Das Bild wurde von Harald zur Verfügung gestellt:
Michaels Gedanken:
Zunächst die Gesamtwirkung des Fotos auf mich. Mit Hühnern kenne ich mich nicht aus. Mit Menschen schon mehr, eigentlich ziemlich gut. Also, an ihm, dem Menschen, heftet sich mein lick als erstes: Aus einer anderen Zeit (fünfziger Jahre?) steht er, gut gekleidet, mit glänzend gewichsten Schuhen, Hände gelassen distanziert in den Hosentaschen, fast gelangweilt, in einem Hühnerhof. Das rechte Hosenknie sieht etwas schmutzig aus (unwahrscheinlich, dass er sich hinkniete, um einem Huhn in die Augen zu schauen).
Sollte er der Hühnerchef sein, z.B. als stolzer Kleintierzüchter, könnte die Körpersprache und der Gesichtsausdruck auch Zufriedenheit bedeuten: Sie sehen gut aus, alles erledigt und getan, nun geht’s zur sonntäglichen Skatrunde.
Der zweite Ankerpunkt für meine Augen: die Hühnerschar, fast alle Hennen pickend, vermutlich sind sie gerade gefüttert worden. In der Mitte der Hahn, nicht pickend, seinen Harem bewachend. Auch, wenn ich mich mit Hühnern nicht auskenne, sie sehen irgendwie prächtig und wohlgenährt aus. Sie scheinen geliebt und gepflegt zu werden.
Nochmal zum Zeitalter: es scheinen die Jahre gewesen zu sein, in denen es weit verbreitet war, hinter dem Haus Kleintierställe und Hühnerausläufe zu unterhalten. Gänse, Enten, Hühner und manchmal sogar ein Schwein haben das oft magere Einkommen aufgebessert.
Zum Gesamteindruck: Irgendwie passen Mann und Schar nicht zusammen, wirken eher unpassend. Aber ein Foto, vor dem ich etwas länger verweilen würde, hinge es in einer Ausstellung. Wenn dann meine Phantasie die offenen Fragen beantwortet, wachsen langsam alle dargestellten Elemente zusammen.
Erste Gedanken von Rolf:
Auch wenn ich mich undeutlich daran erinnern kann, dass Harald schon mal was über dieses Bild gesagt haben könnte, möchte ich erst einmal von meinem ersten Seheindruck ausgehen. Es geht um Kontraste (sowieso gerade Thema im Fotoclub und bei einem lokalen Wettbewerb). Der beanzugte Herr will einfach nicht in den Hühnerhof passen. Es scheint mir auch nicht ein sonntäglich gekleideter Bauer zu sein (der würde niemals die Hände in die Taschen stecken) sondern eindeutig ein Städter. Da das Bild, aber wenn man die Häuser im Hintergrund befragt, sicher mindestens fünfzig Jahre auf den Buckel hat, sehe ich zwei Möglichkeiten. Der „Onkel aus der Stadt“ ist zu Besuch auf dem Land oder am Stadtrand und hat sich in den Hühnerhof begeben, um Kindheitserinnerungen nachzuhängen. Oder das kleine Haus am Stadtrand ist noch immer das Familiendomizil, obwohl in der Stadt in einem Büro gearbeitet wird. Deswegen hält man auch weiter Hühner, wo sonst soll den auch das Sonntags-Ei herkommen. Auf jeden Fall weist das Bild auf eine Transition Land-Stadt hin. Auf den Urbanisierungsprozeß, der ja auch heute noch ungebremst weiterläuft.
Die Eier kommen meist nicht mehr vom Hinterhof und wenn ja hat sich der Hinterhof zu einer rentablem Massentierhaltung entwickelt, womöglich, wie hier bei mir im Ort mit ultramodernen Ställen wo Schlafen, Legen, Fressen und Auslauf vollautomatisch geregelt werden und der Bauer die Eier nur noch aus den dafür vorgesehenen Behältern holen muss.
Offene Fragen sind, warum die Hühner des Nachbarn alle weiß sind und die Hühner im Hof des gut gekleideten Herren dunkel, d.h. wahrscheinlich braun? Auch ob der Herr seine Schuhe selbst putzt, wenn er wieder rein geht, oder ob es dafür eine Frau oder eine Magd gibt? Und schließlich, ob der immer so rumläuft oder ob vielleicht gerade eine Konfirmation oder Hochzeit stattfindet, der man gerne in den Hühnerhof entflieht?
