Wie schreibt man über etwas, worüber man eigentlich keine Ahnung hat, weil man es nie ausprobiert hat. Man folgt den Spuren, den Dokumenten und Berichten, den Landkarten und Bildern. Auf dem Weg zur Familienweihnacht habe ich mit meinem Sohn einen Abstecher ins PHOXXI gemacht. Dort konnte man Bilder von Philip Montgomery sehen. Spannende Bilder und trotzdem irgendwie so aufwühlend, dass ich es kaum ausgehalten hab mir diese Bilder aus den heutigen USA länger anzusehen. Ich denke, dass das ein Qualitätsmerkmal ist, wenn man förmlich spüren kann, wie Leid die Menschen niederdrückt- Leid erzeugt aus den verschiedensten Problemen, die vor allem in den USA so deutliche Folgen zeigen. Intoleranz, Rassismus, aufkeimender Faschismus, der Niedergang der Industriestädte und Verarmung, die Folgen der Klimaveränderungen und die Folgen des Konsums, vor allem des Konsums von hochpotenten Opiaten.
Es ist ja nicht so, dass ich nie irgendwelche Drogen angefasst habe, aber ich habe trotz solcher Idole wie W.S. Burroughs oder Miles Davis, die über längere Zeiträume Heroin gespritzt haben, immer das Motto beherzigt „Finger weg von Opiaten“. Natürlich hatte ich auch Glück nie heftige akute oder länger anhaltende chronische Schmerzen zu haben. Denn das ist neben dem Weltschmerz zumeist die Eintrittspforte. So auch bei der sogenannten zweiten Welle der Opiatkrise in den USA als Ärzte freimütig Opioide (wie Oxycontin und Vicodin) gegen Zahnschmerzen oder bei Knochenbrüchen verordnet haben, angefeuert von einer skrupellosen Pharmaindustrie, die es Ärzten und Politikern mit Geschenken leicht gemacht hat, da nicht hinzusehen. Wir sind den Folgen dieser Zeit schon mal begegnet im Engagement von Nan Goldin gegen das Art-Washing von Pharmakonzernen. Empfehlenswert ist hierzu der Dokumentarfilm „All the Beauty and the Bloodshed“ vom Laura Poitras.
Während ich also noch mit Bildern aus Dr. House im Kopf rumrenne, wo das recht unwahrscheinliche Leben eines Mannes gezeigt wird, der den Konsum des Opiats Vicodin „im Griff“ hat, vor allem, weil er es gut dosieren und sich relativ problemlos besorgen kann, rollt schon die dritte Welle und obwohl die Opiatverordnungen von 2013 bis 2022 um die Hälfte zurückgegangen sind, starben in den USA inzwischen jährlich zwischen 50000 und 100000 Menschen an einer Überdosis des noch potenteren synthetischen Opiats Fentanyl oder mit Pferdebetäubungsmitteln (Xylazin) vermischter Ersatzprodukte. Denn jetzt, wo eine beachtliche Menge an Menschen abhängig war, aber zunehmend weniger Rezepte ausgestellt wurden, befriedigte auch der Schwarzmarkt die Bedürfnisse mit schwer dosierbaren Pülverchen, die viel zu oft zu Überdosierungen geführt haben. Durch die Regierung Trump ist die Lage nicht besser geworden. Er benutzt zwar den Drogen-Vorwand um sich das Venezuelanische Oel einzuverleiben, aber nach innen werden immer mehr Unterstützungsprogramme für Süchtige gestrichen (siehe z.B. den Artikel „Der Wert des Daseins“ in der Taz vom 3.-9. Januar 26)
How do you write about something you don’t really know anything about because you’ve never tried it? You follow the clues, the documents and reports, the maps and pictures. On the way to our family Christmas celebration, my son and I made a detour to PHOXXI. There we saw pictures by Philip Montgomery. Exciting pictures, yet somehow so disturbing that I could hardly bear to look at these images from today’s USA for long. I think it’s a sign of quality when you can literally feel how suffering weighs people down – suffering caused by a wide variety of problems that have such clear consequences, especially in the USA. Intolerance, racism, burgeoning fascism, the decline of industrial cities and impoverishment, the consequences of climate change and the consequences of consumption, especially the consumption of highly potent opiates.
