Das hat mir als Freund der dokumentarischen Fotografie schwer zu denken gegeben. Wir sind mal wieder zu dritt nach Stuttgart gereist, um uns in der Gällery die Preisträger des Wettbewerbs der Wüstenrot Stiftung für dokumentarische Fotografie anzuschauen. Der Schock bestand darin, dass in dieser Ausstellung kein einziges klassisches photographisches Bild zu sehen war. Unsere Erwartung wie gewohnt mittels Fotoserien Welt näher gebracht zu bekommen wurde brutal enttäuscht. Um den Schock etwas abzufedern, fing die Ausstellung mit einer Serie von Photocollagen zum Thema Hinrichtungen im Iran an. Das war, so grausig es auch sein mag, irgendwie noch vertrautes Terrain. Der Rest der Ausstellung aber bestand aus Videoinstallationen.
As a lover of documentary photography, this gave me a great deal to think about. Once again, the three of us travelled to Stuttgart to view the winners of the Wüstenrot Foundation’s documentary photography competition at the Gällery. The shock came from the fact that not a single traditional photographic image was on display in this exhibition. Our expectation of being brought closer to the world through photo series, as usual, was brutally dashed. To soften the blow somewhat, the exhibition began with a series of photo collages on the subject of executions in Iran. That, gruesome as it may be, was somehow still familiar territory. The rest of the exhibition, however, consisted of video installations.
Irgendwie ist das ja auch nachvollziehbar. In einer Welt, in der Text so gut wie nicht mehr gelesen wird, in der Bilder in Zwölferpack konsumiert und im Sekundentakt weitergewischt werden, kann man Themen möglicherweise nur noch über das bewegte Bild transportieren. Wenn man sich zu einem Thema im Netz informieren möchte, ist es inzwischen wahrscheinlicher auf ein Video zu stoßen als auf einen Text mit Bildern. Diese Videotisierung der Informationssphäre, diese TikTokisierung der Sehgewohnheiten kann wohl nicht spurlos an denen vorbeigehen, die auf Themen aufmerksam machen wollen und dieses früher mit dokumentarischer Photographie getan haben. Heißt das, Abschied nehmen von der klassischen Bildstrecke der Magazine und Wochenzeitungen? Ich denke, dass die Bildstrecke zwar ihren Platz in den Printmedien nach und nach verliert oder verlieren wird, aber letztlich gibt es auch online in Zeiten des bewegten Bildes noch Bedarf nach Serien die Geschichten erzählen oder illustrieren. Und auch das kann man anhand der Wüstenrot-Preise gut nachvollziehen, wenn man die letzten Jahrgänge anschaut.
In a way, that’s quite understandable. In a world where text is hardly read any more, where images are consumed in droves and swiped past every few seconds, it may well be that topics can now only be conveyed through moving images. If you want to find out about a topic online, you’re now more likely to come across a video than a text accompanied by images.
This ‘videotisation’ of the information sphere, this ‘TikTokisation’ of viewing habits, surely cannot fail to have an impact on those who wish to draw attention to issues and who previously did so through documentary photography. Does this mean saying goodbye to the classic photo spreads in magazines and weekly newspapers? I think that whilst the photo spread is gradually losing – or will lose – its place in print media, ultimately there is still a need online, even in the age of the moving image, for series that tell or illustrate stories. And this is also clearly evident from the Wüstenrot Awards, if one looks at the recent winners.
Die Bildstrecke hat da eine Berechtigung, wo sie zum einen auch einem künstlerischen Anspruch genügt und zum anderen aus den vielen möglichen Möglichkeiten Sachverhalte zu dokumentieren als das passendste Medium bewusst gewählt wird.
Abschließend aber noch ein Wort zum bewegten Bild, das in dreierlei Gewand in der Ausstellung aufgetaucht ist. Zum einen als KI generiertes Video, dass kaum mehr als solches zu identifizieren ist, dann als eine Art Multimedia-Installation mit abwechselnden Videoclips bis hin zu Clips von feststehenden Gebäuden und Verkehr drum rum. Und schließlich als eine Art zweikanalige Darstellung von Text und theatralischen Szenen.
Diese Installation hat uns eine Lektion verpasst, die ich zumindest nicht vergessen werde. Wir kommen in den Raum setzen uns auf die Zuschauerbank und sehen die rechts und links munter wechselnden Clips und Zitate zum Thema Ameisen bzw. zu Projektionen sozialer Fantasien auf Ameisenstaaten. Alles sehr spannend und abwechslungsreich, aber irgendwann denkt man, dass das doch ganz schön lange dauert. Ja wenn der Film wieder an die Stelle zurückkommt, wo er mal angefangen hat…
Schließlich stehen wir auf, nur feststellen, dass die Videos gar kein Ende haben werden, weil die Szenen aus einem Pool netzwerkartig miteinander verbundener Themen-Knoten generiert werden und somit quasi unendlich weiterlaufen könnten. Da haben uns unsere Sehgewohnheiten aber gewaltig genarrt.
