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The sound of silence

“And the people bowed and prayed to the neon god they made
And the sign flashed out its warning in the words that it was forming
And the sign said: The words of the prophets are written on the subway walls and tenement halls
And whispered in the sounds of silence”

>>Simon & Garfunkel<<

Keine Ahnung warum, aber Tatsache ist; es nervt mich. Dass bald jedes Bild, jede kleine Serie von Bildern inzwischen mit Musik unterlegt sein muss, dass man bei Instagram, wenn man etwas postet, gleich schon ein passendes Liedlein vorgeschlagen bekommt, das man nur anklicken muss, um es gemeinsam mit den Bildern in die Welt hinauszuposaunen. Bei Videos verstehe ich das ja sogar ein wenig. Wir sind hundert Jahre lang daran gewöhnt worden, zum bewegten Bild eine Musik zu hören, die uns mitteilt, was wir zu fühlen haben.

Letztlich ist es auch eine Strategie der Werbung und der Propaganda insgesamt durch Musik eine bestimmte Stimmung anzusprechen oder durch eingängige Musik (Ohrwurm) sich ins Bewusstsein der Konsumenten nachhaltig einzuschreiben. Insofern könnte man das Phänomen auch so sehen, dass ja jede/r inzwischen Propagandist in eigener Sache ist und wenn er schon nichts zu verkaufen hat, dann doch zumindest seine Haut zu Markte trägt. Da kann ich mich selbst ja auch nicht wirklich rausnehmen. Eine der Entschuldigungen, warum ich immer noch im letztlich gesundheitsschädlichen Bereich der ‚social media‘ unterwegs bin, ist ja, dass ich Aufmerksamkeit für meinen Blog und etwas allgemeiner und weniger wichtig für meine Photographie generieren möchte. Also auch Werbung in eigener Sache.

Was auch eine Entwicklung ist, die die Einbindung von Musik nicht nur in Videos, sondern auch in Bilder oder Bilderreihen begünstigt hat, ist die sogenannte „TicTocisierung“ der ‘social media’-Landschaft. Es hat nicht erst mit Tictoc angefangen, sondern der Prozess geht schon mindestens zehn Jahre. Immer wenn eine Plattform was Neues eingeführt hat, versuchen alle anderen nachzuziehen. Dann gab es plötzlich auf Twitter auch Bilder und Insta hatte plötzlich eine Chat-Möglichkeit im Hintergrund und so weiter und so fort. Dass es dann letztlich zu einer Art Einheitsbrei vermatscht wird, scheint keinen zu stören. Man muss dann schon auf so „zurückgebliebene“ Plattformen wie Flickr zurückgreifen, um soundfreie Bilder zu genießen. Oder den Ton ausschalten, aber einmal wo falsch drauf gedrückt und die Hör-Soße fließt zu den unpassendsten Momenten aus dem Handy. Wie peinlich!

Aber TicToc ist schon der Auslöser davon, dass man den musikalischen Bilderserien nicht mehr entkommt und wie früher beim Zappen im Fernseher werden zwanzig und mehr Songs hintereinander angespielt, nur, um gleich wieder zu verstummen und dem nächsten mehr oder weniger passende Hör-Schnipsel Platz zu machen. Wer‘s mag.

Meine Erfahrung mit Musik, vor allem mit populärer Musik ist, dass es zu Abstumpfung führt, wenn man die Lieder zu oft hört. Da hilft nur Abwechslung (etwas, was der Algorythmus nur ganz schlecht kann) oder Dosissteigerung bis zur tödlichen Doris.

Was auch zu diesem Thema gehört ist die Frage, ob die Musik zu den gezeigten Bildern passt, ob sie die Wirkung der Bilder verstärkt oder, was oft der Fall ist, übertönt. Wer mit der Erstellung von Multimediashows beschäftigt ist, weiß, wie schwierig es ist, Musik zu finden, die sich eben nicht, oder nur ganz gezielt an dafür geeigneten Stellen in den Vordergrund spielt. Auch wer im Kino sitzt, möchte am besten von der Musik begleitet werden, ohne dass sie zu sehr ins Bewusstsein tritt, es sei denn, er schaut sich ein Musical oder einen Musikfilm an, wo die Musik sowieso im Vordergrund steht.

