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Warum Photographieren Sie Tankstellen? / Why do you take pictures of gas stations?

Ein Interview mit Harald Spies

Interviewer(IN): warum photographieren Sie?
Harald Spies (HS): Genau, das ist die Frage. Warum fotografieren wir?
IN: Um zu gefallen?
HS: Ja, doch, ich habe schon Fotos gemacht, die gefallen sollen. Aber man hat immer ein Bündel von Gründen, warum man etwas tut oder nicht.
IN: Ich photographiere weil mein Vater auch schon photographiert hat.
HS: Seltsam, auch mein Vater hat fotografiert. Aber ich habe seit Jahrzehnten nicht daran gedacht. Für mich war es immer faszinierend, etwas im Bild festzuhalten.
Das ist auch noch immer ein Hauptgrund für mich. Aber daneben gibt noch eine Vielzahl weiterer Gründe. Gründe zweiter und dritter Ordnung, gewissermaßen.
Dazu zählen auch die Eitelkeit und der Wunsch nach Anerkennung. Und es ist eine unstillbare Neugier, die mich antreibt. Dinge zu entdecken und neu zu sehen.
Und der ehrliche Wunsch, das Gefundene mit anderen Menschen zu teilen.
HS: Und jetzt muss ich los, Tankstellen fotografieren.
IN: Grüßen Sie ihre Models – Ach ja, was bedeuten für Sie Tankstellen?
HS: Ich suche und zeige das Schöne in Dingen, die man nicht als schön kennt.
Darüber hinaus haben Tankstellen für unsere Kultur eine wichtige aber nicht wahrgenommene Funktion. Sie sind uns so selbstverständlich und vertraut, dass sie nicht bewusst wahrgenommen werden. Sie sind gewissermaßen unsichtbar. Erst als ich sie fotografiert habe, also auf dem Bild, habe ich gesehen, dass sie alle unterschiedlich sind Und dass richtige Schönheiten darunter sind. Als Autofahrer schaut man nur auf den aktuellen Spritpreis.
IN: Verkaufsstellen für die Droge Geschwindigkeit?
HS: Sie sind ein widersprüchliches Sinnbild für Freiheit und Abhängigkeit.
IN: Ich finde die „blauen“ Lagunen am schönsten
HS: Ja, der Planet Aral strahlt so mysteriös…
IN: Tankstellen als „Leidenschaft“
HS: Nein, das Fotografieren von Tankstellen ist nur ein Projekt für mich, für das ich mir bestimmte formale Vorgaben festlege. Und daneben gibt es natürlich auch noch andere Projekte.
IN: Wie muss man so ein Bild gestalten, damit es interessant wird?
HS: Ich habe jetzt alle 28 Pforzheimer Tankstellen fotografiert. Aber nur ca. 10 der Bilder entsprechen meinen Vorstellungen zu 100%. Also mache ich weiter, bis ich alle so habe, wie ich es genau will: in der Blauen Stunde, mit eingeschalteter Beleuchtung und leer.
IN: Ich habe mir die Tage Ihre Tankstellen-Serie intensiv angeschaut. Ich habe da noch eine Frage: ich sehe wenig Leben in den Bildern. Das ist bis auf ein bis zwei kleine Ausnahmen durchgängig. War das so beabsichtigt? Und wenn ja, was ist die Intention dahinter?
HS: genau das ist die Absicht. Wo Leute oder KFZ zu sehen sind, das sind Ausrutscher. Die Absicht ist, alles wegzulassen, was von der Form der Tankstelle ablenkt. Nebeneffekt ist ein Gefühl ähnlich wie in den Bildern von Hopper.
IN: Als ob die Tankstellen auf etwas warten würden?
HS: …was Sie ja auch tun.

An interview with Harald Spies

Interviewer (IN): why are you photographing?
Harald Spies (HS): That’s the question. Why are we taking pictures?
IN: To please?
HS: Well, yes, I have already taken pictures that  were meant to please. But you always have a bunch of reasons why you do something or not.
IN: I take pictures because my dad already took pictures.
HS: Strange, my dad took pictures as well. But I have not thought about it for decades. For me it has always been fascinating to capture something in the picture.
That is still a main reason for me. But there are many other reasons as well. Reasons of a second and a third order, in a sense.
These include vanity and the desire for recognition. And it’s an insatiable curiosity that drives me; to discover things and to see new things.
And the honest desire to share what I found with other people.
HS: And now I have to go and photograph gas stations.
IN: Greet your models – Oh yeah, what do gas stations mean to you?
HS: I search and show the beauty in things that you do not recognise as beautiful.
In addition, gas stations have an important but unperceived role in our culture. They are so natural and familiar to us that they are not consciously perceived. They are virtually invisible. It was only until I photographed them, in the picture, that I saw that they are all different and that there are real beauties among them. As a driver, you only look at the current fuel price.
IN: outlets for the drug speed?
HS: They are a contradictory symbol of freedom and dependence.
IN: I think the “blue” lagoons are the most beautiful
HS: Yes, the planet Aral is so mysterious …
IN: petrol stations as “passion”?
HS: No, photographing gas stations is just a project for me, for which I set certain formal requirements. And of course there are other projects as well.
IN: How do you have to compose such a picture to make it interesting?
HS: I have now photographed all 28 Pforzheim gas stations. But only about 10 of the pictures correspond to my ideas to 100%. So I keep going until I’ve got everything the way I want it: in the Blue Hour, with the lights on and empty.
IN: One of these days I have looked at your gas station series intensively. I have one more question: I see little life in the pictures. This is consistent except for one or two small exceptions. Was that intended? And if so, what’s the intention behind it?
HS: that’s the intention. Where people or cars can be seen, these are slip-ups. The intention is to omit everything that distracts from the shape of the gas station. Side effect is a feeling similar to the pictures of Hopper.
IN: As if the gas stations would wait for something?
HS: … what they do, indeed.

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Aral-Tankstelle Lochäckerstraße Pforzheim 2

1 Comment

  1. Rolf Noe

    Ein Fundstück zur Ergänzung. Susan Sonntag zitiert in ihrem
    Buch “Über Fotografie” (1980) John Szarkowski, der …Tankstellen,
    leere Wohnzimmer und ähnlich öde Motive als `Musterbeispiele für
    Zufälligkeiten im Dienste der Fantasie´ bezeichnet haben soll.

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