Ein Blogpost von “ralphbutler” hat mich daran erinnert, dass ich eigentlich mal eine Art Nachruf auf John Berger schreiben wollte. Ich hatte schon mal was über eines seiner Photographie-Bücher geschrieben, das ich geschenkt bekommen habe und einmal auch über sein „Bilderbuch“, wo es auch darum geht eine Geschichte in Bildern zu erzählen.
Außerdem hatte ich mir das Buch „SEHEN – Das Bild der Welt in der Bilderwelt“ gekauft, es mit mir rumgeschleppt, aber bisher nur angelesen.
Das eigentliche Erlebnis aber, das mir diese Erinnerung beschert hat, war die alte Fernsehserie „Ways of Seeing“ die außergewöhnlich vergnüglich anzusehen ist. Eine wilde Mischung aus Klassik und sechziger/siebziger Jahre-Getue. Fast schon in einem Barthesschen Sinne schockierend war es, Berger als jungen Mann zu sehen, der sich vor lauter Energie kaum ruhig halten kann. Bisher kannte ich ihn nur aus YouTube-Videos kurz vor seinem Tod 2017.
Im ersten Teil seiner legendären vierteiligen Fernsehserie versucht Berger mit schlagenden Beispielen die Verluste und Gewinne darzustellen, die aus den Vervielfältigungsmöglichkeiten von Kunstwerken ergeben. Er hält sich da weitgehend an die Linie, die Walter Benjamin schon in seinem Essay über „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von 1935 vorgezeichnet hat, ergänzt das ganze aber um die Perspektive, die durch die Einführung des Fernsehens dazu gekommen ist. Spannend wird das, wenn man diese Linie über die seit dem Fernsehzeitalter hinzugekommenen Medien weiterdenkt.
Im zweiten Teil geht es um Frauen. Der Untertitel heißt frei übersetzt “Männer schauen sich Frauen an, Frauen beobachten sich dabei, wie sie angeschaut werden” (Men look at Women, women watch themselves beeing looked at.) Ob man das heute noch so sagen kann, ist natürlich fraglich, was aber nach wie vor stimmt, ist das es ein im wesentliche männlich geprägtes Bild des Weiblichen gibt, dem sich auch heute noch (und wieder) Frauen unterwerfen (müssen). Besonders drastisch kann das am Akt-Bild gezeigt werden. Frauen werden in diesem Genre (meist) zu Objekten männlicher Blicke, egal wie künstlerisch das dann daherkommt. Berger bezieht sich dabei auf einen Klassiker „Nude“ des Kunsthistorikers Kenneth Clarke, widerspricht ihm aber eindeutig und vehement.
Im dritten Teil geht es um die „Bedeutung“, die Bildern durch ihren Wert zukommt, der im Wesentlichen durch ihren Wert auf dem Kunstmarkt abhängt. Dieser Wert wird aber oft überbewertet und bis in religiös anmutende Bewunderung überhöht. Spannend fand ich hier, dass Berger schon damals ein subtiler Kritiker der europäischen Weltaneignung auftritt. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Geschichte der Ölmalerei sich scheinbar parallel zur sozialen Ungerechtigkeit des Privateigentums und zur Kolonialgeschichte entwickelt hat.
Der vierte Teil handelt von den Verführungen der Werbung und führt somit in die damalige Gegenwart. Aber, was von dem Gesagten immer noch stimmt ist, dass wir uns verführen lassen durch die Inszenierung von durch den Konsum bestimmter Produkte wundersam verwandelten glamourösen Ikonen. Verführen lassen dazu, zu glauben, dass uns der Besitz dieser Dinge reicher machen oder in etwas Besseres verwandeln könnte. Er versucht zu zeigen, wie die Darstellung von Objekten in den Ölgemälden bestehenden Besitz bzw. Reichtum und Prestige von Privilegierten anzeigt, während die farbigen Träume der Werbung auf Besitztümer verweisen, von denen man nur hofft sie zu erlangen, wenn man denn endlich genug Geld zusammengetragen hat, um sich das leisten zu können.
