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Warum ich Bilderserien mache – Teil 1

Bilder sind wirkmächtig. Es gibt Bilder, die stehen für eine ganze Epoche. Das Bild des nackten weinenden Mädchens, das aus einem brennenden Dorf flieht, steht für den Vietnamkrieg. Das Bild mit den sechs Soldaten, die gemeinsam einen Mast mit der amerikanischen Flagge auf der Insel Iwo-Jima aufrichten, steht für die siegreiche Offensive der US Armee im Pazifik. Und der Soldat, der auf dem Brandenburger Tor die rote Fahne der Sowjetunion befestigt ist auf dem ikonischen Bild zu sehen, das den Sieg der Roten Armee über Hitler-Deutschland symbolisiert.  Es gibt viele Beispiele mehr, die man nennen könnte. Solche Bilder wühlen uns auf, sie erzählen Geschichte und sie machen Geschichte. Es sind Reportagebilder, ihr Kontext ist eindeutig zuzuordnen. Doch es ist Vorsicht geboten. Die Einzelbilder zeigen mitunter nicht das, was man in ihnen sieht.

Ein einzelnes Bild kann zwar eine Geschichte erzählen, aber es kann nicht die Realität zeigen und schon gar nicht die Wahrheit. Denn die Realität, und noch viel mehr die Wahrheit, sind sehr vielschichtig. Man kann sich ihnen nur schrittweise – in diesem Zusammenhang bildweise – nähern. Eine Serie kann verschiedene Aspekte eines Gegenstandes zeigen, verschiedene Facetten der Wirklichkeit, ein Objekt aus unterschiedlichen Perspektiven umkreisen. Dadurch wird das Dargestellte deutlicher und leichter begreifbar. Zudem entwickelt eine Serie ihre eigene Dynamik. Es bilden sich in ihr Anziehungskräfte, die die Bildfolge zusammenhalten. Indem die einzelnen Bilder eingebunden sind, entwickeln sie weniger starke Eigenkräfte. Anstatt seine eigene Realität zu schaffen, dient jedes Bild der Realität der Serie.

Es kommt bei mir noch hinzu, dass ich versuche, stets einen gewissen Respekt vor dem zu bewahren, was ich ablichte. Für mich ist das Sichtbare nicht Rohstoff für meine „Kunst“. Mein Bemühen ist es, die unsichtbaren oder übersehenen Aspekte des Sichtbaren zu zeigen. Und da diese Aspekte vielseitig sind, reicht ein einzelnes Bild zumeist nicht aus. Wenn man so will ist meine Fotografie eine Verbeugung vor dem Sichtbaren. Und natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass eine Serie von Bildern, trotz allen Bemühens letztendlich ebenfalls nur eine Annäherung bleiben wird.

 

Why am I making series of pictures? Part 1

Pictures can be powerful. We all know pictures that stand for a whole epoch. A crying girl, fleeing naked from a burning village with armed soldiers in the background is immediately associated with the cruelty of the US-Army in the Vietnam war. US-Marines raising the star spangled banner over Iwo-Jima show the victory of the US troops in the Pacific during WWII. A Russian soldier installing the Red Flag atop the Brandenburger Tor in Berlin signifies the downfall of Hitler Germany. There are many more examples that could be shown. Such stirring pictures are telling stories and they make history. Usually they are made by professional reporters. Their context can be easily identified. But be cautious. Those pictures not always show what we see in them.

A single picture can tell a story, but can it show reality or even the truth? Reality and much more so truth are complex. One can approach them only step by step – or as it were – picture by picture. A series of pictures can show different aspects of realty. It can circle an object and take different perspectives. Therefore, a series is showing things more clearly and whole. Additionally, a series of pictures is developing a dynamic of its own. Centripetal forces develop holding the series together. The pictures in a series are connected by topic, style and technique. So they have less centrifugal power. Instead of each one creating their own reality they all serve the reality of the series.

Serial photography to me supports my tendency to respect the things and people I take pictures of. The visible world to me is not just raw material for my pictures. I want to show the overlooked and unseen aspects of the visible. And as these aspects are numerous, a single picture rarely is enough to show them. If you may in my photographs I pay reverence to the visible reality.

And of course, I am aware that even a series of pictures is finally no more than an attempt to come close to reality.

 

Der Weg des Bambus

 

1 Comment

  1. Rolf Noe

    Einen Aspekt würde ich noch gerne zu den `ikonischen´ Bilder, die Du am Anfang deines Beitrages zitierst hinzufügen. Viel mehr noch als eine Geschichte transportieren Sie eine empotional eingefäbte Weltsicht oder Weltanshauung. Berühmt werden Sie weil Sie es schaffen diese Anschauung in einem Bild anschaubar zu machen zu einem Zeitpunkt an dem diese Weltsich die Oberhand hat. Dabei ist es unerheblich ob die echte Geschichte auch in diese Richtung lief oder ob noch ein wenig nachgeholfen werden musste. Es dauert oft Jahre bis Jahrzehnte bis die wirklichen Produktionsbedingungen in den Blick genommen werden können. Weitere Beispiele hierfür sind die “Madonna des new deal” (wird noch Thema werden) und R. Capas D-day Bild. Dazu hier mehr: http://www.nearbycafe.com/artandphoto/photocritic/2014/12/06/alternate-history-robert-capa-on-d-day-18/

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