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Präsenz oder Erinnerung / Presence or memory

Die folgenden Sätze haben mich bei der Lektüre des Buches „Vom Sein zum Leben“ von Francois Jullien, in dem er westliche mit fernöstlichen philosophischen Grundpositionen kontrastiert mit einer Härte getroffen, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Sie haben mich existenziell verunsichert, indem tief verankerte Annahmen u. A. über den Wert der Photographie infrage gestellt wurden und ein relativ neuer Vorsatz, mehr Präsenz zu entwickeln mit gehegten und ererbten Gewohnheiten kollidiert ist.

„Diese Strategien des Vermeidens eines Zusammenpralls mit einem Aufschwung, alle diese Unterfangen zur Reduktion seiner Intensität, sind heute so üblich geworden, dass man sie kaum mehr wahrnimmt. Sie verbergen sich besonders gut hinter technischer Bequemlichkeit. Die Touristen, die dem Bus entsteigen, ein Foto aufnehmen und erleichtert wieder einsteigen, wenden diese Strategie an. Indem sie das, was da plötzlich vor ihnen auftaucht, in „den Kasten stecken“ und mit dem üblichen „Ist das schön!“ etikettieren, haben sie es sich tatsächlich vom Hals geschafft. Statt sich von dem, worüber sie gestolpert sind und was in jeder Hinsicht ihre Fassungskraft übersteigt, ergreifen zu lassen und hilflos zu werden, schützen sie sich hastig vor diesem Anblick oder bloß diesem Baum, vor diesem schimmernden Stück Dach. Unter dem Vorwand es aufzubewahren, haben sie sich selbst überlistet. Die Fotografie war für sie das geeignete Werkzeug, um mit diesem Nichtaneigenbaren des Aufschwungs fertigzuwerden, das sie unerwartet, brutal getroffen hat – sie wissen nicht einmal wovon. Sie erlaubt ihnen, es auf Distanz, „auf Respektabstand“ zu halten. Vorsichtig daran vorbeizugehen. Ein Foto „aufzunehmen“ (man muss dieses „Aufnehmen“ im elementaren Sinn des hastigen, sogar flinken Eingreifens verstehen), das ist als ob sie eine Stütze, einen Halt suchten, um nicht „erschüttert“ zu werden. Dies, um zu vermeiden, hier und jetzt, effektiv, angesichts dieses Fleckens Erde oder Daches, präsent zu sein. Dieses vermittelnde Element dient der Abschirmung, erlaubt, in Deckung zu gehen, etwas dazwischenzuschalten. Ahnen wir das überhaupt? Statt sich dem zu stellen, was ihnen unerwartet an Aufschwung begegnen könnte, haben sie sich mithilfe der fotografischen Reproduktion rechtzeitig davor geschützt, indem sie es in den zeitlichen Stillstand, der durch diese Aufteilung egalisierend wirkt, zurückfallen lassen. All das geschieht selbstverständlich in gutem Glauben. Denn die zur Debatte stehende List drängt sich zu sehr auf, hat zu sehr die Rolle eines Rettungsringes, als dass sie es analysieren oder einer Doppelzüngigkeit zeihen könnten. Sie sagen, sie nähmen das Foto auf, um sich zu erinnern, um zu behalten, um erneut, später einmal, Gelegenheit zu haben, es „zu betrachten“. Aber behalten und aufbewahren wollen, das ist entfliehen. Sie versuchen dem zu entfliehen, was, Gegenwärtiges aufdeckend, an Aufschwung hervorgetreten ist und demgegenüber sich dieses beiläufig ausgerufene „schön!“ bereits wie ein Paravent aufrichtet.“

