Teil 1 Gottfried Jäger und die Entsubjektivierung der Photographie
Den Titel habe ich trotz heftiger Bauchschmerzen so gewählt, um mich dem allgemein üblichen Sprachgebrauch anzupassen. Dabei verliert die Phrase „nach dem Krieg“ genauso an Bedeutung wie der Name West-Deutschland (oder BRD). Aber vielleicht ist es wichtig die Begriffe beizubehalten, um der Geschichtsvergessenheit etwas entgegensetzen zu können.
Kürzlich habe ich eine alte Folge der Podcasts „dieMotive“ von Alexander Hagmann gehört in der Stefan Gronert die Hauptströmungen der deutschen künstlerischen Photographie in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts auf drei „Wege“ eingrenzt. Aus seiner Sicht sind diese drei „Schulen“ auch die Quelle des Booms, den die Photographie spätestens seit den neunziger Jahren in der Kunstwelt erlebt hat.
Der wahrscheinlich bekannteste Weg wurde von Hilla und Bernd Becher initiiert und ist auch als Düsseldorfer Schule bekannt geworden. Die Strahlkraft der Schülergeneration, über die ich schon mal einen zweiteiligen Überblick zu geben versucht habe, tendiert dazu die anderen beiden Wege in den Schatten zu stellen. Das spiegelt sich auch schon darin, dass ich bereits einiges über z.B. Gursky und die „Strufskys“ geschrieben habe.
Da wären als Zweites Otto Steinert und seine Schüler sowie die von ihm beeinflussten Künstler, die im Gegensatz zu den streng dokumentarischen Wegen einen „subjektiven“ Ansatz verfolgt haben. Als Exponent der zweiten Generation wird hier gerne Tim Rautert angeführt. Ich würde da noch Adrian Sauer hinzufügen, der als Schüler von Rautert den Weg konsequent weiter geht. Was ich bei dieser Linie bisher vernachlässigt habe, sind die Quellen. Zu Otto Steinert muss ich also unbedingt bei nächster Gelegenheit nachliefern.
Und drittens ist dann noch Gottfried Jäger genannt, der mit seiner konkreten bzw. generativen Photographie, hier im Blog noch gar nicht aufgetaucht ist und auch nach Aussage von Stefan Gronert erst seit ein paar Jahren wieder mehr gewürdigt wird. Über ihn und seine „Auswirkungen“ und was sie mit unserer heutigen Zeit zu tun haben möchte ich hier etwas ausführlicher schreiben.
Jäger wurde 1937 bei Magdeburg als Sohn eines Fotografen-Meisters geboren. Er begann 1954 in Bielefeld eine Fotolehre und studierte ab 1958 in Köln Photographie, wo er auch danach Fototechnik lehrte. Seine Experimente mit Grafik, Typografie und Malerei erinnern an die Versuche von „Bauhaus“ und „Neuem Sehen“ und zielen darauf ab, dass sich das Bild von seiner Abbildungsfunktion emanzipiert. Neben der Lehre entwickelt Jäger auch einen eigenen künstlerischen Ausdruck, der auf Abstraktionen und Konkretisierung setzt. Er bringt die Photographie damit in eine Reihe mit anderen Formen der konkreten Kunst wie etwa Skulptur, Malerei, Musik und Poesie. 1968 fängt er an seine Arbeiten als “generative Photographie” zu bezeichnen, ein Begriff den er von den deutschen Philosophen Max Bense entlehnt hat. Da ich es leider nicht geschafft habe in die zurzeit noch laufende Gottfried Jäger-Ausstellung in Konstanz zu kommen beziehe ich mich mit meinen Schilderungen fast ausschließlich auf Bilder und Texte des Katalogs der großen Ausstellung die unter dem Titel „Fotografien der Fotografie“ in Kulturspeicher Würzburg im Sommer 2023 stattgefunden hat.
Interessanterweise sieht sich Gottfried Jäger insofern als von Otto Steinert inspiriert, als dass er dessen frühe Ansätze der “subjektiven Photographie” behauptet weiterzuführen und zu radikalisieren. In der Mitte der 60er Jahren beginnt Jäger auch seine Herangehensweise theoretisch zu fundieren. Was am Anfang noch als abstrakte Kunst mit photographischen Mitteln bezeichnet wurde, wird später unter dem Überbegriff der konkreten Kunst eingeordnet. Es ist eine konsequente Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Photographie unter Verzicht auf ihre darstellerischen Funktionen. Sehr bald darauf beginnt er seine optischen Experimente als „generativ“ zu bezeichnen. Es handelt sich dabei insofern tatsächlich um Photographie, als die Ergebnisse durch Einwirkung von Licht entstehen aber eben ohne Linse oder Kamera.
Deutlich wird seine Intention vor allem, wenn man seine Lochblenden-Bilder betrachtet. Als Serie angelegt sollen Sie zeigen, dass nach konkret beschriebenen Anweisungen mit einer „Camera Obscura“, die statt Einem ca. 50 Löcher hat, Bilder erzeugt werden können die in ihren Variationen und später dann auch in ihrer farbigen Umsetzung ästhetisch mit den zur gleichen Zeit entstehenden Bilder von „Graphic-Art“ oder „Op-Art“ mithalten können.
Spannender werden diese Bilder, wenn man auch noch ihren Entstehungsweg nachvollziehen kann (siehe Bild am Ende des Beitrages) und eben nicht nur mit einer Serie von Variationen konfrontiert wird. Es geht ihm um eine “Entsubjektivierung” und Reproduzierbarkeit der Kunst, eine Kunst, die nicht mehr subjektiv und intuitiv ist, sondern die Bedingungen ihrer Entstehung gleich mit reflektiert. Stichwortgeber waren da neben dem schon erwähnten Max Bense der Autor Herbert W. Franke, den ich bisher nur als Verfasser von sogenannten „Zukunftsromanen“ kannte, die ich als Jugendlicher eine Zeit lang verschlungen habe. Dass er auch ein sehr früher Verfechter der Computerkunst war und dass sein Nachlass im Archiv des ZKM schlummert war mir völlig neu.
