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Leben Ikonen ewig ? / Do Icons live forever?

Eine Meldung aus einem anderen Bereich hat mich neulich stutzig gemacht. Das Wahrzeichen der neuen, aus dem Wüstenboden gestampften Verwaltungshauptstadt Ägypten soll “Iconic Tower” heißen. Das scheint mir so eine Art Namensmagie zu sein. Es ist nämlich eine der deutlichsten Kennzeichen des Ikonischen, dass sich das `Ikonisch werden´ nicht vorherbestimmen lässt, sondern erst dadurch entsteht, dass dasjenige, was dereinst ikonisch werden wird, die Aufmerksamkeit von möglichst vielen Menschen auf sich zieht und zweitens im Gedächtnis bleibt und nicht, wie so vieles andere, im Strom der Zeit wieder versinkt. Im Bereich der Photographie haben sich im Laufe der Zeit einige Bilder angesammelt, die sozusagen haften geblieben sind und immer wieder auftauchen, wenn entsprechende Themen auf den Tisch kommen. So denkt z.B. beim Thema Mauerbau jeder sofort an den `über den Stacheldraht springenden Soldat´, beim Thema Landung in der Normandie an den `durchs Wasser robbenden Soldaten´ von Capa. Der Sieg über die Nazis evoziert das Bild `The raising of the flag on Iwo Jima´ oder das Hissen `der russischen Flagge auf dem Reichstag´ und so weiter.

Die Schweizer Künstler Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger haben die Frage, `wie bastele ich mir ein ikonisches Bild?´ wörtlich genommen und die in ikonischen Bildern dargestellten Szenen in 3D nachgebildet, um sie dann mitsamt dem Bastel-Ambiente drum rum wieder abzufotografieren. Aber es hilft nichts, man kann sich das Ikonische nicht basteln.

A report from another field made me wonder the other day. The landmark of Egypt’s new administrative capital, which has been torn out of the desert soil, is to be called the “Iconic Tower”. This seems to me to be some kind of naming magic. One of the clearest characteristics of the iconic is that ‘becoming iconic’ cannot be predetermined, but only comes into being when what will one day become iconic attracts the attention of as many people as possible and, secondly, remains in the memory and does not sink back into the stream of time like so many other things. In the field of photography, a number of images have accumulated over time that have stuck, so to speak, and reappear again and again when corresponding topics come up on the table. For example, when the subject of the building of the Wall comes up, everyone immediately thinks of the ‘soldier jumping over the barbed wire’, and when the subject of the Normandy landings comes up, of Capa’s ‘soldier crawling through the water’. Victory over the Nazis evokes the image ‘The raising of the flag on Iwo Jima’ or the raising of ‘the Russian flag on the Reichstag’  and so on.

The Swiss artists Jojakim Cortis and Adrian Sonderegger have taken the question ‘How do I make an iconic image?’ literally and recreated the scenes depicted in iconic images in 3D and then photographed them again together with the tinkering ambience around them. But it doesn’t help, you can’t craft the iconic.

`The raising of the flag on Iwo Jima´ (ursprünglich von Joe Rosenthal 1945 aufgenommen) in der Ausstellung `Double Take´ von Cortis/Sonderegger, die ich 2019 im C/O in Berlin gesehen habe /`The raising of the flag on Iwo Jima’ (originally shot by Joe Rosenthal in 1945) in the exhibition `Double Take’ by Cortis/Sonderegger, which I saw at the C/O in Berlin in 2019

Das ikonische scheint mir nichts zu sein, was den Bildern sozusagen innewohnt, sondern es wird ihnen nachträglich, durch den Gebrauch hinzugefügt, der von ihnen gemacht wird.  Sie reichern sich sozusagen mit Verknüpfungen im Neuralsystem vieler Betrachter an und werden somit zu so etwas wie einem kollektiven Bildgedächtnis.

Ein aktuelles Beispiel ist der Sturm auf das Parlamentsgebäude in Washington  vor etwas mehr als einem Jahr. Von den vielen Bildern, die es dazu gibt, wird den Meisten das mit dem büffelgehörnten, selbsternannten Schamanen einfallen. Man hat es einfach zu oft gesehen. Es gibt auch viele Bilder, die das Leid der Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer darstellen, aber der `tote Junge am Strand´ wurde einfach schon so oft gezeigt, dass er den meisten als Symbol für diese unmenschlichen Zustände einfallen wird.

