Gelegenheit macht Ausstellungsbesuche. So scheint es zumindest bei mir zu sein. Ich sollte einen Donnerstag lang in Mainz unterrichten und was liegt da näher als Wiesbaden. Also habe ich mich schon am Mittwoch auf den Weg gemacht und einen guten halben Tag darauf verwendet, einige Ausstellungen der Wiesbadener[ ]Fototage zu besuchen. Das Motto ist „ZUKUNFT? Welche Zukunft?“ Ich habe im Vorfeld ein wenig recherchiert – allerdings schlecht, da eines meiner anvisierten Ziele am Mittwoch gar nicht offen hatte. So ist mir die Ausstellung mit Bildern von Laura Pannack durch die Lappen gegangen. Und der Kunstverein in der Stadt öffnete diesen Tag erst um 16 Uhr. Das war mir zu spät.
Also ging ich ins Frauen Museum Wiesbaden, wo im Übrigen auch männliche Künstler ausgestellt werden. Diese Serien haben mich teilweise sehr beeindruckt. Angefangen mit den die Wehrerziehung der Allerkleinsten aufs Korn nehmenden Bildern und Installation „WARS `R US“ von Pia Hertel (s.u.), über die ansprechenden Müllaufnahmen „Zero Waste“ von Eva Bystrianská aus der tschechischen Stadt Jihlava, bis zu den architektonischen Zukunftsräumen unserer Vergangenheit, elegant porträtiert von Jürgen Altmann aus Stuttgart. Die „Elektrowesen“ von Kai Brüninghaus sind ganz nett, aber da ist mein Urteil eventuell auch durch meine generelle Abneigung gegenüber der bildgenerierenden KI überschattet.
Opportunity makes exhibition visits. At least that seems to be the case for me. I was supposed to teach in Mainz on a Thursday, and what could be closer than Wiesbaden? So I set off on Wednesday and spent a good half day visiting some of the exhibitions at the Wiesbaden Photo Days. The motto is ‘FUTURE? What future?’ I did a little research beforehand – but not very well, as one of my intended destinations was not even open on Wednesday. So I missed out on the exhibition of pictures by Laura Pannack. And the Kunstverein in the city didn’t open until 4 p.m. that day. That was too late for me.
So I went to the Women’s Museum in Wiesbaden, where art by men is also exhibited, by the way. Some of these series really impressed me. Starting with the pictures and installation ‘WARS ‘R US’ by Pia Hertel (see below), which takes aim at the military education of the very youngest, to the appealing rubbish photographs ‘Zero Waste’ by Eva Bystrianská from the Czech city of Jihlava, to the architectural spaces of the future from our past, elegantly portrayed by Jürgen Altmann from Stuttgart. The ‘Elektrowesen’ by Kai Brüninghaus are quite nice, but my judgement may be clouded by my general aversion to image-generating AI.
Im Stadtmuseum am Markt gab es eine berührende Serie über ein altes Ehepaar, „Serafima & Jevhen“ aus der Ukraine von Sofia Samoylova, geschlossene Einzelhandelsläden in London von Eva Bachmann. Sehr berührt hat mich, obwohl das Thema eher schon etwas abgegriffen ist, die Serie „Hello Italy“ von Arez Ghaderi aus Hannover. Er hat Bootsflüchtlinge photographiert, die von Libyen aus versuchen das Mittelmeer zu überwinden.
Die KI-Serie hier fand ich nicht unsinnig, beschäftigt sie sich doch mit den Zukunftsvisionen von Familien zu der Frage, wie wir in Zukunft leben wollen? Berit Jäger hat die Familien portraitiert und stellt diese mitsamt dem Prompt und dem generierten Bild aus. Die meisten wünschen sich was Grünes, was angesichts der Klimakrise schon fast wie Eskapismus anmutet.
The City Museum on the Market Square hosted a touching series about an elderly couple, ‘Serafima & Jevhen’ from Ukraine, by Sofia Samoylova, and closed retail shops in London by Eva Bachmann. Although the subject matter is somewhat hackneyed, I was very moved by the series ‘Hello Italy’ by Arez Ghaderi from Hanover. He photographed boat refugees attempting to cross the Mediterranean from Libya.
I didn’t find the AI series here nonsensical, as it deals with families’ visions of the future and the question of how we want to live in the future. Berit Jäger (https://jaeger-arts.com/arbeiten/) has portrayed the families and is exhibiting them together with the prompt and the generated image. Most of them want something green, which seems almost like escapism in view of the climate crisis.
