Manchmal braucht man gar nicht so weit wegzufahren, um spannende Ausstellungen zu Gesicht zu bekommen. Manchmal sind diese wie diesmal in einem kleinen “Heimatmuseum” untergebracht. Ich spreche vom Schönbuchmuseum in Dettenhausen. Dort war ich schon mal mit meinem Freund Ti, und dort fahre ich mehr oder weniger vorbei, wenn ich meine Mutter im Altersheim besuche. Die aktuelle Ausstellung kann bis zum 13.12.26 jeden Sonntagnachmittag besucht werden. Diesmal geht es um Verkehrsunfälle. Darum das Photographie vor allem im letzten Jahrhundert von der Polizei verwendet wurde um Vorfälle und Unfälle zu dokumentieren. Die Ausstellung versammelt Bilder aus der unmittelbaren Umgebung (Dettenhausen, Tübingen, Stuttgart und so weiter), aus der Schweiz und aus den USA. Es sind überwiegend Aufnahmen aus der Zeit als Verkehrssicherheit und passive Sicherheitsvorkehrungen in den Autos noch nicht so ernst genommen worden. Kein Gurt, kein Airbag und keine Knautschzone stellte sich zwischen die Insassen der Fahrzeuge und den Tod. Die Statistiken diesbezüglich sind erschrecken. Ungefähr zehn Mal mehr “Verkehrsopfer” gab es damals Mitte des 20. Jahrhunderts bei weniger als einem Zehntel an Fahrzeugen verglichen mit heute. Neben den Bildern sind zur Auflockerung noch Exponate zur Verkehrserziehung sowie Disziplinierung der Raser (Radarfallen) ausgestellt.



Aber was neben der Befriedigung der Sensationslust und dem Gaffer-Nervenkitzel spannend war, ist die Frage inwiefern diese Bilder einen Wert haben, der über das dokumentarische hinausgeht. Und hier kommt Odermatt ins Spiel. Es ist nämlich auffällig, dass die Bilder aus der Schweiz deutlich mehr zum Hingucken einladen als sie aus dem Schwäbischen oder aus der USA. Es sieht so aus, als ob die Bilder die pflichtbewußt von dafür bestimmten Polizeibeamten gemacht wurden nicht viel mehr tun als das Objekt bzw. die Objekte des Zusammenstoßes zu zeigen. Bei Odermatt ist es etwas anders, was dazu kommt. Er nimmt etwas mehr Kontext rein. Er arrangiert das, was er von Berufswegen abzulichten hat in einem ansprechenden Rahmen und das hebt die Bilder deutlich aus dem hervor, was die anderen zu bieten haben. Es ist gar nicht die Absicht der Ausstellung das zu zeigen. Im Gegenteil, die Bilder sind gemischt präsentiert und eher nach Themen gruppiert. Erst ein zweiter, informierter Blick zeigt den Unterschied.
Ich gebe zu, ich wusste, dass Arnold Odermatt und seine Bilder 2001 den Sprung aus dem Archiv in die künstlerische Öffentlichkeit gemacht haben. Dadurch, dass sein Sohn Bilder in Ausstellung und Büchern präsentiert ist er auch über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt geworden. Aber was macht denn nun eigentlich den Unterschied? Meine Vermutung ist, dass man den Bildern ansieht, ob jemand seinen Job nur macht oder ob jemand seinen Job liebt.
Etwas analytischer betrachtet ist es die Frage, inwiefern künstlerische Gestaltung die dokumentarische Photographie weniger dokumentarisch macht, weil ja gestalterische Eingriffe stattgefunden haben, die die Bilder dann als Dokument diskreditieren? Diese Frage beschäftigt mich seit ich den Vortrag „Kuratierte Wirklichkeit: Kunst und Dokumentation in Lee Millers Kriegsfotografie“ von Dr. Katharina Günther im Podcast „Fotografie neu denken“ gehört habe. Sie geht der Frage nach, inwieweit Millers Vertrautheit mit vor allem den surrealistischen Künstlern und ihr Vorleben als Model sie dazu gebracht haben bei ihren (Nach)kriegsbildern zu „inszenieren“ um die Wirkung zu erziehen, die sie sich vorgestellt hat.
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Ja, Dokumentation und Kunst müssen sich nicht ausschließen. Es kommt m. E. entscheidend auf das Arrangement / die Präsentation an.