Um diese Bilder ranken sich dann auch bald viele Geschichten. Einige davon kann man sich in dem sehr netten Podcast `Fotomenschen´ von Dirk Primbs anhören. Auf einige bin ich auch schon am Rande eingegangen wie auf die `Migrant Mother´ von Dorothea Lange oder das Normandiebild von Capa, und andere kann man mit ein wenig Mühe im Netz recherchieren.

In meinem Bücherschrank habe ich zwei Bücher gefunden, die vorgeben ikonische Bilder zu zeigen. `1000 Foto Icons´ von George Eastman House aus der dem Taschen-Verlag  und `1001 Photographies, you must see before you die´ von Paul Lowe aus dem Cassel Verlag. Sie enthalten lauter gute und wichtige Bilder, aber nur einen sehr kleinen Teil davon würde ich heute ikonisch nennen. Zum Teil, weil die Bilder nicht aus meinem Kulturbereich sind, wie z.b. das Bild `Parade und Lower Broadway´ von 1952 von Andreas Feininger, dass in beiden Büchern vertreten ist. Oder aus Lebensbereichen, die weniger Überschneidung zu meiner Biographie haben. Dahingegen ist das Che Guevara-Portrait, das nicht nur als Photo, sondern auch als T-Shirt-Aufdruck Karriere gemacht hat, etwas, was unauslöschlich im Gedächtnis eingebrannt ist. Eine echte Ikone.

The iconic does not seem to me to be something that is inherent in the images, so to speak, but is added to them afterwards, through the use that is made of them. They accumulate links in the neural system of many viewers, so to speak, and thus become something like a collective pictorial memory.

A current example is the attack on the Parliament building in Washington a little over a year ago. Of the many images that exist, the one with the buffalo-horned, self-proclaimed shaman will come to most people’s minds. It’s just been seen too many times. There are also many images depicting the suffering of boat people on the Mediterranean, but the ‘dead boy on the beach’ has simply been shown so many times that most people will remember it as a symbol of these inhumane conditions.

Many stories have grown up around these images. You can listen to some of them in the very nice podcast ‘Photomenschen’ by Dirk Primbs. I have already mentioned some of them in passing, such as the ‘Migrant Mother’ by Dorothea Lange or the Normandy picture by Capa, and others can be researched on the net with a little effort.

In my bookcase, I found two books that purport to show iconic images.  `1000 Foto Icons’ by George Eastman House from Taschen  and ‘1001 Photographies, you must see before you die’ by Paul Lowe from Cassel. They contain a lot of good and important pictures, but only a very small part of them I would call iconic today. Partly because the images are not from my cultural sphere, such as the 1952 painting ‘Parade and Lower Broadway’ by Andreas Feininger, which is represented in both books. Or from areas of life that have less overlap with my biography. On the other hand, the Che Guevara portrait, which has made a career not only as a photograph but also as a T-shirt print, is something that is indelibly etched in the memory. A real icon.

Es muss auch nicht immer ein Bild sein, das auf ein Ereignis verweist. Es gibt auch Bilder wie z.b. der solarisierte Akt von Man Ray  aus dem Jahre 1929. Die kennt wahrscheinlich auch jeder, oder zumindest jeder, der mit Solarisation experimentiert hat wie ich in meiner Jugendzeit. Oder ein Porträt, wie das „Afghan Girl“ von Steve McCurry zu dem es ja inzwischen auch schon ein Sequel gibt, das schon wieder eine ganz eigene Geschichte wert ist.

Ikonische Bilder müssen noch nicht mal authentisch sein. Auch gefakte Bilder (oder welche denen dies vorgeworfen wird) funktionieren hervorragend als ikonische Bilder. Hauptsache sie lassen sich gut mit der Idee verbinden, für die Sie stehen, oder sie verbinden sich zwangsläufig damit, weil sie so oft gezeigt werden. Nicht umsonst ist die kleine hässliche Schwester des ikonischen Bildes das Meme. Da wird ein mehr oder weniger ikonisches Bild mit einem Text versehen und verbreitet. Fällt es auf fruchtbaren Boden und wird massenhaft weiter verbreitet, dann wird es selbst ikonisch. Zumindest für ein paar Tage oder Wochen.