Die meisten Serien bekam ich im Kunsthaus Wiesbaden, oben auf dem Berg zu sehen. Sibylle Fendt und Paula Winkler haben in der Serie „Tag X“ Aktionen von Klimaaktivist:inn:en in der Zeit von 2022 bis 24 eindrucksvoll dokumentiert. In der Serie „Neustadt“ zeigt Melina Lehmacher aus Düsseldorf Jugendliche aus Vorstadtsiedlungen, einst modern und zukunftsweisend, heute eher ein Symbol für das Scheitern des „sozialen“ Wohnungsbaus.
Julius Schien aus Hannover zeigt Schauplätze rechter Gewalt. Nicht der Erste, der das tut, aber liest man sich die Dokumentation dazu durch, fällt auf, für viele der aufgeführten Mord-Taten offiziell gar nicht als rechte Gewalt eingeordnet werden, obwohl die Indizien-Lage eindeutig ist.
Ziyi Le aus Hangzhou hat Photographie benützt um mit Menschen in Kontakt zu kommen. Er zeigt seine gefühlvollen Portraits von Menschen, die sich auf einen ‚Social Media‘-Aufruf seinerseits gemeldet haben. Es geht ihm in dieser „New Comer“ genannten Serie immer darum, Gefühle ins Bild zu setzen.
I saw most of the series at the Kunsthaus Wiesbaden, at the top of the hill. Sibylle Fendt and Paula Winkler impressively documented the actions of climate activists between 2022 and 2024 in their series ‘Tag X’ (Day X). In the series ‘Neustadt,’ Melina Lehmacher from Düsseldorf shows young people from suburban housing estates, once modern and forward-looking, but now more a symbol of the failure of ‘social’ housing construction.
Julius Schien from Hanover shows scenes of right-wing violence (in Germany). He is not the first to do so, but when reading the accompanying documentation, it is striking that many of the murders listed are not officially classified as right-wing violence, even though the evidence is clear.
Ziyi Le from Hangzhou has used photography to connect with people. He shows his emotional portraits of people who responded to his call on social media. In this series, called ‘New Comer’, his aim is always to capture feelings in images.
Bedrückend und beeindruckend zugleich sind die Bilder von Mohammad R. Hasan aus Dhaka. Er zeigt in den monumentalen und trotzdem feinfühligen Bildern seiner Serie „The Blue Fig“ Menschen in Überschwemmungsgebieten in Bangladesch. Zum Teil am Ufer, zum Teil mit den Füßen, zum Teil noch tiefer im Wasser. Ein als großes Tableau ausgefertigtes Bild zeigt eine Tafel voll mit Lebensmitteln um die Menschen sitzen, die gerade noch so weit aus dem Wasser ragt, dass die Leute auf den Stühlen sitzen können.
The images by Mohammad R. Hasan from Dhaka are both oppressive and impressive. In the monumental yet sensitive images of his series ‘The Blue Fig’, he shows people in flood areas in Bangladesh. Some are on the shore, some are standing with their feet in the water, and some are even deeper in the water. One large tableau shows a table laden with food, surrounded by people sitting on chairs that are just high enough above the water for them to sit on.
Hier ist die obligatorische KI-Serie „Broken Mirror“ eine orwelsch-kafkaeske Reportage von Filippo Venturi aus dem real existierende Nordkorea, in die zunehmend riesige Insekten eindringen und die sowieso schon bedrückenden schwarz-weiß Bilder noch mal intensivieren.
Natürlich gab es noch weitere Ausstellungs- Locations (über die man sich im Übrigen hervorragend auf der Website der Fototage informieren kann), aber es war so schon ein Erlebnis, das ich, auch wenn ich nicht streame, als eine Art Binge-Watching einordnen würde. Man nimmt viele Eindrücke mit, aber wenn man sich, wie ich, hinsetzt und das noch mal durchgeht und darüber reflektiert, merkt man, dass man an der einen oder andern Stelle gerne tiefer eingestiegen wäre, hätte man nicht gedacht man müsse sich die nächste und übernächste Serie auch noch reinziehen.
Here is the obligatory AI series ‘Broken Mirror’, an Orwellian-Kafkaesque report by Filippo Venturi from real-life North Korea, which is increasingly being invaded by giant insects, intensifying the already oppressive black-and-white images.
Of course, there were other exhibition locations (which, incidentally, are well documented on the Fototage-website), but even so, it was an experience that I would classify as a kind of binge-watching, even though I don’t stream. You take away a lot of impressions, but when you sit down, as I did, and go through it all again and reflect on it, you realise that there were one or two points where you would have liked to have gone into more depth, had you not thought you had to get on with the next series and the one after that.
Translated with the help of DeepL.com
Das ist wieder so ein Artikel, bei dem ein halber Tag draufgeht, wenn man sich die Links alle anschaut! Danke!
Morgen ist Finissage in Wiesbaden: https://www.instagram.com/p/DORIsqkDAKl/