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Was Photographen glauben / What photographers believe

Susan Sonntag stellt sich in dem Essay „ Fotografische Evangelien“ (in `Über Fotografie´, 1980) auch die Frage warum in den Rechtfertigungen der Photographie  das Misstrauen gegen den Intellekt ein häufig wiederkehrendes Element darstellt. Sie stellt zwar fest, dass es durchaus auch Photographen gibt, die ihr Tun einen `klaren präzisen Akt des Wissens´  ansehen, führt aber zugleich unzählige Beispiele auf wo das photographieren als `vorintellektueller, intuitiver Akt´ verteidigt wird. Es wird zwar oft zugestanden, dass eine Vorstellung  des zu machenden Bildes schon im Kopf vorhanden sein muss, bevor ein gutes Bild entstehen kann, aber beim Photographieren soll man sich dann ganz seiner Intuition überlassen.

Interessant ist, dass wir diese Erklärungen und Rechtfertigungsstrategien, die Susan Sonntag von ambitionierten und professionell arbeitenden Photographen des 19ten und 20ten Jahrhunderts zusammen getragen hat, heute noch (oder wieder) in den Begründungen wieder finden, die Amateur-Photographen zu der Frage abliefern, warum sie photographieren. Man schaue sich nur auf den unzähligen Photographen-homepages im Internet die Abteilung  „Meine Philosophie“ oder „Warum ich fotografiere“ an.  Das sind dann oft authentisch empfundene aber wenig reflektierte Begründungen. Und Sie kreisen um dieselben Themenkreise,  die schon in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erstmals thematisiert wurden.

Wie zum Beispiel die Frage der Aggressivität des Photographischen Aktes. Anselm Adams hat in diesem Zusammenhang den Vorschlag gemacht nicht mehr „take photos“( Bilder schießen) sondern „make photos“ (Bilder machen) zu sagen. Die Einen folgen ihm und beschwören die „Unschuld“ der Photographie und die Anderen bekennen sich zu diesem räuberischen Akt, den man heute am deutlichsten in der sogenannten „street photography“ wiederfindet, wo es in der Regel verpönt ist vorher um Erlaubnis zu fragen da dadurch nur der natürliche Ausdruck verloren gehen würde (Beispielbilder unter `Schnappschüsse´).

Eine andere Glaubensfrage in der Photographie ist, ob sie der Dokumentation dienen soll oder dem künstlerischen Ausdruck. Hier ist vor allem die Kontroverse um „künstlerische Photographie“ interessant, die schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts in der Amerikanischen Photographie ausgetragen wird (Sarah Meister „Not Necessarily Art: Nineteenth-Century American Photographs“ in Photography at MoMA). Seither wird immer wieder darum gestritten was das eigentliche Wesen der Photographie sein soll, oder man bezieht  Stellung,  indem man sich auf die eine oder andere Seite schlägt. Es geht letztlich um die Frage wie wichtig der Autor für das Ergebnis ist. Auf der einen Seite sind die Anhänger des Selbstausdrucks für die jedes Bild auch ein Bild über den Photograph ist (“Tatsächlich sind alle Fotografien Selbstportraits” >Elizabeth Opalenik<)  und auf der anderen Seite Leute wie Moholy-Nagy,  die das Ideal vertreten der Photograph solle sich so gut es geht unsichtbar machen um dem Motiv zur Geltung zu verhelfen.  Es geht um Realismus, d.h. die Welt so zu zeigen wie sie ist  oder darum, die Welt zu enthüllen, Sie so zu zeigen, wie sie bisher noch nicht gesehen wurde.

Dieser Gegensatz spiegelt sich dann auch noch auf der technischen Ebene in Fragen wie der nach den Möglichkeiten malerischer Unschärfe oder dem Bekenntnis zu möglichst durchgehender Schärfe. Oder ganz krass bei der Frage der Zulässigkeit von nachträglichen Manipulationen, die von den Anhängern der Dokumentarischen Fotografie extrem verneint wird (siehe z.B. Hier) wohingegen viele Anhänger der künstlerischen Photographie so freizügig von den tollen Möglichkeiten von Photoshop & co. Gebrauch machen, dass man sich manchmal fragt, wozu das alles dienen soll?