In einer 2024 in Scientific Reports  veröffentlichten Studie wollen Wissenschaftler rausgefunden haben, dass die Kombination von Musik und Bild die emotionale Wirkung und die Verweildauer vor den Kunstwerken erhöht. Aber Sie konnten keinen Zusammenhang zwischen speziell für die Bilder komponierter oder zufällig ausgewählter Musik finden:

„Es zeigte sich, dass die Teilnehmer:innen am längsten bei den reinen Musikstücken verweilten, gefolgt von den kombinierten audiovisuellen Werken und schließlich den Bildern ohne Musikbegleitung. Die stärkste emotionale Wirkung berichteten sie jedoch von den audiovisuellen Kombinationen“, erklärt Erstautorin Lauren Fink und fügt ergänzend hinzu: ‚Überraschenderweise hatte die Art der Kombination dabei keinen Einfluss auf die ästhetischen Bewertungen: Unabhängig von der beabsichtigten oder zufälligen audio-visuellen Paarung erlebten die Teilnehmer:innen die Werke ähnlich.‘“

Um mich mal an die eigne Nase zu fassen, muss ich zugeben, dass ich am ersten Januar der Versuchung nicht widerstehen konnte, meinen drei Bildern mit Sonnenstreifen einen Cat Stevens-Song mitzugeben „morning has broken“ hauptsächlich, weil es dann mit „like the first morning“ weitergeht und ich eine Schwäche für solche „Pun intended“-Spielereien habe. Witzig ist, dass ich gerade beim Nachvollziehen gemerkt habe, dass die ältere Generation, die Instagram noch am PC anguckt, von den oben angeprangerten Lärmbelästigungen verschont bleibt. Ich musste extra das Handy rausholen, um die Bilder zum Klingen zu bringen.

Jetzt aber genug davon. Schreibt gerne in die Kommentare wie das für euch so ist, auch wenn, und warum, ihr Fans davon seid. Ich bin gerne bereit, meinen Horizont zu erweitern.

I have no idea why, but the fact is, it annoys me. That almost every image, every little series of images, now has to have music playing in the background, that when you post something on Instagram, you’re immediately suggested a suitable song that you just have to click on to broadcast it to the world along with the images. I can even understand it a little with videos. For a hundred years, we’ve been accustomed to hearing music with moving images that tells us how we should feel.

Ultimately, it is also a strategy of advertising and propaganda as a whole to use music to evoke a certain mood or to use catchy music (earworms) to make a lasting impression on consumers’ consciousness. In this respect, one could also view the phenomenon as everyone now being a propagandist for their own cause, and if they have nothing to sell, then at least they are promoting themselves. I can’t really exclude myself from this. One of the excuses I give for still being active in the ultimately unhealthy realm of social media is that I want to generate attention for my blog and, more generally and less importantly, for my photography. So it’s also advertising on my own behalf.

Another development that has encouraged the integration of music not only into videos, but also into images or image series is the so-called ‘TicTocisation’ of the social media landscape. It didn’t start with Tictoc, but the process has been going on for at least ten years. Whenever one platform introduces something new, all the others try to follow suit. Then suddenly there were pictures on Twitter, and Insta suddenly had a chat feature in the background, and so on and so forth. No one seems to mind that it all ends up becoming a kind of uniform mush. You have to resort to ‘backward’ platforms like Flickr to enjoy sound-free images. Or turn off the sound, but one wrong press and the audio sauce flows out of your mobile phone at the most inappropriate moments. How embarrassing!

But TicToc is already the trigger for the fact that you can no longer escape the musical image series, and just like when you used to zap through the channels on the telly, twenty or more songs are played in a row only to fall silent again immediately and make way for the next more or less suitable snippet of audio. If you like that sort of thing.

My experience with music, especially popular music, is that listening to songs too often leads to numbness. The only thing that helps is variety (something the algorithm is very bad at) or increasing the dose to the point of deadly Doris.