„Die Technik erhebt den Anspruch uns eine immer bessere Beherrschung der „Zeit“ zu ermöglichen, so als würde die Zeit nicht in ihrem „Vergehen“, das man ihr vorwirft, die eigentliche Bedingung ihres Anbrechens finden. Sie erlaubt uns nicht nur viel schneller voranzukommen, sondern auch viel präziser die Zukunft vorzuprogrammieren und viel umfangreicher die Vergangenheit zu konservieren, vor allem aber, die Knappheit der Gegenwart durch die entwickelte Simultaneität zu kompensieren. Allerdings wissen wir alle, dass es sich hier um keine echte Herrschaft handelt: Indem Technik uns ermöglicht, viele Dinge zur gleichen Zeit zu machen (beim Spazierengehen Musik hören, einen Anruf auf dem Mobiltelefon zu beantworten usw.) entkoppelt sie uns klammheimlich von der fordernden Gegenwart. Sie hält uns in einem schemenhaften Kompositum von gleichzeitig Möglichem, das keine wirkliche Begegnung mehr erlaubt. (…) Tatsächlich setzt sich das Gegenwärtige nur durch das durch, erlangt Besonderheit nur durch das, was an ihm exklusiv ist – das ist eben der Unterschied zwischen dem Anhören einer Tonkonserve und einem Konzert, dem man beiwohnt. Diese banale Feststellung sollte eigentlich beunruhigen.“

Mich hat der Text tatsächlich beunruhigt und hat außerdem dazu geführt, dass ich bei meinen nächsten Spaziergängen im Wald die Kamera nicht mitgenommen habe und mitnehmen werde, sondern mich damit zufrieden gebe die Dinge zu sehen, wie sie vor mir auftauchen ohne reflexhaft zur Kameratasche hin zu zucken.

The following sentences struck me with a harshness I would not have thought possible while reading Francois Jullien’s book ‘From Being to Living’, in which he contrasts Western and Far Eastern philosophical positions. They unsettled me existentially by questioning deeply held assumptions, including those about the value of photography, and by bringing a relatively new resolution to develop more presence into conflict with cherished and inherited habits.

“These strategies for avoiding a collision with an upswing, all these attempts to reduce its intensity, have become so common today that we hardly notice them anymore. They hide particularly well behind technical convenience. The tourists who get off the bus, take a photo and get back on again with a sense of relief are using this strategy. By “putting what suddenly appears before them in the box” and labelling it with the usual “How beautiful!”, they have effectively got rid of it. Instead of allowing themselves to be overwhelmed by what they have stumbled upon and which exceeds their comprehension in every respect, and become helpless, they hastily protect themselves from this sight, or merely from this tree, from this shimmering piece of roof. Under the pretext of preserving it, they have outwitted themselves. Photography was the appropriate tool for them to cope with this unappropriable upswing that hit them unexpectedly and brutally – they don’t even know what it is. It allows them to keep it at a distance, at a ‘respectable distance’. To pass by it cautiously. ‘Taking’ a photo (this “taking” must be understood in the elementary sense of hasty, even nimble intervention) is as if they were looking for support, a foothold, so as not to be ‘shaken’. This is to avoid being effectively present, here and now, in the face of this patch of earth or roof. This mediating element serves as a shield, allowing them to take cover, to interpose something. Do we even suspect this? Instead of facing what might unexpectedly encounter them, they have protected themselves in time with the help of photographic reproduction, allowing it to fall back into the temporal standstill that has an equalising effect through this division. All this is done in good faith, of course. For the ruse in question is too obvious, too much like a lifeline, for them to analyse it or accuse it of duplicity. They say they take the photo to remember, to keep, to have the opportunity to ‘look at it’ again later. But wanting to keep and preserve is to escape. They try to escape what has emerged as an upswing, revealing the present, and in contrast to which this casually exclaimed ‘beautiful!’ already erects itself like a screen.

“Technology claims to enable us to master “time” ever better, as if time did not find the actual condition of its dawning in its “passing”, for which it is reproached. It not only allows us to move forward much faster, but also to pre-program the future much more precisely and to preserve the past much more comprehensively, and above all to compensate for the scarcity of the present through the simultaneity it has developed. However, we all know that this is not real control: by enabling us to do many things at the same time (listening to music while walking, answering a call on our mobile phone, etc.), technology secretly disconnects us from the demanding present. It keeps us in a shadowy composite of simultaneous possibilities that no longer allows for real encounters. (…) In fact, the present only asserts itself, only acquires uniqueness, through what is exclusive to it – that is precisely the difference between listening to a recording and attending a concert. This banal observation should actually be cause for concern.”