It’s not that I’ve never touched drugs, but despite idols such as W.S. Burroughs and Miles Davis, who injected heroin for long periods of time, I have always taken the motto ‘hands off opiates’ to heart. Of course, I was also lucky never to have suffered from severe acute or prolonged chronic pain. Because that is usually the gateway, alongside world-weariness. This was also the case during the so-called second wave of the opioid crisis in the USA, when doctors freely prescribed opioids (such as Oxycontin and Vicodin) for toothache or broken bones, encouraged by an unscrupulous pharmaceutical industry that made it easy for doctors and politicians to turn a blind eye by offering them gifts. We have already encountered the consequences of this period in Nan Goldin’s campaign against the art washing of pharmaceutical companies. We recommend in this context the documentary film ‘All the Beauty and the Bloodshed’ by Laura Poitras.
So while I’m still running around with images from Dr. House, which depicts the rather improbable life of a man who has his consumption of the opiate Vicodin ‘under control’, mainly because he is good at dosing it and can obtain it relatively easily, the third wave is already rolling in, and although opiate prescriptions have fallen by half between 2013 and 2022, between 50,000 and 100,000 people in the US are now dying each year from an overdose of the even more potent synthetic opiate fentanyl or substitute products mixed with horse tranquillisers (xylazine). Now that a considerable number of people were addicted, but fewer and fewer prescriptions were being issued, the black market also satisfied demand with powders that were difficult to dose and all too often led to overdoses. The Trump administration has not improved the situation. Although he is using the drug issue as a pretext to seize Venezuelan oil, more and more support programmes for addicts are being cut domestically (see, for example, the article ‘Der Wert des Daseins’ [The Value of Existence] in the Taz newspaper from 3-9 January 26).
Aber zurück zu Philip Montgomery. Der mexikanisch-amerikanische Photograph steht für einen Dokumentarphotographie, die sich nicht scheut ranzugehen, emotional Partei zu ergreifen und die Betrachter zu berühren. Ein Teil diese Effekte entsteht durch die stets mitgelieferte kurze Geschichte zum Bild. Im PHOXXI vorbildlich in einem Begleitheft zusammengefasst. Wenn man dann weiß, dass die gezeigten Menschen um George Floyd trauern oder dass der Mann am Boden Glück hatte, weil der Feuerwehrmann das rettende Gegenmittel angesichts seiner Überdosis dabeihatte, dann geht das schon richtig unter die Haut. Und ich schäme mich ein wenig, dass ich das so schwer ausgehalten habe und wir dann gleich noch in die andere Ausstellung gegangen sind. Vielleicht wird es deutlicher, was an dieser Photographie anders ist wenn ich das Gesehen mit einem anderen Photographen vergleiche. Michael Dressel hat ähnlich beeindruckende Bilder aus den USA zum Beispiel in seinem erschreckenden Buch „The End ist Near, Here“ aufzuweisen, aber was er macht, ist Street-Photography. Das ist zwar auch dokumentarisch aber eben ohne die dazu gehörige Geschichte. Diese Bilder sind krass und sprechen sicher auch für sich aber sie berühren mich vor allem ästhetisch und nicht existentiell. Es ist der Blick von Außen während Montgomery sich in die Geschichten hinein begibt.
But back to Philip Montgomery. The Mexican-American photographer stands for documentary photography that is not afraid to get up close and personal, to take an emotional stance and to move the viewer. Part of this effect is created by the short story that always accompanies the image. At PHOXXI, these are summarised in an accompanying booklet. When you realise that the people shown are mourning George Floyd, or that the man on the ground was lucky because the firefighter had the antidote to his overdose with him, it really gets under your skin. And I feel a little ashamed that I found it so difficult to bear and that we then went straight to the other exhibition. Perhaps what is different about this photography becomes clearer when I compare what I have seen with another photographer. Michael Dressel has similarly impressive images from the USA, for example in his frightening book ‘The End is Near, Here’, but what he does is street photography. It is also documentary, but without the accompanying story. These images are stark and certainly speak for themselves, but they affect me primarily aesthetically and not existentially. It is an outside view, whereas Montgomery immerses himself in the stories.
Last but not least, bin ich immer noch beeindruckt von dem Besuch in der Crewdson- Ausstellung. Und bei Crewdson hat man den Eindruck, der geht nicht in die Geschichten rein sondern führt uns mit seinen Bildern in die Psyche seiner Protagonisten (und vielleicht in seine eigene Innenwelt) rein. Aber es gibt auch in den Details Hinweise darauf, dass auch er sich mit dem Ge/Missbrauch von Opioidhaltigen Schmerzmittel beschäftigt hat. Ein Detail habe ich beim Betrachten gefunden. Auf dem Nachtschränkchen in „Bed of Roses“ liegt verstreut eine ganze Ansammlung von Pillen darunter auch die in der typischen orangen Verpackung.