Wem das zu viel Tradition und Malerei war, der schaue sich dieses YouTube Video an, in dem es auch ums Sehen geht, aber eben auch um die späteren Jahre, bis kurz vor seinem Tod.
John Berger ist seit Januar 2017 tot. Er starb in Paris, nur wenige Woche nach seinem 90. Geburtstag. Berger, der seit 50 Jahren in einem französischen Alpendorf wohnte, wurde als Kunstkritiker vor allem durch sein kanonisch gewordenes Werk “Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens” berühmt. Seine Karriere begann Berger indes als Maler. 1972 erhielt er für seine schriftstellerische Arbeit den renommierten Booker Prize, 1991 den Petrarca-Preis. Seit dem Tod seiner Frau Beverly Bancroft 2014 lebte er dort mit seiner alten Freundin, der Schriftstellerin und Schauspielerin Nella Bielski.
A blog post by ‘ralphbutler’ reminded me that I actually wanted to write a kind of obituary for John Berger. I had already written something about one of his photography books that I received as a gift and once about his ‘picture book’, which is also about telling a story in pictures.
I also bought the book ‘Ways of Seeing’ in the german translation, carried it around with me but have only read a little of it so far.
But the real experience that brought back this memory was the old television series ‘Ways of Seeing’, which is exceptionally enjoyable to watch. It’s a wild mix of classicism and sixties/seventies posturing. It was almost shocking in a Barthesian sense to see Berger as a young man, who could hardly keep still because he was so full of energy. Until now, I only knew him from YouTube videos shortly before his death in 2017.
In the first part of his legendary four-part television series, Berger uses striking examples to illustrate the losses and gains resulting from the possibilities of reproducing works of art. He largely follows the line already outlined by Walter Benjamin in his 1935 essay ‘The Work of Art in the Age of Mechanical Reproduction’ , but supplements it with the perspective that has emerged since the introduction of television. This becomes particularly interesting when one considers how this line of thought can be extended to the media that have emerged since the television age.
The second part is about women. The subtitle loosely translates as ‘Men look at women, women watch themselves being looked at.’ Whether this is still true today is, of course, questionable, but what remains true is that there is an essentially male-dominated image of femininity to which women still (and again) submit. This can be seen particularly dramatically in nude photography. In this genre, women (mostly) become objects of male gaze, no matter how artistic the result may be. Berger refers to a classic work, ‘Nude’ by art historian Kenneth Clarke , but clearly and vehemently contradicts him.
The third part deals with the ‘meaning’ that images acquire through their value, which essentially depends on their value on the art market. However, this value is often overrated and exaggerated to the point of religious-like admiration. I found it fascinating that Berger was already a subtle critic of European appropriation of the world at that time. It seems no coincidence that the history of oil painting appears to have developed in parallel with the social injustice of private property and colonial history.
The fourth part deals with the seductions of advertising and thus leads into the present day. But what is still true of what has been said is that we allow ourselves to be seduced by the staging of glamorous icons who have been miraculously transformed by the consumption of certain products. We allow ourselves to be seduced into believing that owning these products could make us richer or transform us into something better. He attempts to show how the depiction of objects in oil paintings indicates the existing possessions, wealth and prestige of the privileged, while the colourful dreams of advertising refer to possessions that one can only hope to acquire once one has finally saved up enough money to afford them.
If that’s too much tradition and painting for you, take a look at this YouTube video, which is also about seeing, but also about his later years, until shortly before his death.
John Berger died in January 2017. He passed away in Paris, just a few weeks after his 90th birthday. Berger, who had lived in a French Alpine village for 50 years, became famous as an art critic, particularly for his canonical work ‘Ways of Seeing’. Berger began his career as a painter. In 1972, he received the prestigious Booker Prize for his literary work, and in 1991, the Petrarca Prize. Since the death of his wife Beverly Bancroft in 2014, he lived there with his old friend, the writer and actress Nella Biel.
Translated with the help of DeepL.com
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Vielen Dank, das klingt, und ist, anregend. Habe mich nie mit John Berger beschäftigt, kenne aber vom Sehen das rote Wagenbach-Buch über eben dieses: das Sehen von Kunst.
(Irgendwann gehe ich auch mal wieder ins Museum.)