Noch bevor das Druckerzeugnis in meinem Briefkasten landen konnte, bekam ich einen Anruf von meinem Freund Ti. Ob ich die Männertaz schon bekommen hätte? Da seien neben der Tatsache, dass das uns betreffende Thema Männer zunehmend kontrovers diskutiert und ambivalent erlebt wird, Photograph:innen dabei die sich auf die eine oder andere Art mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Könnte mich interessieren.
Und tatsächlich, ich habe schon länger keine Textsammlung so aufmerksam durchgelesen wie diese. Und die Begegnung mit Photograph:innen, die ich zum Teil schon kannte oder die zu entdecken spannend war hat das ganze Erlebnis noch gesteigert.
Über den inhaltlichen Teil konnte ich dann auch mit meinem Freund reden. Wir haben uns darüber ausgetauscht was einzelne Texte für Gefühle und Reaktionen in uns ausgelöst haben. Für alte, relativ privilegierte weiße Hetero-Männer nicht gerade selbstverständlich. Und sei es auch nur so geschehen, weil wir auch zu den Guten gehören möchten. Den photographischen Teil wollte ich für Nicht-Taz-Leser:innen hier zumindest grob umreißen.
Die Photograph:innen wurden aufgefordert Arbeite zu dem Thema „Was ist Männlichkeit (heute) für dich?” zu zeigen. Die sehr unterschiedlichen Einreichungen wurden jeweils von einem kurzen Statement begleitet. Es geht los mit Ute Behrend aus Köln. Sie schickt einen der jungen Cowboys ins Rennen, die sie für ihr Buch „Cowboy, After Barbed Wire“ photographiert hat.
Nikita Teryoshin, den ich für einen der kreativsten jüngeren Zeitgenossen hier in Deutschland halte, zeigt auf seinem Bild drei Männer. Zwei Ordner schleppen einen Aktivisten ab, damit er Frau Klöckner nicht daran hindern kann Veteranen abzufeiern und damit Krieg wieder salonfähig zu machen. Er stellt die Frage bei, was männlicher ist, Befehlen zu gehorchen, oder sich ihnen zu widersetzen?
Even before the magazine had a chance to land in my mailbox, I got a call from my friend Ti. Had I received the *Männertaz* yet? He said that, aside from the fact that the topic at hand—men—is increasingly being discussed controversially and viewed with ambivalence, the issue features photographers who have engaged with the subject in one way or another. It might interest me.
And indeed, I haven’t read a collection of texts this closely in quite some time. And encountering photographers—some of whom I already knew, while others were exciting to discover—made the whole experience even better.
I was also able to discuss the content with my friend. We talked about the feelings and reactions that individual texts triggered in us. Not exactly a given thing for old, relatively privileged white straight men. And even if it happened just because we want to be among the “good guys.” I wanted to at least roughly outline the photographic section here for non-Taz readers.
The photographers were asked to create works on the theme “What does masculinity mean to you (today)?” The very diverse submissions were each accompanied by a short statement. We start with Ute Behrend from Cologne. She features one of the young cowboys she photographed for her book “Cowboy, After Barbed Wire”.
Nikita Teryoshin, whom I consider one of the most creative younger contemporaries here in Germany, depicts three men in his photo. Two security guards are dragging an activist away so he cannot prevent Ms. Klöckner from celebrating veterans and thereby making war socially acceptable again. He poses the question: which is more masculine, obeying orders or resisting them?
Brigitte Kraemer zeigt ein paar „Harte Jungs“, die sich im Kotflügel eines Ami-Schlittens spiegeln. Der Traum sich mit so einem Schlitten stolz präsentieren zu können, vereinigt gleich mehrere Aspekte von „Männlichkeit“.
Einen ganz anders gearteten Blick auf Männer zeigt uns Johanna Maria Dietz. John Berger zitierend schreibt sie „Men look at women. Women watch themselves being looked at“ und dreht diese Blickrichtung mit einem Bild aus ihrer Serie “Adonis” um. Dabei beschäftigt sie die Frage, was eigentlich an Männer(körper)n begehrenswert ist?