Another aspect of this topic is the question, of whether the music fits the images shown, whether it enhances the effect of the images or, as is often the case, drowns them out. Anyone involved in creating multimedia shows knows how difficult it is to find music that does not come to the fore, or only does so in very specific places. Even those sitting in the cinema want to be accompanied by music without it becoming too conscious, unless they are watching a musical or a music film, where the music is in the foreground anyway.

In a study published in 2024 in Scientific Reports, scientists claim to have found that the combination of music and images increases the emotional impact and the length of time spent in front of the artworks. However, they were unable to find any connection between music composed specifically for the images and randomly selected music:

“It was found that participants lingered longest with the pure music pieces, followed by the combined audiovisual works and finally the images without musical accompaniment. However, they reported the strongest emotional impact from the audiovisual combinations,‘ explains lead author Lauren Fink, adding: ’Surprisingly, the type of combination had no influence on aesthetic ratings: regardless of whether the audio-visual pairing was intentional or random, participants experienced the works similarly.”

To take a look at myself, I have to admit that on 1 January, I couldn’t resist the temptation to add a Cat Stevens song,  to my three images with sun streaks. I choose the Cat Stevens song, ‘Morning Has Broken,’ mainly because it continues with ‘like the first morning’ and I have a weakness for such pun-intended wordplay. The funny thing is that I just realised that the older generation, who still view Instagram on their PCs, are spared the noise pollution denounced above. I had to take out my mobile phone to make the pictures sing.

But enough about that. Feel free to write in the comments how it is for you, even if, and why, you are fans of it. I am happy to broaden my horizons.

Translated with the help of  DeepL.com 

8 Comments

  1. DereL

    Heute kann halt kaum jemand Stille ertragen. Überall hin begleiteten uns belanglose Musikklänge, die uns das wohlige Gefühl geben, nicht alleine und stattdessen gut aufgehoben zu sein, auch vor einem unbekannten Bild oder Foto. Sie müssen zu uns mit harmonischen Klangfolgen “sprechen”, wenn wir schon ihre stumme Bildsprache nicht verstehen und ergründen können. Denn es geht heutzutage meist allein um das achtsame und vage Empfinden als um Empfindungen gegenüber Bildern und Fotos rational zu hinterfragen, zu ergründen und sich sachgerecht darüber austauschen.

    • Rolf Noe

      Sehr zum Nachdenken gebracht hat mich da das Buch “Resonanz” von Hartmut Rosa. Demnach ist die Musik eine der Möglichkeiten den verlorenen Einklang mit Mensch und Natur irgendwie wieder herzustellen. Aber genau das “mehr davon” und der Ersatzcharakter dieser Versuche macht die Resonanz dann vollends zunichte. Es ist nicht leicht das, was Rosa da auf 800 Seiten darlegt hier kurz anzureißen, zumal ich selbst das Buch noch nicht fertig gelesen habe. Aber es hat mich unter anderem auch zu diesem Beitrag inspiriert.

  2. Cornelia Puk

    Hallo Rolf, also dann folge ich mal Deiner Aufforderung, einen Kommentar zu schreiben. Wie als erstes deutlich wird, gehöre ich noch der Generation an, die die Anrede in Briefen groß schreibt. Sind ja auch nur so dreißig Jahre seit der Einführung der Rechtschreibreform, die ich nur partiell übernommen habe. In einem sozialen Netzwerk war ich noch nie und habe das auch noch nie vermisst. Aber das sehe ich nicht als Tugend an, sondern als Glück, dass ich nicht nur das Alter und den entsprechenden Hintergrund, sondern auch einen Beruf habe, in dem ich das nicht brauche. Die Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen, weder individuell noch im gesellschaftlichen Rahmen. Also geht es darum, auf dem Grund des Bestehenden nach Weichen für die Zukunft zu suchen.

