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Selbstversicherung oder Selbstdarstellung / Self-reassurance or self-presentation

„Mehrmals machte ich diese Bilder für 400 Lire aus dem Automaten. Ich wusste nicht, ob sie, die aus dem Apparat kamen, meine Einsamkeit verstärkten oder mich vielmehr von ihr befreiten. Mit einem dieser Bilder bestellte ich mir in einem Geschäft mein Bildmedaillon fürs Grab…“

>>Hervé Guibert<<

Ich geh ja nicht oft auf Feiern aber bei den letzten 5 Feiern war dreimal eine Foto-Box dabei. Das ist so eine Art Passbildautomat  für Fortgeschrittene. Mit Hütchen-Koffer. Und es funktioniert einwandfrei. Kleine Grüppchen bilden sich, verkleiden sich, positionieren sich, produzieren sich – immer mit einem lustigen Outcome in Form eines Bildes oder eines Bildstreifens mit vier Bildern. Ganz Klassisch wie bei den Passfotoautomaten.

Diese Lust am Selbstbild ist keine Erfindung des Handy-Zeitalters, wie man angesichts ihrer heutigen Verbreitung vermuten könnte, sondern hat wie diese Seite  aus der Schweiz zeigt in der Photographie eine lange Geschichte.

Selbst vor Erfindung der Photographie ist das Autoportrait in der Kunst eine beliebte Spielart, Anfangs verspielt in Auftragswerke reingeschmuggelt und später ganz offen als so eine Art Selbstdokumentation des Künstlers.

Heute sind Photoautomaten in vielen Museen in Kunstprojekte integriert wie im ZKM in Karlsruhe, wo seit 2007 mit dem Automat eine Bürgergalerie aufgebaut wurde oder in den auf dieser Seite beschriebenen Projekten. Oder sie stehen einfach auf der Straße und haben Fans bei facebook.

Das Thema ist brandaktuell, da die Mobiltelefone und sozialen Netzwerke die Selbstdarstellung mittels Selbstbildnis vor möglichst bedeutungsvoller Kulisse haben explodieren lassen. In der Kunst setzt man sich damit auseinander wie die kürzlich begonnene Ausstellung FACE IT – „Im Selbstgespräch mit dem Anderen“ die im Kunstmuseum Ravensburg  bis zum 29.9.19 zu sehen ist, zeigt.

Aber die Frage ist doch, und ich will sie hier nur stellen, nicht beantworten: Ist diese Sucht sich selbst ins Bild zu bringen nur Selbstdarstellung oder ist sie nicht vielmehr auch zu einem großen Teil Selbstversicherung angesichts der großen Verunsicherungen, die unsere Zeit so zu bieten hat? Es gibt mich trotz alledem!

“Several times I made these pictures for 400 lire from the machine. I did not know if they, who came out of the apparatus, strengthened my loneliness or rather freed me from it. With one of these pictures I ordered in a shop my picture medallion for the grave… “

> Hervé Guibert <<

 I do not go to parties often, but the last 5 celebrations included a photo box three times. This is a kind of passport picture machine for the advanced. With a hat case attached. And it works fine. Small groups form, dress up, position themselves, show themselves – always with a funny outcome in the form of a picture or a picture strip with four pictures. Quite classic as in the photo booths.

This lust for self-image is not an invention of the mobile age, as one might suspect given its current distribution, but has like this page  from Switzerland shows a long history in photography.

Even before the invention of photography, the autoportrait in art is a popular variety, at first playful placed into commissioned works and later completely open as a kind of self-documentation of the artist.

Today photo booths are integrated in many museums, in art projects such as the ZKM in Karlsruhe, where since 2007 with the automat a citizens gallery was built up or in the projects described on this page. Or they just stand on the street and have fans on facebook.

The topic is very hot as the mobile phones and social networks have exploded self-portrayal in front of the most meaningful backdrop possible. In the art one also deals with it as shows the recently started exhibition FACE IT – “in the soliloquy with the other” which can be seen in the artmuseum Ravensburg until 29.9.19.

But the question is, and I just want to ask, not answer it here: Is this addiction to bring yourself into the picture only self-presentation or is it rather to a large extent self-reassurance facing the great uncertainty that our time to offer? I exist, despite all of this!

6 Comments

  1. Harald S.

    Möglicherweise ist das Selbstbild eine Art ontologische Rückversicherung. Der Mensch fühlt sich nicht mehr aufgehoben in der Welt. Er muss sich seine Bedeutung heute selbst geben. Das Bild ist mindestens genau so wichtig wie der dargestellte Mensch. Und vielleicht überzeugender…

    • Rolf Noe

      Ja, soziale Zugehörigkeit, indiviuelle Sinnsuche das alles sind Aspekte die da reinspielen. Mit dem scheinbar paradoxen Dreh, dass man vorgefundenen Schemata reaktiviert um seine Individualität herauszustellen. Weiß nicht ob ich das jemals begreifen werde.

  2. Klaus

    Das wäre ein Schritt weg vom Denken hin zu: Ich sehe, also bin ich, aber erst nachdem ich mich digital verbessert habe

    • Rolf Noe

      Ich kämpf mich grad durch McLuhans Gutenberg-Galaxis. Schon sehr früh wird klar, dass die Alphabeth-Schrift eine Sinnes-Verschiebung vom Auditiven zum Visuellen in Gang gesetzt hat, die heute noch anhält und anscheinend nicht daran denkt an Fahrt einzubüßen. Jetzt sind wir aber dabei die Schrift wieder zu verlieren und da bin ich mir nicht sicher ob seine Vision vom globalen Weltendorf wirklich so hinhaut. Deutlich ist allerdings dass wir jetzt der Wucht des Visuellen schutzlos ausgeliefert sind, da uns die Schrift nicht mehr ausreichend zur Seite steht. Wohin das noch führen wird…..

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