Eine ganze Seite bekommt Benedikt Burger, der sich in seiner Serie „Rhizom“ mit der Konstruktion von Männlichkeit auseinandersetzt, indem er verfolgt wie sich Jugendliche im digitalen Raum präsentieren.
Natürlich darf Hannes Jung nicht fehlen dessen Arbeit „Men don’t Cry“ ich in Berlin gesehen habe. Sein Bild zeigt einen der durch Folter traumatisierten Männer aus Bosnien-Herzegowina mit seinen Kühen in dunstverhüllter Landschaft.
Sehr berührt hat mich das Bild von Fred Hüning, den ich hauptsächlich aus Insta kenne. Es ist der krasse Gegenentwurf zum knallharten Cowboy-Mythos. Ein grauhaariger Mann streichelt einen graumähnigen liegenden Schimmel. Man kann die Verbundenheit der Beiden förmlich spüren.
Auf der nächsten Seite zeigt ein kleinformatiges Bild drei Männer, drei Generationen. Es stammt aus der Serie „Väter und Söhne“ von Peter Wieler. Dieses Bild erinnert mich an ein Dreigenerationenbild, in dem Ich zwischen meinem Sohn und meinem inzwischen verstorbenen Vater sitze und daran, dass Männlichkeitsvorstellungen zum Teil auch völlig wortlos von einer Generation in die Nächste weitergegeben werden, wenn wir uns nicht wenigstens etwas in unserem Verhalten beobachten und diese Muster bewusst verlassen können.
Brigitte Kraemer depicts a few “tough guys” reflected in the fender of an American car. The dream of being able to proudly show off in a car like that embodies several aspects of “masculinity.”
Johanna Maria Dietz offers us a very different perspective on men. Quoting John Berger, she writes “Men look at women. Women watch themselves being looked at” and reverses this gaze with an image from her series “Adonis”. In doing so, she explores the question of what is actually desirable about men (and their bodies)?
An entire page is dedicated to Benedikt Burger, who, in his series “Rhizom”, explores the construction of masculinity by observing how young people present themselves in the digital space.
Of course, Hannes Jung cannot be left out here; I saw his work “Men Don’t Cry” in Berlin. His image shows one of the men from Bosnia-Herzegovina, traumatized by torture, with his cows in a mist-shrouded landscape.
I was deeply moved by the image by Fred Hüning, whom I know mainly from Instagram. It is the stark antithesis of the tough-as-nails cowboy myth. A gray-haired man is stroking a gray-maned, lying-down white horse. You can literally feel the bond between the two.
On the next page, a small-format photo shows three men, three generations. It comes from the series “Fathers and Sons” by Peter Wieler. This image reminds me of a three-generation photo in which I sit between my son and my now-deceased father, and of the fact that notions of masculinity are sometimes passed down from one generation to the next entirely without words—unless we can at least observe our own behaviour and consciously break away from these patterns.
Anja Weber aus Stuttgart photographiert queeres Leben. Sie zeigt in der Taz ein Bild aus ihrer Serie „California Men“ und sagt, dass sie vor allem das Begehren interessiert, dass sich in der Inszenierung von Männlichkeit zeigt.
Rainer Christian Kurzeder zeigt ein Bild in dem er als kleiner Junge gehalten von seinem Vater irgendwo an einem italienischen Strand steht und Wasser aus einem Eimer gießt. Das Bild atmet die analoge Farbigkeit des letzten Jahrhunderts. In seinem Projekt „Beyond the Silence“ geht es um queere Söhne und ihre Väter. Es ist bis 21.6. im Haus am Kleistpark in Berlin zu sehen. Auch hier habe ich ein Bild aus meinem eigenen frühen Leben gefunden, das auch eines der Dinge enthält, die ich sozusagen durch die Vatermilch eingesogen habe: den Wert echter Männer-Freundschaft.
Anja Weber from Stuttgart photographs queer life. In the Taz, she features a photo from her series “California Men” and says that she is particularly interested in the desire that manifests itself in the performance of masculinity.
