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Vaterland

Bilder von Agata Grzybowska und Jörg Colberg

Manchmal kommen Dinge zusammen und man fragt sich, ob die Coinzidenz (C.G. Jung spricht. hier von Synchronizität) in der Welt ist, oder nur im Geist stattfindet. Da kann man sich dann gleich fragen, ob es überhaupt etwas gibt, was “außerhalb “des Geistes existiert. Eine Frage die die Verfasser des Langkawatara Sutra im vierten Jahrhundert schon klar mit nein beantwortet haben. Aber lassen wir das.

Ich war im Kino und habe mir den Film „Vaterland“ von Pavel Pawlikowski angesehen. In sehr verdichteter Form schafft er es, diese farblose Zeit nach dem Zusammenbruch des Wahngebildes des deutschen Faschismus vorzuführen, und im Keim schon die ganze zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Ost-West-Spaltung anzudeuten. Ich finde, ein sehr aktueller Film, der mir noch mal vor Augen geführt hat, dass ich mir Jahrzehntelang etwas vorgemacht habe, indem ich dachte, das Kapitel des Faschismus sei abgeschlossen. Kaum ist wieder Krise, kriecht er schon wieder aus den dunklen Ecken in denen er, von mir unbemerkt (oder verdrängt) weitervegetiert hat.

Was ich nicht mehr ganz auf die Pfanne hatte, ist, dass ich mir, nachdem ich mich, im Rahmen meiner Suche nach Plattformen, auf Patreon mit Jörg Colberg auseinandergesetzt hatte, sein Buch „Vaterland“ bestellt habe. Ein sehr schönes Buch. Ein trauriges Buch. Und wie der oben erwähnte Film in schwarz-weiß gehalten oder, um genau zu sein, in Grau.

Auch Colbergs Antrieb, dieses Buch mit vielen Bildern und wenig Text zusammenzustellen, verdankt sich dem Entsetzen, angesichts des Wiederauflebens der lebensfeindlichen Ideologie des Egoismus, des Fremdenhasses und der Ablehnung jeglichen Andersseins. Das einzige Hoffnungselement in diesem Buch sind die Portraits.

Wenn ich mich Frage, was Vaterland für mich bedeutet kommt erstmal gar nichts. Die Muttersprache ist klar Deutsch, ohne Frage, auch wenn ich alles was Spiritualität oder Transzendenz betrifft lieber auf Englisch höre oder lese. Aber ein Vaterland kann ich nicht dingfest machen. Mein Vater lebte als Kind in Siebenbürgen (Rumänien) 1939 bis 1945 in Deutschland und den von Deutschen besetzten Gebieten, 1945 bis 1969 wieder in Rumänien und von 1969 bis zu seinem Tod 2023 in Reutlingen. Aber sein Vater und dessen Vorfahren waren seit mindestens vier Generationen (weiter konnten wir das nicht zurückverfolgen) In Siebenbürgen zu Hause und hatten es wohl alle als ihr Vaterland bezeichnet. Vaterland eben als das Land der Väter (nicht des Vaters). Das hat eine Nähe zu “patria“, was er mir auch Heimat bedeutet.

Obwohl ich in meiner Geburtsstadt Hermannstadt, bei meinem Besuch letztes Jahr ein Gefühl von Vertrautheit verspürt habe, würde ich es nicht als Heimat beschreiben. Noch viel weniger das Land zu dem diese Stadt jetzt gehört. Kommt dazu, dass in diesem speziellen Fall, auch die deutschsprachliche Minderheit, in die ich hineingeboren wurde, dort nicht mehr (oder nur noch in Form von Spuren) existiert. Ich kann aber auch gut leben, ohne mich dahingehend genau einordnen zu müssen oder zu wollen.

Wenn ich mich umschaue, stelle Ich aber fest, dass für viele Menschen mittlerweile im globalisierten Kapitalismus irgendeine Form von Zugehörigkeit für ihre Identität zwingend zu sein scheint. Ob das jetzt eine Minderheit ist, zu der man sich zugehörig fühlt oder eine der neuen religiösen Bewegungen, die Heimat in der Gemeinschaft anbieten oder ganz einfach und dumm die Identifikation mit den Nationalstaaten, in denen man lebt– Hauptsache Zugehörigkeit. Dummerweise haben das auch rechtsnationale Akteure für sich entdeckt und schaffen es über “content marketing ” große Gruppen von Menschen an sich zu binden. Das ist eine Entwicklung, mit der ich überhaupt nicht einverstanden bin. Wenn ich daran denke, erfüllt mich ein Gefühl das irgendwo zwischen Trauer und Eckel angesiedelt ist.

Luftbild von Hermannstadt

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2 Comments

  1. Gerda

    Schöner Beitrag. Übrigens finde ich den Versuch, eine Identifikation und künstlichen Patriotismus über Feindbilder und sog. „Wertegemeinschaften“ zu schaffen ( NATO-EU), gefährlicher als die herkömmliche Identifikation mit der eigenen Volksgruppe.

    • Rolf Noe

      Wenn es im Sinne einer Werschätzung der Väter, von mir aus der Ahnen geschieht dann bin ich einverstanden. Wenn es allerdings wie Serben gegen Kroaten oder Türken gegen Griechen, inder gegen Pakistanis etc. läuft dann ist das mit der Volksgruppe auch nicht mehr das Wahre…

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