, one loses sight of whether the means used are in a justifiable relationship to the ends pursued. In the meantime, a lot of time has passed and the illusion that one can take the side of the good and fight for it has vanished into thin air. Ultimately, all ideologies and creeds tend to develop radical excesses.

But here the question is rather what role images play in how events are remembered, how these memories are evaluated, and finally, whether they can help to process the effect that these events have on us. The images that are still present to me are the wanted posters “Anarchist violent criminals – Bader/Meinhof Gang” very dark portraits on a light background. And the pictures of the abductees with the RAF symbol in the background – probably because they have been shown so often on television. I have only vague memories of the pictures of the arrest or the dead in the cells in Stammheim. But I remember that some of the images made the protagonists seem more like criminals and some made them seem more like martyrs. As suicides or as victims of state power.

There are now countless documentaries about this in book form or as a film. There you can, if you have not experienced it or can no longer remember, read what happened or what the respective authors have made of it. We are mainly interested in the pictures. I came across two attempts to deal with the topic by working with archive material. One is the work of Arved Messmer, who has collected archive material, processed it artistically, exhibited it in an exhibition at the Folkwang Museum in 2017, presented it on his homepage  and in a book. The power of these images, in my opinion, is to touch and make you think about the details that can be seen in the pictures much more than the great contemporary historical documents.

Zum Zweiten, Gerhard Richter mit seinem Zyklus “18. Oktober 1977”. Dieser bildet den Abschluss von Richters Auseinandersetzungen mit Fotos in Massenmedien. Seine letzte Serie mit an verwackelte Schwarz-Weiß-Fotos erinnernden Gemälden (siehe auch „Der Photomaler“). Die Serie gehört inzwischen dem MoMa in New York und wird dort als eine der wichtigsten Arbeiten Richters  betrachtet.

Besonders interessant ist dabei der Prozess der Entstehung dieses Zyklus, der in dem Essay “Eine Idee, die bis zum Tod geht” von Ortrud Westheider im Buch “Gerhard Richter – Bilder einer Ära”  gut zusammengefasst wird. Zum einen macht dieser Prozess deutlich, was ein wesentlicher Unterschied zwischen Fotografie und Malerei ist. Richter hat im Archiv in Hamburg Bilder aus der Zeit der RAF (1970 bis 1977) ausgesucht und etwa 100 davon in Form von Fotokopien in sein Album geklebt, diese dann zum Teil noch mal abfotografiert und sie dadurch aufs Wesentliche reduziert. Aus diesen Vorlagen hat er Ausschnitte für 18 verschiedenformatige Gemälde benutzt und diese dann noch mal auf 15 Bilder reduziert, die seither diese Serie bilden. In diesen Gemälden hat er dann alles Unwesentliche noch stärker verwischt als das, was noch durchscheinen soll. Er das Thema somit in mehreren Schritten auf das für ihn Wesentliche eingedampft und in diesem Prozess das Thema und damit auch ein dramatisches Stück Vergangenheit für sich und die Betrachter seiner Bilder verarbeitet.

Secondly, Gerhard Richter with his cycle “October 18, 1977”. This forms the conclusion of Richter’s examination of photographs in mass media. His last series of paintings reminiscent of blurred black-and-white photographs (see also “The Photopainter“). The series now belongs to the MoMa in New York, where it is considered one of Richter’s most important works.

Of particular interest is the process of the creation of this cycle, which is well summarized in the essay “An idea that goes to death” by Ortrud Westheider in the book “Gerhard Richter – Bilder einer Ära”. On the one hand, this process makes clear what is an essential difference between photography and painting. Richter selected pictures from the RAF period (1970 to 1977) in the archive in Hamburg and pasted about 100 of them in the form of photocopies into his album, then photographed some of them again and thus reduced them to the essentials. From these originals he used excerpts for 18 differently formatted paintings and then reduced them again to 15 pictures, which since then form this series. In these paintings, he then blurred everything unessential even more than what should still shine through. He the subject thus in several steps to the essentials for him steamed down and in this process the subject and thus also a dramatic piece of the past for himself and the viewers of his pictures processed.

Translated with the help of www.DeepL.com/Translator

3 Comments

  1. Horst Hirning

    Die Problematik jeglicher Ideologie wird doch bereits in den von Dir benutzten Begriffen “urteilen” und “verurteilen” deutlich. Von Ideologie besetzt, ist nur noch “verurteilen” möglich, denn der sachliche Blick auf die Welt ist längst verloren gegangen. Man glaubt, über den Andersdenkenden zu stehen. Wohin dies bei Einzelnen, in einer Gruppe oder gar einem Volk führt haben wir gesehen und sehen wir auch heute.

  2. Stefan Brendle

    Der Mensch – als sprechendes, regelgeleitetes Lebewesen kommt er ums Bewerten nicht rum. Und für das, was er als gut bewertet, und gegen das, was er als schlecht bewertet, kämpfen: Inwiefern sollte das illusorisch sein?

    Muss man nicht auch sein Hobby als gut bewerten, um´s dann betreiben zu können? Und ist das dann nicht illusorisch? Oder wird´s das erst, wenn man – aus welchen Gründen auch immer – fürs Praktizieren seines Hobbys kämpft?

    Wann hören Theorie und radikale Kritik auf und fangen Ideologie und “Religiöses” an? Wenn man den Kapitalismus als abgrundtief schlecht bewertet und entsprechend ins Visier nimmt?

    • Rolf Noe

      Irgendwo hast Du ja recht. Als sprechendes, regelgeleitetes Lebewesen komme ich nicht drum rum zu urteilen und zu verurteilen.
      Aber Ich bin ja als Mensch auch ein fühlendes impulsgeleitetes Wesen und agiere und reagiere oft irrational. Das kann man bedauern und ich bin ganz auf deiner Seite, wenn es darum geht, der Vernunft die Überhand zuzugestehen, aber ich bezweifle, dass das immer hinhaut. Beim `den Ideologien hinterherlaufen´ handelt es sich ja auch nicht um vernünftige Entscheidungen, sondern darum, dass man wie auch immer dazu gebracht wurde etwas zu glauben. Das ist der erste Schritt, der zweite ist, dass man andere abwertet und wenn es sein muss auch tötet usw.

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