Mein Plan war über die wenigen Photos zu schreiben, die wahrscheinlich authentisch davon künden, dass in Deutschland jüdische Mitbewohner und andere unliebsame Menschengruppen deportiert und in Lagern eingesperrt und ermordet wurden. Aber irgendwie wollte das Thema nicht so richtig entwickeln und blieb schließlich liegen.
Bis ich die PHOTONEWS vom Februar 26 in die Finger bekam. Darin findet sich ein Artikel von Sabrina Paries, in dem Sie berichtet, dass Facebook-Accounts wie „Vergessene Aufzeichnungen“, und „Chroniken der Zeit“, die sich beide „History Museum“ schimpfen, die Aufmerksamkeitsökonomie geschickt nutzend Bilder veröffentlichen, die anscheinend Live aus den KZ zu uns gelangt sein sollen. Natürlich haben diese gewissenlosen Content-producer, vielleicht sogar in guter Absicht (wer’s glaubt wird seelig), das ganze Material mit Bildgeneratoren erstellt und ernten Clicks von überrumpelten und erstaunten Feed-Wischern.
Geschichtsfälschung ist ja nun nicht neu und dass da immer ein klares Interesse dahinter steckte ist offensichtlich, aber bisher waren die Akteure immer leicht auszumachen, weil es immer darum ging die eigene Geschichte zu schönen oder die der Gegner zu dämonisieren. Dass jetzt, um des emotionalen Clickbait-Geschäfts willen, geschichtsgefälscht wird ist neu.
Natürlich ist es ein schmaler Grat, wir haben jetzt mit den Bildgeneratoren ein Werkzeug in der Hand Dinge, über die wir Informationen aber keine Bilder haben sozusagen zum Leben zu erwecken. Aber was machen wir damit. Man kann Unterhaltung produzieren wie z.B. die Leute, die die DDR-Mondbasis erfunden haben und damit immer noch den einen oder anderen Lacher provozieren können. Man kann wie Boris Eldagsen seine inneren Dämonen auf die Leinwand bringen (was mir inzwischen auch schon etwas auf den Senkel geht) oder wie Gesine Born der Leiterin des Bilderinstituts Berlin (die im Photosnews-Artikel vorgestellt wird) mit ihren „versäumten Bilder“ Lücken der Geschichtsschreibung füllen und Frauen präsentieren, die Wichtiges geleistet haben, aber nicht oder nur unzureichend im Bild festgehalten wurden. Das wird dann direkt in der Bildunterschrift offengelegt und dann kann man damit umgehen. Ich frage mich tatsächlich wohin das noch, im negativen und positiven, führen wird und warte schon auf die ersten authentischen Fotos von Caesars Ermordung, ein Gruppenbild vom vierten Kreuzzug oder die ersten Reise-Clips vom Gang nach Canossa.
My plan was to write about the few photographs that probably authentically testify to the fact that Jewish residents and other unwelcome groups of people in Germany were deported, imprisoned in camps and murdered. But somehow the topic didn’t really develop and was ultimately left untouched.
Until I got my hands on the 26 February issue of PHOTONEWS. It contains an article by Sabrina Paries in which she reports that Facebook accounts such as ‘Forgotten Records’ and ‘Chronicles of Time,’ both of which call themselves ‘History Museum,’ are cleverly exploiting the attention economy by publishing images that are supposed to have come to us live from the concentration camps. Of course, these unscrupulous content producers, perhaps even with good intentions (if you believe that, you’re a fool), created all the material with image generators and are reaping clicks from surprised and astonished feed swipers.
Falsifying history is nothing new, and it is obvious that there has always been a clear interest behind it, but until now, the actors were always easy to identify because it was always about embellishing their own history or demonising that of their opponents. What is new is that history is now being falsified for the sake of the emotional clickbait business.
Of course, it’s a fine line. With image generators, we now have a tool at our disposal to bring things to life, so to speak, about which we have information but no images. But what do we do with it? You can produce entertainment, like the people who invented the GDR moon base (https://ddr-mondbasis.de/ ) and can still provoke a laugh or two with it. You can bring your inner demons to the screen, like Boris Eldagsen (https://www.instagram.com/boriseldagsen/) (which is starting to get on my nerves a bit), or fill gaps in history with your ‘missing images’ like Gesine Born of Bilderinstitut Berlin (who is featured in the Photosnews article) and present women who have done important things but were not or only inadequately captured in pictures. This is then disclosed directly in the caption, and then you can deal with it. I actually wonder where this will lead, both negatively and positively, and am already waiting for the first authentic photos of Caesar’s assassination, a group photo of the Fourth Crusade or the first travel clips of the walk to Canossa.
Was haben wir denn wirklich an Bildern aus den Konzentrationslagern? Vor allem was haben wir an Bildmaterial, das nicht aus Tätersicht aufgenommen wurde.
