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Photo-Sommer in Beton City

Kaum ist der Stuttgarter Fotosommer eröffnet worden, machte sich die Rentnerkarawane schon auf den Weg, im mal zu schauen was da so ausgestellt wird und um der ebenfalls schon ins Rentenalter gekommenen DGPh zum 75 Geburtstag zu gratulieren. Einen Tag nach der feierlichen Eröffnung des Fotosommers in Stuttgart wollen wir vor allem das Event „Meet the Pros – Meet the young Creatives“ besuchen.

Auf dem Weg dahin sind wir in die Galerie Strzelski reingestolpert, in der viele sehr unterschiedliche Positionen zu sehen waren. Außergewöhnlich war der Betonraum im hinteren Bereich, in dem man auf Kies gehen muß, was so wunderbare Geräusche erzeugt. Nicht alles hat uns überzeugt, aber es gab sowohl gute Serien als auch einige herausragende Einzelbilder.

Der Beton hat uns dann auch bei unserer zweiten Station begleitet. Das VHS-Gebäude am Rotebühlplatz, das man immer noch nicht photographieren darf, besteht aus Glas und Beton. Die Glasfronten führen nicht nur dazu, dass es da drinnen mit jedem Stockwerk wärmer wird, sondern verunmöglichen systematisch durch Spiegelungen das Betrachten oder Photographieren der Ausstellung. Dabei ist es eine gelungene Sammlung aus Bildserien, die sich mit dem Verhältnis der Menschen mit der Natur beschäftigen. Da gibt es eine Serie namens „Bregalia“ von Kaspar Thalmann über eine Staumauer im Südbündnerland in den Alpen, die sehr schön photographiert ist und trotzdem deutlich den krassen Eingriff in die Natur dieser Landschaft vor Augen führt.

Bettina Meister zeigt unter dem Titel „Desert Love“ ästhetisch ansprechende Sehnsuchtsbilder aus Marokko. Erst auf den zweiten Blick fallen die Spuren der menschlichen Nutzung dieser Landschaften auf. Die Kamel-Karawanen, die durch die Sanddünen ziehen, sind keine nomadischen Touaregs, sondern Touristengruppen, denen die paar Sanddünen südlich des Atlas-Gebirges auf einer Tour gezeigt werden. Man sieht Autospuren im Sand und auf einem anderen Bild auch die geländegängigen allradangetriebenen „Kamele“ mit denen die Touaregs heute unterwegs sind oder die Lasten-Esel gleich neben einem Drahtesel.

Am besten gefallen hat uns die Serie „Der kleine Korren“ von Christine Joos. So eindringlich und gleichzeitig unaufdringlich kann eine Photo-Serie sein. Ein Portrait, das den Protagonisten zärtlich in sein Umfeld einbettet. Die Serie hat mich so begeistert, dass ich „vergessen“ habe, ein Photo davon zu machen, was ich eigentlich immer machen für den Fall, dass ich etwas darüber schreiben will.

Dann ging es schnell hinüber ins zur DGPh ins Kolping-Berufskolleg wo die Pros die Young Creatives treffen sollen oder umgekehrt. Nach der Begrüßung sprach Wolfgang Zurborn, der die Ausstellung der DGPh Mitglieder kuratiert hat, darüber, warum er die Bilder draußen an der Schaufensterfront so und nicht anders angeordnet hat. Seinem Motto getreu „die Bilder in eine Ordnung zu bringen, die das Chaos nicht verrät“ muss man sich diese Ordnung selbst erschließen. Da sind ein paar erläuternde Worte natürlich hilfreich. Eher nach dem Motto „wenn das Thema Unordnung ist, dann zeigen wir das in Form und Inhalt“ hatten die jungen Studierenden im schön verputzten und verblendeten Innenraum ihre Arbeiten an Wänden, Aufstellern und hinter Gucklöchern ausgestellt. Abgerundet wurde das Programm durch drei Vorträge, von denen mir der Erste sehr gut gefallen hat. Werner Götze, der die Online-Photobuchhandlung „Lindemanns“ betreibt, hat kurzweilig die Irren und Wirren rund um die „Er“findung der Photographie mit den dazugehörigen Anekdoten gewürzt zum Besten gegeben. Wer die fünf „Erfinder“ aus dem Stand aufzählen kann, bekommt einen Sonderpreis. Hier war der Beton direkt vor der Tür ein willkommenes Motiv für die Landeier aus der Provinz.