Eine wichtige Frage, die sich für mich daraus ergibt, dass wir mit immer mehr Bildern konfrontiert werden, ist die, ob es aus dieser Flut heraus nach wie vor einzelne Bilder schaffen ikonisch zu werden. Ich denke ja, es könnte allerdings sein, dass die Halbwertszeit des Verbleibs im kollektiven Gedächtnis geringer wird.

It doesn’t always have to be a picture that refers to an event. There are also pictures such as the solarised nude by Man Ray  from 1929. Probably everyone knows them, or at least everyone who experimented with solarisation, like I did in my youth. Or a portrait like Steve McCurry’s “Afghan Girl”, for which there is now a sequel, which is worth its own story.

Iconic images don’t even have to be authentic. Even fake images (or those that are accused of being fake) work very well as iconic images. The main thing is that they connect well with the idea they stand for, or they inevitably connect with it because they are shown so often. Not for nothing is the little ugly sister of the iconic image the meme . A more or less iconic image is given a text and spread. If it falls on fertile ground and is spread en masse, it becomes iconic itself. At least for a few days or weeks.

An important question that arises for me from the fact that we are confronted with more and more images is whether individual images still manage to become iconic out of this flood. I think so, but it could be that the half-life of the images in the collective memory is getting shorter.

Translated with the help of DeepL

9 Comments

    • Rolf Noe

      Gibts davon auch ein Bild, oder ist das ein Bild, dass dir in den Kopf kommt, wenn Du das Bild mit dem springenden Soldaten siehst?

  1. FMR

    Auffallend ist auch, dass es sich praktisch ausschliesslich um politisch-gesellschaftliche Schlüsselszenen oder Porträts von Leuten handelt, die in gewisser Weise symbolhaft für einen wesentlichen politisch-gesellschaftlichen Aspekt stehen oder für einmalige historische Momente. Ikonische Bilder wären dann ebenso Statthalter oder besser Stellvertreter für bestimmte gesellschaftliche Haltungen, Überzeugungen, Wünsche und Befürchtungen. Vielleicht kann Fotokunst ausserhalb dieses Kontextes nur ausnahmsweise ikonisch werden, weil dann der gemeinsame Nenner zu klein ist.

    • Rolf Noe

      Es gibt schon auch ein paar Beispiele für ikonische Bilder von bekannten Photographen, die wenig mit der Weltgeschichte zu tun haben. Der “Sprung über die Pfütze” von Cartier-Bresson oder der “Kuss” von Robert Doisneau. Wenn man nachdenkt fallen einem sicher noch ein paar mehr ein. Aber auch die stehen oft für ihre Zeit oder für einen bestimmten überzeitlichen Aspekt des Lebens.

  2. Gerhard

    Ein guter Artikel
    Ich denke, viele ikonische Fotos haben ein Eigenleben entwickelt.
    Manche Fotos standen ursprünglich vielleicht für etwas anderes, wurden aber mit etwas aufgeladen. Bewusst oder auch unbewusst.

  3. Harald S.

    Und noch eines: wenn man sich das Bild genau anschaut fragt man sich auch, wieso man kräftige vier US-Marines braucht, um so eine dünne Fahnenstange aufzustellen.

    • Rolf Noe

      Mal andersrum gefragt: Wäre ein Bild, auf dem ein einsamer Soldat lustlos die Fahne hisst, jemals ikonisch geworden?

  4. Harald S.

    Gerade solche Siegerposen wie auf dem Bild “Aufrichten der US-Flagge auf Iwo-Jima” sind in aller Regel gestellt. Sie werden nachträglich inszeniert. Daher finde ich die “Bastelarbeit” einen treffenden Kommentar.

    • Rolf Noe

      Die Story dazu ist, dass beim Erstürmen eine kleine Flagge aufgestellt wurde. Der Photograph kam viel später. Aber sein Glück war, dass er genau richtig kam, als die kleine Flagge durch eine große ersetzt wurde. Da muss man noch nicht mal faken, da posen die Soldaten wahrscheinlich schon von selbst, wenn Sie sehen, dass ein Photograph sie ablichtet.

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