Auflösung von Harald:
Ja, das passt wirklich nicht recht zusammen: ein distinguierter Herr im dunklen Anzug in einem Hühnergehege. Die Hände in den Hosentaschen, der Blick distanziert, die Körperhaltung zeigt keine innere Verbundenheit mit der niederen Kreatur. Vielleicht geht ihm der damals populäre Schlager „Ich wollt, ich wär ein Huhn“ durch den Kopf. Das Foto stammt sehr wahrscheinlich aus dem Jahr 1939. Der Fotograf ist unbekannt, doch er hatte eindeutig Humor.
Der Herr im Bild ist mein Großvater Alfons in Dienstkleidung im Garten seines Elternhauses in Bexbach/Saar.
Er war zu dieser Zeit Justizbeamter beim Amtsgericht Homburg/Saar. Alfons B. war musikalisch begabt, philosophisch interessiert, politisch engagiert – und in praktischen Dingen ohne jedes Talent. Auf ihn traf der Spruch zu, dass jemand, der zwei linke Hände habe, am besten die Rechte studieren soll.
Was also um alles in der Welt hat Alfons B.im Hühnerstall gesucht? Eier? Das wäre naheliegend, doch solche Aufgaben erledigten zu dieser Zeit in der Regel Dienstmädchen, Frauen, Kinder. Und er hätte ja die Hände aus den Hosentaschen nehmen und sie sich womöglich schmutzig machen müssen.
Vielleicht trieb ihn damals Frage um, ob sein Beitritt zum Bund nationalsozialistischer Juristen der richtige Schritt war. Eigentlich war er Sozialdemokrat, doch wenn er Karriere machen wollte, kam er damit nicht weit. Er würde auch in die NSDAP eintreten, allerdings spät erst, im November 1942. Doch auch dieser Schritt konnte das Misstrauen gegen ihn nicht zerstreuen. Er würde sich schließlich im März 1943 – mit knapp vierzig Jahren – freiwillig zum Militärdienst melden, um damit einer Verhaftung zu entgehen.
Erst 1948 kam mein Großvater aus russischer Kriegs-gefangenschaft zurück. Er wurde entnazifiziert und war bald wieder im Staatsdienst. Ab 1954 war er für vier Jahre meine männliche Bezugsperson. Ich bin auf ihn geprägt, das philosophieren, die Liebe zur Natur – das habe ich von ihm.
Übrigens @Michael: Der Fleck am Knie ist ein Schaden am Bild.
The image was provided by Harald:
Michael’s thoughts:
First, the overall effect of the photo on me. I don’t know much about chickens. I know more about people, actually quite a lot. So, my gaze is drawn first to him, the man: he stands there, well dressed, with shiny polished shoes, hands calmly and distantly in his trouser pockets, almost bored, in a chicken yard, as if from another era (the 1950s?). The right knee of his trousers looks a little dirty (it’s unlikely that he knelt down to look a chicken in the eye).
If he is the chicken boss, e.g. a proud small animal breeder, his body language and facial expression could also mean contentment: everything looks good, everything is done and dusted, now it’s off to the Sunday skat game.
The second anchor point for my eyes: the flock of chickens, almost all of them pecking, presumably they have just been fed. In the middle is the cockerel, not pecking, guarding his harem. Even though I don’t know much about chickens, they look somehow magnificent and well-fed. They seem to be loved and cared for.
Back to the era: these seem to have been the years when it was common to keep small animal pens and chicken runs behind the house. Geese, ducks, chickens and sometimes even a pig supplemented the often meagre income.
Overall impression: somehow the man and the flock don’t seem to fit together, they seem rather incongruous. But it’s a photo I would linger over a little longer if it were hanging in an exhibition. When my imagination answers the open questions, all the elements depicted slowly grow together.
First thoughts from Rolf:
Even though I vaguely remember Harald saying something about this picture before, I would like to start with my first impression. It’s about contrasts (which is currently a topic of discussion in the photography club and at a local competition). The man in the suit simply does not fit into the chicken yard. He does not seem to me to be a farmer dressed up for Sunday (who would never put his hands in his pockets), but clearly a city dweller. However, since the picture, if you look at the houses in the background, is at least fifty years old, I see two possibilities. The ‘uncle from the city’ is visiting the countryside or the outskirts of town and has gone into the chicken coop to reminisce about his childhood. Or the little house on the outskirts of town is still the family home, even though he works in an office in the city. That’s why he continues to keep chickens – where else would he get his Sunday eggs? In any case, the image points to a transition between the countryside and the city. To the urbanisation process, which is still continuing unabated today.
The eggs usually no longer come from the backyard, and if they do, the backyard has developed into a profitable factory farm, possibly, as here in my village, with ultra-modern stables where sleeping, laying, feeding and exercise are fully automated and the farmer only has to collect the eggs from the designated containers.