Leider hat uns der Kaffeedurst bald danach in die Stadt gezogen. Espressogestärkt haben wir und dann unseren Beton-Rundgang mit einer Besichtigung des Züblin-Parhauses beendet. Und ich muss sagen, das ist wirklich beeindruckend, was da in den Jahren seit 2014 gewachsen ist. Unter dem Titel „Fumes and Perfumes“ der die Situation sehr gut trifft flaniert man durch das Parkhaus, um hinter jeder Ecke wieder neue Effekte serviert zu bekommen. Zugegeben das ist eine ganz andere Photographie oder um es mit dem Untertitel der Ausstellung zu sagen „Photography related Art“, die einem hier begegnet. Ein bisschen effekthascherisch vielleicht, auf jeden Fall sehr deutlich mit Photoshop bzw. KI überarbeitet, aber an diesem Ort durchaus ein Hingucker. Wir waren auf jeden Fall beeindruckt und überfordert, da es natürlich einfach viel zu viel ist um sich mit jedem einzelnen Werk zu beschäftigen. Und wenn, würde man wahrscheinlich Abgasvergiftung bekommen, bevor man alles durch hat.

Den Besuch der Hauptausstellung des Fotosommer Stuttgart in der Gällery werden wir auf jeden Fall nachholen.


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5 Comments

  1. kopfundgestalt

    Ein Überangebot, wie mir scheint.
    Was dann prozentual wenig für den einzelnen Künstler übrig lassen könnte.

    Und dass die meisten Fotografen, die hier gucken, Rentner sind, muss man ihnen nicht übel nehmen, schliesslich hat es eine Weile gebraucht, um darin “groß zu werden”.

    • Rolf Noe

      Naja, man darf sich ja aussuchen was man anschauen will. Was die Künstler betrifft, sind es oft Gruppenausstellungen, die je eine Arbeit pro Künstler zeigen und da lassen sich durchaus Entdeckungen machen.
      In unserer Aufmerksamkeitsökonomie muss man heute klotzen, um überhaupt wahrgenommen zu werden und da ist eben die Menge der Ausstellungen ein Argument. Der Fotosommer kann damit werben, dass über 100 Künstler an dieser “größten” Fotoausstellung (https://www.instagram.com/p/Da2VTyIsXsj/) beteiligt sind.

      • kopfundgestalt

        Ich war vor kurzem das 2te Mal bei einer Fotoausstellung nahebei. Es nannte sich Middisage.ie ich zunächst kaum beachtet hatte.
        Man muß sich schon Zeit lassen, Zeit, die ein Betrachter vielleicht nicht investieren mag.

        • Rolf Noe

          Das ist die Schere der Aufmerksamkeit. Auf der einen Seite werden Werke ausgestellt, die es wirklich verdienen würden, dass man sich damit länger beschäftigt, auf der anderen Seite wird es immer mehr was gezeigt wird, sodass man leicht auch im analogen realen Raum in eine Art wischen und scrollen kommt, um ja alles gesehen zu haben.

  2. Harald Spies

    Als betagtes Mitglied der eingangs erwähnten Karawane möchte ich etwas von meinem Senf zu diesem schönen Post von Rolf geben. Zum einen, der Fotosommer in Stuttgart hat mir gezeigt, wie lebendig die Photographie trotz des vielstimmigen Unkenchors doch ist. Sie ist eben eine Kulturtechnik und wandelt sich mit den Möglichkeiten. Zum anderen finde ich diese Entwicklung äußerst spannend. Die (oft hybriden) Arbeiten im Züblin-Parkhaus – auf Plakatpapier gedruckt und an die Wände gekleistert – zeigen einige der neuen Möglichkeiten auf. Es schien mir, als ob Photographie und Malerei hier den Paartanz übten.

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