„Eine betörend weitgespannte Ausstellung …“
Frankfurter Rundschau
Bei dieser Ausstellung, die ich mir zusammen mit Harald angeschaut habe, waren wir uns danach über eines einig. Das war zu viel. Das hat einen starken Eindruck hinterlassen, den wir aber nicht sortiert bekommen. Das wollen wir jetzt im Dialog nachholen:
Harald: Gestern habe ich mich endlich an die Bilder von der Ausstellung japanischer Fotografin in Frankfurt gewagt. Ich habe versucht, die Fotos den Personenbeschreibungen zuzuordnen und habe entsprechende Ordner angelegt, mit den Namen der jeweiligen Fotografin. Dort habe ich dann Abbildungen der Exponate hinzugefügt, soweit ich mir der Zuordnung sicher war.
Mir sind verschiedene Dinge klar geworden. Beispielsweise, dass die Ausstellung einen erheblichen Umfang hatte. Sowohl was die Anzahl der Künstlerinnen angeht, also auch die Zeiträume, die abgedeckt sind, ganz zu schweigen von der thematischen Vielfalt.
Ich, sehe diese Ausstellung als einen weiblichen Kommentar zur Entwicklung der japanischen Gesellschaft seit den Fünfziger-Sechzigerjahren. Es sind die wichtigsten Themen abgebildet, die Besatzung der Okinawa Inseln (Ishkawa Mao *1953), die Studentenrevolution in den siebziger Jahren (Wanatabe Hitomi *1943), die Atomkatastrophe von Fukushima (Ishiuchi Miyako *1947), die Wave Culture (Hiromix *1976) und die gegenwärtige Identitätsdebatte (Okabe Momo) *1981.
“A captivatingly wide-ranging exhibition…”
Frankfurter Rundschau
After viewing this exhibition together with Harald, we agreed on one thing. It was too much. It left a strong impression, but one that we couldn’t quite sort out. We now want to do that in dialogue:
Harald: Yesterday, I finally ventured to look at the pictures from the exhibition of Japanese female photographers in Frankfurt. I tried to match the photos to the descriptions of the people and created corresponding folders with the names of the respective photographers. I then added images of the exhibits to these folders, as far as I was sure about the matching.
Several things became clear to me. For example, that the exhibition was quite extensive. Both in terms of the number of artists and the time periods covered, not to mention the thematic diversity.
I see this exhibition as a female commentary on the development of Japanese society since the 1950s and 1960s. The most important themes are depicted: the occupation of the Okinawa Islands (Ishkawa Mao, born 1953), the student revolution in the 1970s (Wanatabe Hitomi, born 1943), the Fukushima nuclear disaster (Ishiuchi Miyako *1947), wave culture (Hiromix *1976), and the current identity debate (Okabe Momo) *1981.
Rolf: Das sehe ich für den Einstieg genauso. Die Photographinnen, die von den Kuratorinnen als Pionierinnen eingestuft werden, gehören sicher in diese Kategorie. Aber auch schon hier trägt die Einstufung als rein dokumentarisch nicht weit. Z.B. Okanoue Toshiko (*1928) war eher surrealistisch unterwegs, also zumindest mit einem Fuß auch außerhalb ihres Kulturkreises. Sie ist nicht die einzige Ausnahme. Schon früh hat sich Yamazawa Eiko (*1899+1995), die in Japan Nihonga-Malerei studiert hatte in Amerika ausbilden lassen, um danach in Japan ein Porträtstudio und eine Photographinnen-Schule zu betreiben. Sie ist in der Ausstellung mit farbenfrohen, experimentellen Aufnahmen vertreten. Aber auch bei den späteren Photographinnen gibt es einige, die mit ihren Bildern auf Zustände oder Entwicklungen in Japan hinweisen.
Rolf: I agree with you on that point. The photographers classified as pioneers by the curators certainly belong in this category. But even here, classifying them as purely documentary does not go very far. Okanoue Toshiko (*1928), for example, was more surrealistic in her approach, with at least one foot outside her cultural circle. She is not the only exception. Early on, Yamazawa Eiko (*1899+1995), who had studied Nihonga painting in Japan, trained in America and then ran a portrait studio and a school for female photographers in Japan. She is represented in the exhibition with colourful experimental photographs. But even among later photographers, there are some who use their images to draw attention to conditions or developments in Japan.