Die vier berühmtesten Fotos vom Vernichtungsprozess in Auschwitz-Birkenau wurden im August 1944 von Mitgliedern des sogenannten Sonderkommandos heimlich aufgenommen. Diese Bilder sind die einzigen bekannten Aufnahmen, die das Geschehen direkt dokumentieren und wurden unter extremen Gefahren angefertigt. Die Aufnahmen entstanden im Krematorium V von Auschwitz-Birkenau durch einen griechischen Juden namens Alex, der zur Häftlingsgruppe des Sonderkommandos gehörte. Zwei Fotos zeigen die Verbrennung der Leichen nach der Vergasung durch andere Häftlinge des Sonderkommandos. Ein drittes Bild dokumentiert Frauen, die sich vor der Vergasung entkleiden mussten. Das vierte Foto ist eine „Fehlauslösung“ und zeigt lediglich einige Bäume neben dem Krematorium, was die schwierigen Umstände der Aufnahme unter SS-Beaufsichtigung verdeutlicht. Die Fotos wurden aus dem Lager herausgeschmuggelt, um die Welt über die Massenmorde zu informieren. Gut dokumentiert ist diese ganze Geschichte bei Georges Didi-Hubermann in seinem Buch „Bilder, trotz allem“.
What images do we actually have from the concentration camps? Above all, what images do we have that were not taken from the perpetrators’ perspective?
The four most famous photos of the extermination process in Auschwitz-Birkenau were secretly taken in August 1944 by members of the so-called Sonderkommando. These images are the only known photographs that directly document the events and were taken under extreme danger. The photographs were taken in Crematorium V at Auschwitz-Birkenau by a Greek Jew named Alex, who belonged to the Sonderkommando group of prisoners. Two photos show the cremation of corpses after gassing by other prisoners of the Sonderkommando. A third picture documents women who had to undress before being gassed. The fourth photo is a ‘misfire’ and shows only a few trees next to the crematorium, illustrating the difficult circumstances under which the photograph was taken under SS supervision. The photos were smuggled out of the camp to inform the world about the mass murders. This whole story is well documented by Georges Didi-Hubermann in his book ‘Images, Despite Everything’.
Wie ich darauf gekommen bin auch danach zu forschen, ob es Photos von den Deportationen der Dreißigerjahre gibt, ist wohl nicht allzu schwer zu erraten. Traurig genug, dass schon wieder Menschen gejagt werden, auch wenn diesmal nur darum geht sie aus dem Land zu schmeißen. Von solchen Zeitgenössischen Ereignissen gibt es genug Photos und Videos echte und gefakte.
Aber wer photographiert in den dreißiger Jahren schon Deportationen? Bei Dingen, vor denen man die Augen verschließen möchte, zückt man schließlich nicht die Kamera. Und wenn man es getan hatte, musste man die Bilder später vernichten, damit man eine Chance hatte glaubhaft zu machen, dass man nichts davon gewusst hat. Trotzdem oder vielleicht deswegen sind jetzt, mehr als 80 Jahre später Bilder aufgetaucht. Zuerst davon erfahren habe ich es aus Blogistan und auch hier ist es so, dass die Bilder leider nicht zur Sensationskreation taugen. Es sind Straßenszenen und wenn da nicht so viel Gepäck wäre, könnte man denken die Menschen wollen sich auf eine Busreise begeben. Das hat wohl auch so angefangen, nur dass die Endstationen Zwangsarbeit und Ermordung hießen und dass man sich das mit dem Gepäck auch hätte sparen können, das den Mensch sowieso nach und nach alles abgenommen wurde.
Was ist dann der Erkenntnisgewinn beim Betrachten der Photos. Vielleicht, dass es oft relativ harmlos anfängt. Und dass man, wenn man wissen will, wohin es führt sich tunlichst ein wenig mit Geschichte beschäftigen sollte. Mit echter Geschichte.
It’s not too difficult to guess how I came to research whether there are any photos of the deportations of the 1930s. It’s sad enough that people are being hunted again, even if this time it’s only to throw them out of the country. There are plenty of photos and videos of such contemporary events, both real and fake.
But who would photograph deportations in the 1930s? After all, you don’t pull out your camera when you see things you want to close your eyes to. And if you did, you had to destroy the pictures later so that you had a chance of convincing people that you knew nothing about it. Nevertheless, or perhaps because of this, more than 80 years later, pictures have now surfaced. I first heard about them in Blogistan, and here too, unfortunately, the pictures are not sensational. They are street scenes, and if there weren’t so much luggage, one might think the people were about to embark on a bus trip. That’s probably how it started, except that the final destinations were forced labour and murder, and that the luggage could have been left behind, as everything was gradually taken away from the people anyway.
So what can we learn from looking at the photos? Perhaps that it often starts out relatively harmlessly. And that if you want to know where it leads, you should definitely learn a little about history. Real history.
Translated with the help of DeepL.com
Dies und das Titelbild/This and above:© United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Michael O’Hara
Im Zweifelsfall kann man sich über gefakte Bilder hier informieren: http://www.gedankstaettenforum.de
Es gibt einige Fotos von Deportationen unter https://www.lastseen.org/ – vor allem kann man daraus lernen, dass viele davon wussten. Klar war sicher, dass da jüdische Menschen nur einen Bruchteil ihres Eigentums mitnehmen konnten und einem schlimmen Schicksal entgegen gingen.
Danke für die wertvolle Ergänzung. Das sind ja dann doch mehr Bilder als ich dachte. Und vor allem sind sie sorgfältig dokumentiert. So gibt es auch zu den von mir hier gezeigten Bilder einige erhellende Kontextinformationen (https://atlas.lastseen.org/image/hamburg/497).