The text did indeed unsettle me and also led me to decide not to take my camera with me on my next walks in the forest, but to be content with seeing things as they appear before me without reflexively reaching for my camera bag.

Translated with the help of DeepL.com 

8 Comments

  1. Cornelia Puk

    Hallo Rolf,
    ein Anstoß, Gewohnheiten oder gewohnte Sichtweise zu überdenken oder in Frage zu stellen, arbeitet einem Stillstand oder sogar Rückbau der persönlichen Entwicklung entgegen, ist eine nützliche Erschütterung. Ich habe manchmal Bedenken, wenn sich zum Beispiel unter meinen Psychoanalytiker-Kolleginnen jemand als Experte für ein Teilgebiet ausgibt oder so gesehen wird. Jedenfalls ist es nicht meine Haltung, mich durch zu starke Spezialisierung einzuengen. Oder so ein Besitzdenken: Es hat mich geradezu angewidert, als bei einer Konfirmation der Vater den Moment filmte, in dem der Sohn die Hostie entgegennahm. Andererseits entwickeln sich ja auch Strukturen im Leben, die Orientierung und Halt geben; für alles jederzeit in voller Intensität offen sein zu wollen und zu können halte ich für eine Illusion, mit Wertung: Für eine omnipotente Überforderung. Die Welt ist zu groß, als dass ein Mensch ihr im vollen Ausmaß seiner Wahrnehmung gewachsen wäre, sowohl die äußere Realität als auch die intrapsychische Verarbeitung betreffend. Deswegen verdrängen wir ja auch den Großteil unserer täglichen Eindrücke und viel Unerledigtes kann im Traum verarbeitet werden.
    Um sich vor einer solchen Überforderung zu schützen und die eigene Willenskraft gezielt einsetzen zu können, braucht es ordnende Strukturen. Das kann ein Verzicht auf bestimmte Erlebnisse oder Informationen sein. Ich gebe hier keine Patentrezepte, sondern nenne meine Vorgehensweise: Es überfordert mich, die Auseinander-setzung mit allem politisch weltweit verursachten Leid zu bewältigen, so konzentriere ich mich aktuell auf den Krieg in der Ukraine und lasse Nahost und Afrika weitgehend an mir vorbeigehen. Das kann aber auch ein Vorgehen sein, etwas “im Kasten” zu haben: Nach einer Psychotherapiesitzung schreibe ich mein Protokoll und die Patientenakte verschwindet im Schrank bis zur nächsten Sitzung. Das Unbewusste arbeitet weiter.
    So kann ich gut verstehen, dass Du jetzt bei nächtlichen Waldspaziergängen die Kamera zuhause lässt: Ein vielleicht manchmal zu bedauernder Verzicht, aber dafür eine größere Offenheit für verschiedene Eindrücke. In anderen Situationen ist die Kamera ein gestaltendes Mittel für die eigenen Eindrücke, und die Technik muss ja auch gewusst und gekonnt, also geübt sein. Wichtig erscheint mir, dass sich keine unhinterfragte Routine entwickelt.
    Danke für den Anstoß zum Nachdenken am Morgen! Gruß, Cornelia

    • Rolf Noe

      Liebe Cornelia, habe mich sehr über deine ausführliche Antwort gefreut. Es ist aber so viel darin, dass ich denke, wir sprechen lieber mal darüber, wenn wir uns wieder Angesicht zu Angesicht sehen. Was natürlich nicht gemeint gewesen sein kann ist die komplette und absolute Öffnung aller Sinne für alles, was da so ist. Aber vielleicht gelingt es ja wenigstens die Filter nach und nach durchlässiger werden zu lassen, bis wir in der Lage sind auf Situationen aus der Situation heraus und nicht aus den gesammelten Vor-Urteilen heraus zu reagieren.