Rainer Christian Kurzeder presents a photo in which he, as a young boy, is held by his father somewhere on an Italian beach and pours water from a jug. The image exudes the analog color palette of the last century. His project “Beyond the Silence” focuses on queer sons and their fathers. It is on view until June 21 at the Haus am Kleistpark in Berlin. Here, too, I found a picture from my own early life that also captures one of the things I absorbed, so to speak, through my father’s milk: the value of genuine male friendship.
Das nächste Bild von Dennis Yenmez hat es tatsächlich geschafft meine Wahrnehmung zu verunsichern. Im Zentrum steht ein Aschenbecher, von rechts greift eine Hand ins Bild, die ich zunächst als männlich wahrnehme, bis ich die Zigarette sehen nach der gegriffen wird. Ihr Filter ist mit Lippenstift verschmiert. Als der Blick zum Handgelenk schweift, nimmt er ein breites Perlenarmband wahr und bekommt das erstmal alles nicht zusammen. Erst als ich erfahre, dass es in der Serie „Das andere Ich“ um Trans-Menschen geht sortiert sich die Wahrnehmung.
The next image by Dennis Yenmez actually managed to throw my perception off balance. In the center is an ashtray; from the right, a hand reaches into the frame—one I initially perceive as male—until I see the cigarette it’s reaching for. Its filter is smeared with lipstick. As my gaze drifts to the wrist, I notice a wide pearl bracelet and can’t quite make sense of it all at first. It’s only when I learn, that the series “Das andere Ich” (“The other I”) is about trans people, that my perception falls into place.
Bei manchen Bildern kann ich nicht andocken. So z.B. bei den Wrestlern die Jens Gyarmaty in der Umkleide zeigt. Die kommen in meiner Helden-Galerie nicht vor. Oder aber Bettina Flitner deren Arbeit „Freier-Frauen-Orte“ ich sehr bewundere, auch wenn das Thema Sex gegen Geld in meinem Leben nie eine Rolle gespielt hat. Sophie Kirchner zeigt in ihrer Serie „Bleiben“ Portraits von Männern, die nicht in den goldenen Westen geflohen sind. Sie versucht so gegen Klischees und Vorurteile anzugehen.
Es ist ja nicht so, dass sonst in der Taz (die ich im Übrigen erst abonniert habe seit sie zur Wochenzeitung mutiert ist) keine Bilder vorkommen. Trotzdem habe ich mich gefreut, dass hier Kunstschaffende angefragt wurden, die sich mit den verschiedensten Aspekten des Themas Männlichkeit auseinandergesetzt haben. Über die ebenso anregenden Artikel zum Thema möchte ich hier nicht auch noch anfangen meinen Senf auf das vegane Leberwurstbrot zu schmieren. Es reicht vielleicht anzumerken, dass wir uns an einem wunderschönen Früsommertag auf der Hochebene des Hofguts Einsiedel (siehe Titelbild) auch darüber unterhalten haben, wie diese Selbst- und Fremdbilder über die Generationen durchgereicht werden und wie wir versucht haben und versuchen diese nicht an unsere Söhne (und Töchter) weiterzugeben. Ob das gelungen ist, werden wir vielleicht gar nicht mehr erfahren.
There are some images I just can’t get behind. For example, the wrestlers that Jens Gyarmaty shows in the locker room. They don’t appear in my gallery of heroes. Or Bettina Flitner, whose work “Freier-Frauen-Orte” (Punters-Women-Places) I greatly admire, even though the topic of sex for money has never played a role in my life. In her series “Bleiben” (“To Stay”), Sophie Kirchner presents portraits of men who did not flee to the golden West. In this way, she seeks to challenge clichés and prejudices.
It’s not as if there are no other pictures in the Taz (which, by the way, I’ve only subscribed to since it became a weekly). Still, I was pleased that artists were approached here who have explored the most diverse aspects of the theme of masculinity. I don’t want to start adding my two cents to the already stimulating articles on the subject here. Perhaps it suffices to note that on a beautiful early summer day on the plateau of the Hofgut Einsiedel (see cover photo), we also discussed how these self-images and external perceptions are passed down through the generations, and how we have tried—and continue to try—not to pass them on to our sons (and daughters). Whether we’ve succeeded, we may never know.
Translated with the help of DeepL.com
Discover more from www.photo-philosophy.net
Subscribe to get the latest posts sent to your email.