Last but not least, I am still impressed by my visit to the Crewdson exhibition. With Crewdson, one gets the impression that he does not delve into the stories, but rather uses his images to draw us into the psyche of his protagonists (and perhaps into his own inner world). However, there are also clues in the details that he too has dealt with the use and abuse of opioid painkillers. I found one detail while looking at the pictures. On the bedside table in ‘Bed of Roses’ lies a whole collection of pills, including those in the typical orange packaging.
Translated with the help of DeepL.com
Ich habe mich tatsächlich noch nie mit dem Thema Drogen in den USA auseinandergesetzt ich finde irgendwie schon schlimm was und wer in Deutschland alles Drogen jeglicher Art nimmt.
In Deutschland nimmt die Verelendung von Drogenabhängigen Menschen auch immer mehr zu hab ich das Gefühl.
Vielleicht sehe ich das aber auch, da ich immer irgendwas mit dieser Szene zu tun hatte und ich jahrelang am Rand dieser Szene mit Leuten aus der Szene lebte.
Ich nahm nie was härteres.
Ich war aber 9 Jahre mit einem Ex-Junkie und Alkoholiker zusammen und der nahm tatsächlich alles was der Markt so zu bieten hatte.
Zuletzt war Er Methadonabhängig eine Droge die eigentlich aus der Szene raus helfen soll,
aber statt dessen haben die meisten Leute die sich substituieren jegliche Art von Beikonsum.
Eine der schlimmsten Drogen die ich persönlich kenne.
Noch schlimmer ist Alkohol und da kommt man ab einem bestimmten Alter immer oder jeder dran.
Was auch ganz schlimm ist und ich persönlich ganz schlimm finde ist Crack und Crystal Meth.
Angeblich nahm mein verstorbener Ex-Mann sowas nie.
Und eigentlich habe ich mich darauf auch verlassen.
Da Er als ehemaliger Mikrobiologe ganz gut wusste was gut und weniger gut ist.
Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.
Jeder muss wissen was Er tut.
Vielen herzlichen Dank für deine ergänzenden Worte, ich kann die Situation in Deutschland nicht einschätzen aber ich kann mir vorstellen, dass durch Opiate und andere harte Drogen und vor allem Alkohol auch hier unglaubliches Leid entsteht. Ich versuche irgendwie rauszufinden, warum das Thema mich, obwohl ich nicht betroffen bin und auch niemanden kenne der süchtig ist, so betroffen macht.
Bist Du Dir sicher, dass Du niemanden kennst der Alkoholiker oder trockener Alkoholiker ist?
Das würde ich nie im Leben behaupten,
Ich denke eher dass Du es von demjenigen nicht weißt.
Jeder der jeden Abend sein Feierabendbier braucht ist in meinem denken schon Alkoholiker.
Er braucht es nämlich und würde es nie zugeben.
Wenn es razskommt ist es oft schon zu spät.
Und vielleicht macht es so betroffen, weil man als außenstehender tatsächlich nicht helfen kann.
Ich weiß, dass es jeden treffen kann in diese Szene zu rutschen.
Davon mal ab.
Gebe ich aufgrund dieser Problematik keinem Obdachlosen mein Geld wenn diese Menschen betteln.
Ich unterstütze damit doch keinen süchtigen.
Hab ich was zu Essen in der Tasche gebe ich das oder meine Pfandflasche.
Aber wenn die das nicht wollen und nur Geld haben wollen werden Drogen davon gekauft.
Hört sich hart an zumal ich selber mal obdachlos war.
Ist aber kein Grund Sucht zu unterstützen finde ich.
Ok, dann muss ich meine Aussage natürlich überdenken. Ich meinte eigentlich nur das ich niemanden kenne oder kannte, der sichtbar darunter leidet. Und was es bedeutet ein*e trockene*r Alkoholiker*in zu sein, hab ich auch im unmittelbaren Umfeld mitbekommen. Auch mit der Co-Abhängigkeit stimme ich im Prinzip mit Dir überein, möchte aber nicht wissen wie ich mich verhalten würde, wäre ich in so einer Situation. Danke für Deinen Kommentar.