Später und wahrscheinlich in Zusammenhang mit den Bielefelder Symposien zur Photographie kam auch der Prophet der schönen neuen Bilder-Welt Villem Flusser hinzu. Sein Dictum „mit dem Apparat gegen den Apparat“ Kunst zu machen wirkt bis heute nach, wie man an den Arbeiten der „darktaxa-Gruppe“ und vor allem an denen von Achim Mohné sehen kann. Spannend hierzu das dreiteilige Podcast-Interview im Podcast „Fotografie neu denken“, über die kürzlich in Gladbeck gezeigte Retrospektive der Arbeiten von Achim Mohné, der auch stark von Flusser beeinflusst wurde.
Im Prinzip bleibt Jäger auch in den 80er Jahren mit seinen Foto-Objekten die Idee treu mit Material (jetzt vor allem belichtetes Fotopapier) zu arbeiten und damit die Bedingungen der Bild Entstehung auf der materiellen Ebene zu befragen, ohne einen Weltbezug zuzulassen.
Wie schwierig es ist in der Photographie der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts Zuordnungen zu treffen lässt sich auch daran sehen, dass die Arbeiten von Adrian Sauer den ich weiter oben in Zusammenhang mit Otto Steinert erwähnt habe durchaus an das anknüpfen, was bei Jäger schon angelegt ist.
Nach dem bisher beschriebenen Weg scheint mir Jägers Abwendung von der Optik und Erkundung der Möglichkeit der Bild-Generierung mithilfe des Computers in den neunziger und Nullerjahren nur logisch, zumal er konsequent weiter jede darstellerische Geste vermeidet.
Stattdessen erzeugt er Bilder mit dem Computer gegen den Computer und auch hier hat er neben dem schon erwähnten Mohné würdige Nachfolger gefunden. Thomas Ruff, der ja normalerweise der Düsseldorfer Schule zugeordnet wird, hat ja auch die Bilderzeugung ohne Kamera erfolgreich durchdekliniert. Darüber habe ich bereits geschrieben.
Auch daran sieht man, dass die kunsthistorischen Versuche der Einordnung “Subjektiv gegen Objektiv” oder “Dokumentarisch vs. Konzeptionell ” sich bei genauerer Betrachtung zunehmend vermischen bzw. überlagern und nie so trennscharf sind, wie sie es gerne wären.
Kevin Abosch fasst in Photonews 2/26 gut zusammen, warum die Arbeit von Gottfried Jäger heute wieder in den Blick gerät:
„Gottfrieds Jägers Konzept der generativen Fotografie war wichtig. Es zeigte, dass Fotografie regelbasiert, systematisch und konzeptuell aufgebaut sein kann. Sie muss nicht nur beschreibend sein. Der Fokus verlagerte sich weg von der reinen Darstellung. Stattdessen rückten der Prozeß und die Bedingungen der Bildentstehung in den Mittelpunkt. Was ich synthetische Fotografie nenne, führt diese Logik in einem rechnergestützten Kontext weiter. Der Unterschied liegt in Umfang und Komplexität. Generative Fotografie arbeitete mit klaren Systemen und festgelegten Regeln. Künstliche Intelligenz bringt dagegen probabilistische Prozesse ins Spiel. Sie nutzt erlernte Strukturen, die in einem gewissen Maß an Eigenständigkeit arbeiten.“
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Hallo Stefan
Nun ich würde das mal auf eine Stufe Stellen mit einem Gedicht von Ernst Jandl. Da wird ja auch nichts
dargestellt, sondern nur vergnüglich Silben durchmusiziert, oder?
Was´n los hier? Abstrakte und konkrete Kunst jetzt auf Fotografisch?
Angefangen mit den vielen Ismen: die Kunst in der (klassischen) Moderne: Nicht vor allem auch in Konkurrenz zur Fotografie entwickelt? Indem man sich gegen die Darstellung konkreter Gegenstände und Szenen und schließlich überhaupt gegen die Verwendung eines Bildes (oder einer Skulptur) als Darstellung von etwas wendet? Und die Fotografen jetzt wieder in Konkurrenz zur modernen Kunst? Motto: Was die können, können wir schon lange?
Und wie gehabt lösen dann „Abstrakte“ ihre (diesmal fotografische) Darstellung konkreter Gegenstände und Szenen in abstrakte Formen auf? Und die „Konkreten“ deklarieren: Stellt man mit ´nem Foto ´nen abstrakten Gegenstand dar (wie immer das auch gelingen mag), ist das kein konkreter, in unserer Raumzeitwelt vorkommender, das Foto, wenn´s aufm Tisch liegt, dagegen schon; und insofern ist es wirklicher als das mit ihm Dargestellte?
Hallo Stefan
Nun ich würde das mal auf eine Stufe stellen mit einem Gedicht von Ernst Jandl. Da wird ja auch nichts
dargestellt, sondern nur vergnüglich Silben durchmusiziert, oder?
Gern gelesen.
Danke für die umfangreiche Darstellung.
Die Ausstellung in Würzburg habe ich versäumt, was mir ein Rätsel ist.
Ja, ist eben auch nicht der Publikumsmagnet. Wahrscheinlich nie gewesen.
Rolf, ich kann es tatsächlich nicht sagen. Ich versäume gefühlt 3- 4 von 5 interessanten Ausstellungen