Harald: Das ist auch ein Aspekt, der die Ausstellung für mich so anregend, aber auch sperrig wirken lässt: Jede der ausgestellten Photographinnen hätte es verdient, ausführlich vorgestellt zu werden. Jede wäre für sich interessant genug, sich intensiv mit ihr und ihrem Werk zu beschäftigen. In der Fülle drohen die einzelnen Positionen im Rauschen unterzugehen. So habe ich mir wenige Künstlerinnen ausgewählt, um sie und ihre Bilder genauer anzusehen.
Die Auffälligste ist für mich zunächst Katayama Mari *1987. Die Multimediakünstlerin erstellt auch Skulpturen, macht Performances, arbeitet als Sängerin und als Model. Ihr Hauptthema ist ihr eigener Körper. Durch eine angeborene Anomalie sind ihre Schienbeine unterentwickelt und ihre linke Hand hat zwei statt fünf Finger. Um nicht lebenslang den Rollstuhl nutzen zu müssen, ließ sie sich den linken Unterschenkel und den rechten Fuß amputieren und lernte das Gehen auf Prothesen.
Sie inszeniert sich auf großformatigen Selbstportraits inmitten opulenter Arrangements. Zwei Bilder solcher Inszenierungen aus dem Jahr 2026 sind zu sehen. „Bystander“ und „Shell“, aufwendig gerahmte C-Prints, zeigen die Künstlerin inmitten ihrer Prothesen und anderer Gliedernachbildungen, einmal am Strand und einmal in einem Zimmer. In beiden Bildern schaut die Künstlerin direkt den Betrachter an. und zwingt ihn, sich mit ihr und ihrem Thema auseinanderzusetzen.
Harald: That’s another aspect that makes the exhibition so stimulating, but also unwieldy for me: each of the photographers on display deserves to be presented in detail. Each one would be interesting enough on her own to engage with her and her work in depth. In the abundance, the individual positions threaten to get lost in the noise. So I have selected a few artists to have a closer look at them and their pictures.
The most striking for me is Katayama Mari *1987. The multimedia artist also creates sculptures, performs, works as a singer, and models. Her main theme is her own body. Due to a congenital anomaly, her shins are underdeveloped and her left hand has two fingers instead of five. In order to avoid having to use a wheelchair for the rest of her life, she had her left lower leg and right foot amputated and learned to walk on prostheses.
She stages herself in large-format self-portraits amid opulent arrangements. Two such staged images from 2026 are on display. “Bystander” and “Shell,” elaborately framed C-prints, show the artist surrounded by her prostheses and other limb replicas, once on the beach and once in a room. In both pictures, the artist looks directly at the viewer, forcing them to engage with her and her subject.
Rolf: Ja, es ist wirklich schade, dass von dieser Künstlerin, von der ich im Übrigen schon mal berichtet habe nur zwei Bilder zu sehen sind. Das wäre auch neben dem Zeitdokumentarischen ein weiterer Strang in dieser Ausstellung. Das Persönliche bzw. die künstlerische Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewordensein. Am schönsten und berührendsten erscheint mir das in den zarten, poetischen Bildern von Narahashi Asako , die vom Element Wasser inspiriert sind und dies durch ein Spiel mit Schärfe und vor allem Unschärfe betonen (siehe Titelbild). Aber auch Kawauchi Rinko schafft es, mit ihren pastellfarbenen Bildausschnitten aus dem Alltäglichen eine Atmosphäre zu erzeugen, die etwas traumhaft Verspieltes an sich hat. Hier haben wir auch am längsten verweilt. Vor ihrem Video von der langsam über einen Berg wandernden Feuerwand. Auch in Farben, aber eher am knalligeren Ende des Spektrums bewegt sich Ninagawa Mika, die zu ihren bunten Bildern (als sei das nicht genug) auch noch verfügt hat, dass diese auf einer knallbunten Tapete ausgestellt werden sollen. Vielleicht nicht zufällig, gehören diese Künstlerinnen, mit Ausnahme von Narahashi Asako, die ungefähr so alt ist wie ich, der jüngeren Generation an (geb. 1972 oder später).