A photo series is justified where, on the one hand, it meets artistic standards and, on the other, is deliberately chosen as the most appropriate medium from the many possible ways of documenting a subject.
Finally, however, a word on the moving image, which appeared in the exhibition in three different forms. Firstly, as an AI-generated video that is barely recognisable as such; then as a kind of multimedia installation featuring alternating video clips, right through to clips of stationary buildings and the traffic around them. And finally, as a sort of two-channel presentation of text and theatrical scenes.
This installation taught us a lesson that I, at least, will not forget. We enter the room, sit down on the viewing bench and watch the clips and quotes on the subject of ants – or rather, projections of social fantasies about ant colonies – changing briskly on the right and left. It’s all very exciting and varied, but at some point you start to think it’s taking quite a long time. Yes, when the film loops back to where it started… Eventually we stand up, only to realise that the videos will never actually end, because the scenes are generated from a network of interconnected thematic nodes and could therefore, in effect, run on indefinitely. Our viewing habits have really played tricks on us there.
Translated with the help of DeepL.com
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Die Ausstellung habe ich auch gesehen und den Katalog habe ich ebenfalls. Mich hat die Ausstellung sehr zum Nachdenken gebracht. Vor der Arbeit z.B. von Malte Uchtmann habe ich auch etwas länger und schließlich überfordert gestanden. Im Nachgang musste ich an die Arbeit „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte – oder?“ von Renate Heyne aus dem Jahr 1978 denken. Dann an die Ausstellung „Absage an das Einzelbild“ im Jahr 1981, in der es um die aufkommenden Bildfolgen, Sequenzen, Serien ging. Mit anderen Worten: „Viele Bilder sagen mehr als tausende Worte – oder?“. Vor diesen ungewohnt vielen Bildern der einzelnen Arbeiten war ich damals zunächst ebenfalls überfordert. Die damaligen illustrierten Blätter sind dem Motto der Ausstellung auf jeden Fall gefolgt. Die Bilder wurden von Ausgabe zu Ausgabe immer bunter, mehr und größer, die Texte kleiner, denn die Bilder zeigten nicht nur, sondern sagten offensichtlich auch mehr als lange Texte. Der Verkaufserfolg gab ihnen recht.
Nun sind wir einem permanenten Strom von Bildern ausgesetzt, die uns ihre Wahrheiten und Wirklichkeiten vermitteln wollen. „Eine Bilderflut sagt alles – oder nichts?“ ist die Frage, mit der ich aus der Ausstellung gegangen bin. Den anspruchsvollen Grundgedanken der künstlerischen Positionen konnte ich nur meinen Respekt zollen, allerdings konnten sie mich vor Ort nicht ohne weiteres erreichen. Da war ich aber auch alleine in der Ausstellung und konnte keine Vergleiche ziehen.
Interessant finde ich, welche weltweite Resonanz ein einziges vordergründig naives, kitschiges KI-Bildchen von einem Heiler oder so erzeugt. Also alles zurück zum Einzelbild, das mehr als tausend Worte sagt – oder?
Auf die Gefahr hin als rückständig zu wirken, das ist nicht meine Bilderwelt. Alles zu hektisch und anstrengend. Vielleicht auch dem Alter geschuldet, aber zum Glück haben wir noch die Wahl. Es lebe das Bild.
Seh ich auch so, aber ich bin ja auch und mache eher Programm für Boomer. Die Wüstenrot Preise dienen der Nachwuchsförderung und diese jüngeren Leute wollen natürlich ihre eigene Generation erreichen, die wiederum andere Sehgewohnheiten hat als wir.
Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Wird die Photographie eine antiquierte Tätigkeit, wie das Schreiben mit Füllfederhalter oder das Setzen von Texten mit beweglichen Lettern? Die gegenwärtige Gesellschaft und die gesellschaftlichen Interaktionen sind ja zu einem großen Teil ins Digitale ausgelagert. Lässt sich diese Komplexität überhaupt noch mit den gewohnten Mitteln der Photographie darstellen?
Möglicherweise liegt in der Antwort auf deine Frage auch die Tendenz begründet, dass sich die dokumentarische Photographie immer mehr in künstlerische und experimentelle Gebiete vorwagt. Möglicherweise sind die komplexen Prozesse tatsächlich klassisch gar nicht mehr darstellbar.
Es lebe die stille Fotografie!
Sie wird leben. Aber möglicherweise in einer Nische.