  2. Wolfgang Ruehle

    Die emotionale Entfemdung durch Foto und Videoaufnahmen habe ich zum ersten Mal erfahren, als ich ein Video vom Judokampf meines damals 6jährigen Sohnes machte. Es war nur 3 Minuten lang, aber danach hatte ich das Gefühl, dass ich gar nicht dabeigewesen bin. Deshalb gibt es von seinen Kämpfen auch nur dieses eine kleine Video.
    Und ein Erlebnis aus der Gegenwart: Trotz meines fortgeschrittenen Alters gehe ich noch ab und zu in Clubs. In den meisten Clubs sind Fotoaufnahmen verboten und die Handys müssen an der Garderobe abgegeben werden.
    Neulich war ich bei dem Auftritt eines befreundeten DJs, da waren Handys erlaubt und ich erlebte einen Abend, der mir wirklich klar machte, dass jüngere Generationen anders funktionieren. Die jungen Leute haben alle getanzt und dabei hielt beim Tanzen ungefähr die Hälfte von ihnen mit einer Hand ein Handy hoch 7nd filmte den DJ (!!!).
    Vielen Dank für den spannenden Buchtip. Spricht mich sehr an.
    Wolfgang

    • Rolf Noergaard

      Danke Dir für den Kommentar, und ja, das Thema ist nicht neu aber ich hab das bisher immer auf “die Anderen” projiziert. Bis ich mich bei der Lektüre des Textes ertappt gefühlt habe. Nicht in allem, was ich photographisch mache
      aber in manchen lieb gewordenen Gewohnheiten. Das Buch ist tatsächlich eine “Augenöffner” was die tief (in der Sprache) verwurzelten Denkgewohnheiten angeht. So eine Art Blick von außen auf das Eigene.

  3. Harald S.

    Hmmm… wieder eine Rede gegen das Photographieren. Es stimmt schon, die Kamera kann ein Präservativ zur Wirklichkeit sein, zum Aufschwung, wie es in dem zitierten Text heißt. Ich habe die Kamera auch oft missbraucht, etwa, um mich vor der Begegnung mit Menschen zu schützen. Und es ist ja eine Binsenweisheit, dass man nicht gleichzeitig wahrnehmen und photographieren kann.
    Aber man kann auch anders. Wesely macht die Zeit sichtbar. Penn zeigt die Seele der Menschen. Es gibt Photographen, wie etwa Holdt, die immersiv arbeiten und die sich nicht schützen vor der Wirklichkeit.
    Das Bildermachen, wie es François Jullien angreift, ist ja nur ein Phänomen von vielen, die die Vervirtualisierung unserer Epoche hervorbringt.

    • Rolf Noe

      Genau. Der Text richtet sich nicht gegen die Photographie, sondern gegen ihren unbedachten Gebrauch zum Schutz vor dem Ansturm des Gegenwärtigen und vor dem unvermeidlichen Vergehen der Zeit. Aber genau an der Stelle hab ich mich eben auch ein Stückweit ertappt gefühlt und werde schauen, dass ich in Zukunft bewusster damit umgehe. Das kann dann z.B. so aussehen, dass ich einen bestimmten Ort, wenn ich ihn kennengelernt habe, bewusst nochmal aufsuche, um dort zu photographieren.

    • Michael H. Maßberg

      Lieber Harald, ich widerspreche. Nichts im Text spricht gegen die Photographie. Sie wird beschrieben als technisches, allzeit bereitstehendes Hilfsmittel für Abschirmung und Vermeidung. Oder, mit meinen Worten, sich tiefer auf das Hier und Jetzt einzulassen. Ich glaube auch nicht, dass sich fotografieren und wahrnehmen ausschließen, sondern es um die Frage der bewussten Ausrichtung geht.

      • Rolf Noe

        Das hast Du gut auf den Punkt gebracht. Und genau dieser Frage sollten wir jeder für sich und gerne auch zusammen nachgehen. Das geht in eine vielversprechende Richtung.

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