Durch die Erweiterung der Möglichkeiten der Photographie (siehe hier im blog ) hat sich natürlich auch das Feld der Auseinandersetzungen erweitert. Auf die Beispiele `HDR´ und `Focus-Stacking´ werden wir vielleicht noch zu sprechen kommen.

Für uns Photographen im Amateur-Bereich aber letztlich für Jede*n, der die Kamera in die Hand nimmt stellt sich die Frage, wo in diesem Spannungsfeld wir uns positionieren wollen und wenn wir uns positionieren, ob wir dem dann auch gerecht werden können /wollen?

 
 

Susan Sonntag asks in the essay `Photographic Gospels´ (in ‘About Photography’, 1980) why in the justifications of photography, distrust of the intellect is a frequently recurring element. While she notes that there are photographers who view their actions as a ‘clear, precise act of knowledge’, she also gives countless examples where photography is defended as a ‘pre-intellectual, intuitive act’. Although it is often acknowledged that an idea of the image to be made must already be present in the mind before a good picture can emerge, but when photographing you should then completely let intuition take over.

It is interesting to note, that these explanations and justification strategies, which Susan Sonntag has brought together by ambitious and professional photographers of the 19th and 20th centuries, are still (or again) found in the reasons that amateur photographers prompt when asked why they take pictures. Just look at the countless homepages of photographers on the Internet for “my philosophy” or “why I take pictures”. These are then often authentically felt but little reflected justifications. And they revolve around the same topics that were first discussed in the first half of the twentieth century.

Such as the question, of the aggressiveness of the photographic act. In this context Anselm Adams suggested not to say “take photos” any more but “make photos”. Some follow him and conjure up the “innocence” of photography and the others are committed to this rapacious act, which is most clearly found today in the so-called “street photography”, where it is usually frowned upon to ask permission beforehand because the natural expression would be lost then(sample images under `snapshots‘ ).

Another question of faith in photography is, whether it should serve as documentation or as artistic expression. Of particular interest here is the controversy surrounding “artistic photography,” which was already discussed in American photography at the end of the nineteenth century (Sarah Meister “Not Necessarily Art: Nineteenth-Century American Photographs” in Photography at MoMA). Since then, there has been a constant dispute over what the actual nature of photography is supposed to be, or one takes a position by taking one side or the other. It is ultimately about the question of how important the author is for the result. On the one hand, there are the followers of self-expression, for whom each image is also an image of the photographer (‘In fact, all photographs are self-portraits’> Elizabeth Opalenik) and, on the other hand, people like Moholy-Nagy, who represent the ideal of the photographer should make himself as invisible as possible to help the motive to show. It’s about realism or not, which means to show the world as it is, or to reveal the world, to show it as it has never been seen before.

This contrast is then also reflected on the technical level in questions such as the possibilities of painterly blurring or the commitment to maximum sharpness. Or quite blatantly on the question of the admissibility of subsequent manipulation, which is extremely negated by the supporters of documentary photography (see for example) whereas many supporters of artistic photography are so generously taking advantage of the great possibilities of Photoshop & co. that sometimes one wonders what this is all about?

By expanding the possibilities of photography (see in this blog) the field of disputes has of course also broadened. We may come back to the examples ‘HDR’ and ‘Focus Stacking’.

For us photographers in the amateur field, but ultimately for anyone who takes the camera in the hand, the question arises, where in this field of tension we want to position ourselves and if we position ourselves, if we can/want to then justify our choice?

Die Autoren betrachten Photographien auf der hervorragend kurratierten biennalen Fotoausstellung in Königsbach-Stein. Bild von ab.stract. Im neuen fotoespresso ist ein Artikel über das `making of´ von Jürgen Gulbins.

4 Comments

  1. Harald S.

    Um mal von hinten anzufangen: die letzte Frage hat schon etwas Hnterlistiges – ob wir den eigenen Ansprüchen und der gewählten Positionierung gerecht werden können. Meiner Meinung nach wird dies in vielen Fällen ein stetes Bemühen bleiben. Aber dennoch ist die Frage nach der eigenen Positionierung als Fotograf schon wichtig.