Rolf: Yes, it’s a real shame that only two pictures by this artist, whom I have already reported on, are on display. That would be another strand in this exhibition, alongside the documentary aspect. The personal or artistic exploration of one’s own becoming so. I find this most beautiful and moving in the delicate, poetic pictures by Narahashi Asako, which are inspired by the element of water and emphasize this through a play with sharpness and, above all, blurring (see cover image). But Kawauchi Rinko also manages to create an atmosphere that has something dreamlike and playful about it with her pastel-coloured images of everyday life. This is where we lingered the longest. In front of her video of a wall of fire slowly moving over a mountain. Ninagawa Mika also works with colours, but tends toward the stronger end of the spectrum. As if that weren’t enough, she also decided that her colourful images should be displayed on brightly coloured wallpaper. Perhaps not coincidentally, except for Narahashi Asako, who is about my age, these artists belong to the younger generation (born in 1972 or later).
Harald: Berührt haben mich auch die Fotos von Ishikawa Mao *1953. In der Ausstellung wurden vier Bilder ihrer Serie Hot Days in Camp Hansen gezeigt. Darin zeigt sie die Arbeit der Frauen in den Bars in der Nähe der US-Militärstütz-punkte in Okinawa. Das Fotobuch löste bei seinem Erscheinen einen heftigen Skandal aus. Ishikawas Arbeitsstil ist immersiv, sie ist Teil des Geschehens, das sie dokumentiert. Sie lebt und arbeitet weiterhin in Okinawa. Man findet auf der englischen Version von Wikipedia viele Links zu ihrem Werk; die meisten allerdings auf Japanisch.
Ich merke gerade, wie es mich doch stark zu Künstlerinnen meiner Generation oder älteren hinzieht. Direkt neben den Bildern von Ishikawa hängen Fotos aus der Zeit der Studentenrevolte in Japan, aufgenommen von Watanabe Hitomi (*1942). 19968/69 dokumentierte sie die Proteste Japanischer Studierender, die sich zunächst gegen den Vietnamkrieg richtete, sich bald zu einer fundamentalen Kritik an der japanischen Gesellschaft auswuchs. Die Bilder von Frau Watanabe treffen mich durch ihre Unmittelbarkeit. Auch sie war eine engagierte Photographin, die sich mit der Studentenrevolte solidarisierte. Infos zu Watanabe Hitomi fand ich auf der Zen Foto Galerie.
Harald: I was also moved by the photos of Ishikawa Mao *1953. Four images from her series Hot Days in Camp Hansen were shown in the exhibition. In them, she depicts the work of women in bars near US military bases in Okinawa. The photo book caused a huge scandal when it was published. Ishikawa’s working style is immersive; she is part of the events she documents. She continues to live and work in Okinawa. The English version of Wikipedia contains many links to her work, but most of them are in Japanese.
I am noticing how strongly I am drawn to female artists of my generation or older. Right next to Ishikawa’s pictures are photos from the student revolt in Japan, taken by Watanabe Hitomi (*1942). In 1968/69, she documented the protests of Japanese students, which were initially directed against the Vietnam War but soon grew into a fundamental critique of Japanese society. Ms. Watanabe’s pictures strike me with their immediacy. She, too, was a committed photographer who showed solidarity with the student revolt. I found information about Watanabe Hitomi on the Zen Photo Gallery website.
Rolf: So könnet wir noch eine ganze Weile Ping-Pong spielen und die Künstlerinnen würden uns nicht ausgehen. Ich möchte hier, um der Lesbarkeit willen nur noch zwei erwähnen. Einmal Yanagi Miwa (*1967) die mich mit ihrem Konzept der Elevator Girls begeistert hat, das schon fast posthumanistische Züge trägt und Nomura Sakiko (*1967), eine Schülerin von Araki (über den ich bereits berichtet habe bei deren Portraits ich mir sicher war, den Einfluss ihres Lehrers zu sehen. Ob ich auch so sicher gewesen wäre, wenn ich das nicht vorab gelesen hätte, weiß ich leider nicht zu sagen. Aber es ist eh nicht redlich, solche Urteile zu fällen, wenn man nur eine Handvoll Bilder gesehen hat. Ein kleiner Ausflug auf ihre Homepage zeigt viele Facetten, die dem Vorurteil widersprechen.
