So jetzt ist der Stuttgarter Fotosommer vorbei und es sind noch fast sechs Wochen bis zum Pforzheimer Fotoherbst. Glücklicherweise kann man einige der Ausstellungen in Stuttgart noch sehen. Wir hatten bei unserem letzten Besuch in Stuttgart nur einen kleinen Teil der Ausstellung gesehen und den Besuch in der Hauptausstellung in der Gällery auf später verschoben. Diese kann man noch bis zum 13. September besichtigen. Wir waren letzte Woche da. Wie schon an der einen oder anderen Stelle erwähnt zeigt die Staatsgalerie in der Gällery gern serielle Photographie. Diesmal in Zusammenarbeit mit dem Fotosommer. Die gezeigten Serien sind von einer Jury aus ca. 300 Einsendung ausgesucht worden.
Es beginnt gleich mit einem Paukenschlag. Eine Serie aus nur zwei Bildern und dann sind diese zwei Bilder auch noch fast identisch. Sie zeigen ein Detail aus der Jugendvollzugsanstalt in Bochum und auf dem zweiten Bild fehlt etwas. Spoiler: es ist die „Freiheit“! So heißt auch die Serie von Martin Janczek.
Direkt daneben eine der Serien, die ohne Lektüre des Begleittextes im wahrsten Sinne des Wortes obskur bleiben. In der Serie „Rekonstruktion einer Realität“ hat Leonie Lass die schwarzen Flächen von Fernsehbildschirmen abfotografiert, die bei eBay zu Verkauf angeboten wurden. Die darin schwach sichtbaren Reflexionen erlauben eine fast orwellschen Blick in die Wohnzimmer der Verkäufer. Man sieht die Konturen eines Wäschekorbs oder eine Katze vorbeihuschen und man ahnt einiges mehr.
Bei der Serie „Die dunkelste Nacht“ von Marcel Mayer über die Ahrtalflutkatastrophe haben wir uns darüber unterhalten, inwieweit die Serie noch konsistent ist, da sie sowohl die Verwüstungen als auch einige der davon betroffenen Menschen zeigt. Ergebnis war, dass die Forderung nach Konsistenz, wenn man sie zu weit treibt zu langweiligen Serien führt.
Spannend fanden wir auch die Serie „Peripherie“ von Jonas Glanz und Adam Haas. Die scheinbar so wahllos zusammengewürfelten Ansichten aus dem Umfeld Bielefelds werden unter anderem durch die spannende Präsentation zusammengehalten. Keines der Bilder ist zentral im Rahmen positioniert. Durch die Vermeidung des Zentrums wird der Gedanke der Peripherie auch von der Präsentation unterstützt.
Zwei Serien, die inhaltlich nicht so viel hergeben, aber konzeptionell sehr interessant sind, sind einmal der „Hühnerstall“ von Eva Schmeckenbecher, indem durch die extrem fragmentierte Präsentation erst so etwas wie Spannung in das doch eher beschauliche Thema der Kleinviehhaltung kommt. Zum anderen eine graue Wand voll mit zerstörten Bildern. „Days of Destruction“ nennt Markus Kaesler seine Installation nahtlos aneinandergereihter Schwarzweißbilder, die nichts mehr zeigen als die Spuren ihrer Zerstörung (Siehe Panorama ganz unten). Der Künstler zerstört seit Beginn des Überfalls auf die Ukraine jeden Tag eines seiner Schwarzweißbilder und reiht die entsilberten Blätter aneinander. Die Präsentation entwickelt so eine Wucht, die uns vielleicht ein wenig spüren lässt wie verheerend so ein Krieg für die Betroffenen und für uns alle ist.
Zwischendrin dann aber auch wieder, nah am Thema die Serie „Unordnung wird zu Neuordnung“ von Matthias Kleinen, die die Spuren des Zusammenlebens mit Kindern, den schlichten Alltagswahnsinn des Familienlebens in wild angeordneten Momentaufnahmen sichtbar macht (siehe Titelbild). Oder die „Inventarisierung einer Abwesenheit“ von OA Krimmel, der die Erinnerungsecken in der Wohnung seiner verstorbenen Mutter eindrucksvoll in Szene gesetzt hat. Man meint die Spuren des Verschwindens der Erinnerung in der Demenz auch noch darin sehen zu können.
Jetzt komme ich dann mit meinen Auflistungen schon wieder ins Hecheln, dabei kann ich noch nicht mal alle Serien besprechen, die wir spannend fanden. Deswegen hier noch kurz die zwei Serien, die mich/uns am wenigsten überzeugt haben und die auch nicht so recht zum Thema passen wollen. Einmal „Vortex“ von Gosbert Gottmann mit seinen digital entstellten Portraits und die „Zeppelin-Weltfahrten“ von Barbara Karsch-Chaieb. Die Sammelbilder im Kassenbuch sind sicher ein spannender Fund, aber – aber vielleicht habe ich/haben wir auch nur etwas Entscheidendes nicht verstanden.
Last but not forgotten kommen noch die alten (80er 90er Jahre) Bilder von Wolfgang Zurborn in den Blick. Dieser Blick „mitten rein“ in die Menge ist einfach wunderbar. Warum allerdings das am wenigsten in die Serie passende Bild am allergrößten gezeigt wird, hat sich uns nicht erschlossen. Ich freue mich schon auf das Buch. Vielleicht wird diese Frage ja da noch beantwortet.
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Spannendes Thema! Ich fotografiere selbst und lerne gerne von den Großen.
Wenn ein jeder mit einer eigenen Ausstellungsidee daherkommt, noch dazu effektheischend, wird es schwierig für den Besucher einer Sammelausstellung.
Witzig in dem Zusammenhang gleich das erste Zweierbild: Man wird “gezwungen”, nach den Unterschieden zu suchen. Und man fragt sich beim Weggehen vielleicht, was “Freiheit” ist im persönlichen Leben. Gibt es die überhaupt?Muss man deutlich aktiver werden, um sie zu spüren?
Es ist ja nicht so, dass es kein übergeordnetes Thema gegeben hätte. “Unordnung” mag etwas vage sein, aber fast alle Arbeiten haben zum Thema Ordnung/Chaos Stellung genommen, nur eben, und das ist für künstlerische Arbeiten nicht verwunderlich, jede/r auf seine ganz besondere Art und Weise.