    Die Berufsfotografie ist ja rein rechtlich ein Handwerk. Es gibt eine entsprechende Ausbildung und man kann den Meistergrad erlangen. Mit Kunst hat das erstmal nichts zu tun. Dann gibt es die akademische Ausbildung von Fotografen, als Zweig der Kunst. Da ist die Positionierung eindeutig. Und dann gibt es sehr viele Hobbyfotografen, die sagen, sie machen das alles aus Spaß und die Amateure, von denen einige sagen, dass sie nicht zum Spaß fotografieren. Diese Aufzählung ist natürlich nicht vollständig.

    Wenn ich mich im Universum der Fotografie verorten soll, wird es ein Bisschen schwierig. Der Grund ist einfach der, dass ich noch nicht endgültig angekommen bin. Ich fühle, dass ich auf dem Weg bin, aber ich kann gar nicht sagen, wohin mich der schließlich führen wird. Dieser eingeschlagene Weg ist für mich jedoch deutlich erkennbar, besser noch, erspürbar. Denn mir kommt es fast so vor, als ginge ich diesen Weg blind – tastend und stolpernd. Wenn ich beispielsweise versuche, so zu fotografieren, wie ich etwa noch vor einem Jahr fotografiert habe, dann regt sich in mir ein deutlicher Widerwille. Ich fühle mich nicht mehr frei, alles zu fotografieren, was mir unvorsichtigerweise vor die Linse kommt. Genau so habe ich eine deutlich positive innere Rückmeldung, wenn ich mich auf diesem Weg voranbewege, etwa mit diversen Foto-Projekten.

    Wo siedle ich meine gegenwärtige Fotografie an, zwischen Kunst und Dokumentation? Auch das ist nicht einfach zu beantworten. Einerseits sind die meisten meiner momentanen Bilder eher objektiv zu nennen. Aber ich habe neben dem Dokumentarischen mehrere Anliegen. Ich will den Blick der Betrachtenden auf Übersehenes und Vergessenes lenken, will dazu einladen, genauer hinzusehen, will dazu anregen, neu und ungewohnt zu sehen. Dabei geht es mir überhaupt nicht um Effekte wie ungewöhnliche Perspektiven oder sonstige Tricks. Mein persönlicher Anspruch an Kunst ist, sie muss mir die Welt neu zeigen, meine Sichtweise erweitern. In diesem Sinne ist das, was ich mache, auch Kunst.

    • Harald S.

      Interessantes Zitat aus dem verlinkten Artikel

      If photography is not about recreating the ubiquitous, but rather about showing something new — this becomes more and more difficult to achieve in an age of mimicry, the proliferation of social media, and the strive for “likes.”

      Wenn es bei der Fotografie nicht darum geht, das Allgegenwärtige zu wiederholen, sondern etwas Neues zu zeigen, wird dies in Zeiten der Nachahmung, der Verbreitung sozialer Medien und des Strebens nach „Likes“ immer schwieriger.

      Kathy Petitte Novak und Brytton Bjorngaard, University of Illinois at Springfield (NOT Home of the Simpsons)

      • Rolf Noe

        Mein Lieblingszitat ist folgendes:

        Photos are “part of a system of information” (Sontag⁸) in which meaning is constructed within complex configurations of how we understand and value the world. The student of photography is well advised to build a foundation of knowledge based on an understanding of the socio-historical construction of meaning, to make oneself aware of the connotative meanings and the broader social values and cultural concepts wrapped up in the practice of photography.

        Photos sind “Teil eines Systems von Informationen” (Sonntag) in welchem Bedeutung in komplexen Konfigurationen des Weltverständnisses und der Weltbewertung konstruiert wird. Der Photo-Student ist gut beraten, sich eine Grundlage an Wissen anzueignen, das auf dem Verständniss der sozialgeschichtlichen Konstruktion von Bedeutung fußt um sich selbst die connotativen Bedeutungen und die breiteren sozialen Wertee und kulturellen Konzepte bewußt zu machen, die in der Praxis des photographierens beinhaltet sind.

        – ein Thema auf das wir sicher noch zu sprechen kommen werden.

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