Rolf: We could keep playing ping-pong for a while and still have plenty of artists to talk about. For the sake of readability, I’ll just mention two more here. First, Yanagi Miwa (*1967), who impressed me with her concept of Elevator Girls, which has almost post-humanistic traits, and Nomura Sakiko (*1967), a student of Araki (about whom I have already reported ) whose portraits clearly showed the influence of her teacher. Unfortunately, I can’t say whether I would have been so sure if I hadn’t read about it beforehand. But it’s anyway not fair to make such judgments when you’ve only seen a handful of pictures. A quick visit to her website reveals many facets that contradict this preconception.
Translated with the help of DeepL.com
Post Scriptum von Harald: Nachdem ich nun gesehen habe, welches Titelbild Du ausgewählt hast, fiel mir ein Buch ein, das Du mir kürzlich geliehen hattest. Wolfgang Kemp’s Betrachtungen zu den Hundert Ansichten des Berges Fuji von Hokusai. Beim Lesen ist mir klar geworden, dass in der japanischen Kunst fast immer Motive impliziert sind, die dem Kulturfremden schwer zugänglich sind. Das Bild des Berges Fujijama von Narahashi Asako ist von Wasser aufgenommen, höchstwahrscheinlich stand die Photographin im Kawaguchi-See. Nur von Norden zeigt der Fuji diesen perfekten Kegel. Am rechten Bildrand ist eine Brücke erkennbar, die den See an der engsten Stelle in nord-südlicher Richtung überquert. Es gibt einen Mythos von den beiden Schwestergöttinnen Konohanasakuyahime und Iwanagahime. Sie werden manchmal als über dem See tanzend dargestellt. Daran erinnert mich die Aufnahme.
Postscript from Harald: After seeing the cover image you chose, I remembered a book you recently lent me. Wolfgang Kemp’s reflections on Hokusai’s one hundred views of mount Fuji. While reading, it became clear to me that Japanese art almost always contains motifs that are difficult for those unfamiliar with the culture to understand. The image of Mount Fuji by Narahashi Asako was taken from the water; the photographer was most likely standing in Lake Kawaguchi. Only from the north does Fuji reveal its perfect cone shape. On the right edge of the picture, a bridge can be seen crossing the lake at its narrowest point in a north-south direction. There is a myth about the two sister goddesses Konohanasakuyahime and Iwanagahime. They are sometimes depicted dancing above the lake. The photograph reminds me of this.
Sehr gute Besprechung der Ausstellung im Dialog. Danke. Ist mir in der letzten Zeit aufgefallen, dass Ausstellungen oft kuratorisch überfrachtet werden und so für den Besucher dann leider oberflächlich bleiben. Beim letzten Bild mit den Kirschblüten an der Wand muss ich an unsere westlichen Japanklischees denken, von van Goghs “Mandelblüten” bis zu den japanischen Kirschblüten-Tapeten fürs Schlafzimmer. Man wird sich bei der Ausstellung sicherlich was dabei gedacht haben.
Bezüglich der Tapeten kann ich nicht wirklich sagen, ob es Wunsch der Künstlerinnen, Idee der Kuratorinnen oder ein Spleen der Hausdekorateurin war. Ich weiß nur, dass sie dort gerne mit farbigen Hintergründen die Ausstellungen abwechslungsreicher machen. Zu den Klischees empfehle ich mal in den Geschichtspodcast “Geschichten aus der Geschichte” reinzuhören. Die Folge über die Woge von Hokusai (GAG 488). Da wir deutlich wie vieles, was wir an der japanischen Kultur gut finden, gar nicht so japanisch ist, wie wir denken.
Das Fotografieforum Frankfurt ist eigentlich nicht groß. Aber kleinformatige Bilder fordern schon sehr.
Nee, ist nicht riesig, deswegen waren wir ja umso mehr überrascht wie viel in dieser Ausstellung zu sehen war. Vielleicht liegt es ja gerade daran, dass es eine internationale Ausstellung ist, die z.B. vorher in Den Haag (https://www.fotomuseumdenhaag.nl/en/exhibitions/japanese-women-photographers-1950s-now )zu sehen war, möglicherweise in eine´m deutlich größeren Haus und jetzt hier in das relativ kleine fff passen muss. Who knows?
Im Fotografieforum Frankfurt waren zuletzt grössere (und lohnende) Formate zu sehen. Im MMK1 gab es früher auch so eine Fotoecke, mit kleinen Formaten. Da hatte man nicht die Kraft, die im einzelnen zu gegenwärtigen.