Open questions remain: why are the neighbour’s chickens all white and the chickens in the yard of the well-dressed gentleman dark, i.e. probably brown? Also, whether the gentleman cleans his shoes himself when he goes back inside, or whether there is a woman or a maid for that? And finally, whether he always walks around like that, or whether there is perhaps a confirmation or wedding taking place that he likes to escape to the chicken coop to get away from?
Resolution from Harald:
Yes, it really doesn’t quite fit: a distinguished gentleman in a dark suit in a chicken coop. His hands in his trouser pockets, his gaze distant, his posture showing no inner connection to the lowly creature. Perhaps the popular song of the time, “I wish I were a chicken,” is running through his head. The photo was most likely taken in 1939. The photographer is unknown, but he clearly had a sense of humour.
The gentleman in the picture is my grandfather Alfons in his uniform in the garden of his parents’ house in Bexbach/Saar.
At the time, he was a judicial officer at the Homburg/Saar district court. Alfons B. was musically gifted, interested in philosophy, politically active – and completely untalented when it came to practical matters. The saying that someone who has two left hands should study their right hand applied to him.
So what on earth was Alfons B. doing in the chicken coop? Eggs? That would be obvious, but at that time such tasks were usually done by maids, women, children. And he would have had to take his hands out of his trouser pockets and possibly get them dirty.
Perhaps he was preoccupied at the time with the question of whether joining the National Socialist Lawyers’ League was the right move. He was actually a Social Democrat, but if he wanted to advance his career, that wouldn’t get him very far. He would also join the NSDAP, but only late, in November 1942. But even this step could not dispel the mistrust towards him. He would eventually volunteer for military service in March 1943 – at almost forty years of age – in order to avoid arrest.
It was not until 1948 that my grandfather returned from Russian captivity. He was denazified and soon back in government service. From 1954 onwards, he was my male role model for four years. He had a profound influence on me – my love of philosophy and nature – I got that from him.
By the way, @Michael: the stain on the knee is damage to the picture.
Translated with the help of DeepL.com
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Schönes Bild, das mich auch an viel erinnert, wie es in meiner Kindheit im Dorf aussah, und die Assoziationen dazu machen Spaß und schulen das Sehen. Dass Betrachtungen über diese Zeit heute fast unweigerlich die politische Situation des aufkommenden Faschistmus einbeziehen, sehe ich als eine Errungenschaft der dritten Generation an. Der Mann erinnert mich an ein Foto von meinem Großvater, Kaufmännischer Angestellter in einem Braunkohlesyndikat, der 1930 starb, als meine Mutter acht Jahre alt war. Ob er später auch in die NSDAP eingetreten wäre? Von einer “Gnade des frühen Todes” (in Abwandlung des Zitats eines Bundeskanzlers) zu sprechen wäre wohl zynisch.
Schön, wie das Bild bei Menschen in den unterschiedlichsten Situationen Assoziationen, Gefühle, Erinnerungen und Gedanken hervorruft, wenn man sich auch nur ein wenig darauf einlässt. Natürlich gibt es auch Menschen (vor allem jüngere wahrscheinlich), die damit nichts anfangen können. Dabei würde die Auseinandersetzung mit der erlebten Geschichte vielen die Augen dafür öffnen, wie nahe wir wieder am Abgrund entlangspazieren.
Sehr interessant – die Überlegungen und die Aufklärung über die Geschichte des Bildes. Als ich es ansah, dachte ich: der Herr kontempliert, zB über die Frage,was wohl zuerst war – das Ei oder die Henne? Oder er dichtet ein paar Verse zwischen Humor und Ernsthaftigkeit über das Leben im Hühnerhof (was ich übrigens als Kind getan habe). Nun aber scheint mir doch eher, dass er über sich selbst nachdenkt, und wohin ihn der soziale Aufstieg vom kleinbäuerlichen Betrieb der Eltern zum Justizbeamten am Amtsgericht gebracht hat. Er hat Dilemmata zu bewältigen, die er als Kleinbauer nicht kennen würde. Er hat Interessen und Talente, die ihn hochgebracht haben und jetzt womöglich gefährden. Wie viel einfacher ist doch das Leben der Hühner mit der geregelten Hierarchie – ein Hahn, ein paar Hennen – als dieses monströse Deutsche Reich mit dem einen Führer und den Untergliederungen….Und da stehe ich nun und muss meinen Platz finden…
Danke fürs Mitmachen! Mit jedem/r der/die mitmacht werden dem Bild weitere Bezüge hinzugefügt.🙏