    Du schreibst richtig, wenn auch vielleicht mit etwas Ironie das Wort “gesundheitsschädlich”: Ja, verschiedene Zivilisationskrankheiten nehmen zu: Orthopädische, ophtalmologische (Myopie), psychische. In der Folge auch die Angebote, dafür Lösungen zu finden; das Denken dahinter ist im allgemeinen von weiterem Zuwachs bestimmt: weiterem Tun. Dem halte ich gegenüber: Reduzierung. Weniger von allem. Unterlassen. Verzicht. Weniger handeln. Raum entstehen lassen, in dem sich etwas Eigenes entwickeln kann: Spüren. Das muss keineswegs immer angenehm sein. Aber es ist wahrer. Das Leben ist kein großer Spaß. Wer manchmal unglücklich ist, macht deswegen nicht gleich etwas falsch. Auch Traurigkeit ist ein wichtiges und wertvolles Gefühl, wenn sie berechtigt ist, zum Beispiel durch eine Enttäuschung oder einen Verlust. So etwas zuzulassen und darüber nachzudenken stärkt die eigene Kraft durch Aushalten und Verstehen und dem Erleben von Authentizität.

    Dafür gibt es keine Industrie, damit ist kein Geld verdient. Und so möchte ich nochmal mit meinen Worten sagen, was Du schon geschrieben hast: Diese ganze Überflutung unserer Sinnesorgane mit Reizen, die nicht von uns selbst gemacht werden und uns in ihrem Viel-Zu-Viel überfordern, ist kein Gewinn. Bilder werden mit Musik nicht besser. Musik in Filmen ist oft so laut, dass die Gespräche übertönt werden. Kaufhausmusik stumpft ab. Für einen Gewinn, den das Erleben eines äußeren Eindrucks: Natur, Kunst, Begegnung, für uns bedeuten kann, braucht es inneren, psychische Raum, der einen eigenen Anteil der Verarbeitung ermöglicht. Wir sollten darauf achten, dass er uns nicht ständig zugeschüttet wird.

    Übrigens: Der Text von Simon&Garfunkel, Sound of Silence, ist mir noch nie bewusst geworden. Ich werde ihn mal vollständig suchen!

    • Rolf Noe

      Danke für deinen wichtigen Beitrag, den ich in fast allen Punkten unterschreiben kann. Ein wenig beneide ich dich darum, dass du dieses Spielchen gar nicht erst angefangen hast.

  3. LP

    Das sind sehr gute Gedanken. Diese Musikuntermalung von Fotos ist meganervig. Entweder das Bild ist gut und steht für sich selbst. Dann braucht es keine Musik.
    Oder es ist nicht gut. Dann brauche ich es nicht zu zeigen.

    • Rolf Noe

      Danke. Du bringst da einen Aspekt rein, der zunehmend aus dem Sichtfeld gerät. Die Qualität. Auf Social Media spielt das am Rand noch eine Rolle, aber viel wichtiger ist, wie viel man ins Spiel bringt, wie oft man postet, wie viele (inzwischen manchmal bis zu 20) Bilder in einem Post sind und so weiter. Die ständige Quantität bringt offensichtlich in diesem System mehr Sichtbarkeit als eine gelegentliche Qualität.

  4. Ute M.

    Da ging es mir früher sehr ähnlich und ich musste schmunzeln, denn für einen kleinen Landschaftsfilm habe ich auch den angebotenen Song “morning has broken” verwendet. Mein Tel./Tab. sind permanent auf lautlos seit ich die SmartWatch zur Benachrichtigung verwende, deswegen ist das inzwischen kein Problem mehr.

    • Rolf Noe

      Ja, richtig! natürlich bietet die digitale Welt, wenn man in der Lage ist, sich darin kompetent zu bewegen, immer auch die Möglichkeit, es sich so einzurichten, dass man weniger gestört wird. Aber es wird eben immer aufwendiger, sich gegen eine derartige Vereinnahmung zu wehren. Ein gutes Beispiel sind die KI-Assistenten. Da bekommt man (z.B. in Whatsapp) überhaupt nicht mehr die Möglichkeit, diese abzuschalten. Man kann versuchen sie zu ignorieren, aber sie werden einem immer wieder unter die Nase gerieben.

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