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Weniger ist die Botschaft / Less ist the message

Die Blende einer Kamera und die Pupille sind nicht dazu da, Informationen hereinzulassen, sondern dazu, welche auszublenden.

K.C.Cole

Dass das Medium die Botschaft sei (siehe dort), sei in diesem Zusammenhang mal als Basis angenommen. Aber darüber hinaus muss doch die frage gestellt werden, worin eigentlich der Anteil des Photographen an der Botschaft zu suchen sei. Der Apparat mit seinen Möglichkeiten und Einschränkungen tut das seine, die Welt steht Modell. Aber wenn man einmal diesseits von Bildbearbeitung überlegt, was der subjektive Anteil an einem Bild denn sei, kommt man auf ein paar scheinbar triviale Funktionen, in denen es sowas wie eine freie Wahl zu geben scheint. Operationen die es scheinbar erlauben, über das reine Abbilden des Vorgefundenen hinaus so etwas wie  einen subjektivem Anteil in der Botschaft unter zu bringen.

Nina Baur und Patrik Budenz arbeiten in ihrem Artikel „Die Differenz zwischen Bild und Wirklichkeit und die Rolle der Subjektivität des Fotografen“ in dem Band „Fotografie und Gesellschaft“ herausgegeben von Thomas S,. Eberle heraus, worin – über den einfachen Knipser hinaus- der Spielraum für den Ausdruck des Photographen besteht. Der Rahmen für diesen Spielraum wird durch die technischen Möglichkeiten des Apparates gesteckt zu dem -wenn man Flusser Definition folgt- eben auch zeitgeschichtlich und kulturell geprägte Sehgewohnheiten und Vorlieben gehören.

Zu den mächtigsten Ausdrucksmöglichkeiten, schon in der frühen Photographie, gehören Inszenierung und Retousche. Das wußte auch Hippolyte Bayard schon 1840. Er erstellte ein Bild das Ihn als Ertrunkenen zeigt . Er wollte damit darauf hinweisen dass die anderen beiden „Erfinder der Photographie“ deutlich mehr Beachtung fanden als er selbst.

Die Retusche wurde immer schon eingesetzt, um unliebsame Bildelemente zu eliminieren. Heute sind die Möglichkeiten der Bildbearbeitung so groß,. dass Sie den Wert von Photos als Dokument  ernsthaft erschüttern.

Vielleicht das mächtigste Mittel neben der Wahl des Zeitpunktes einer Aufnahme ist die Wahl des Ausschnittes.  Ein Mensch kann von einem Augenblick zum Anderen seinen Gesichtsausdruck, seine Gestus und sein Haltung komplett verändern. Die Entscheidung wann auf den Auslöser gedrückt wird ist also höchst subjektiv.

Mit der räumlichen Fokussierung lässt sich die idyllische  Baumgruppe von der daneben liegenden Müllkippe isolieren oder umgekehrt. Erst heute kommt zum Teil raus, wie sehr in der sozialdokumentarischen Photographie der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts damit selektiv wirkungsvolle Motive erstellt wurden.

Mit der Wahl der Brennweite des Objektives wird nicht nur die Distanz zum Objekt berücksichtigt, sondern man erzeugt damit auch ein dramatisch unterschiedlicheres Verhältnis von Vorder-, Mittel- und Hintergrund eines Bildes. Mit einem Tele aufgenommene Gebäude scheinen förmlich aufeinander zu hocken während weiter Brennweiten ihnen mehr Abstand voneinander gewähren.

Mit der Wahl des Tiefenschärfebereiches lenkt der Fotograf die Aufmerksamkeit des Betrachters auf eine bestimmte Bildebene und gibt dem Bild mehr oder weniger Tiefe.

Schließlich kann auch noch die Wahl der Farbgebung dem Bild eine subjektive Botschaft mitgeben. Die bekannteste Möglichkeit ist die Umwandlung in Schwarzweißbilder – oder genauer – in Graustufenbilder. Durch das Weglassen der Farben kann die Aufmerksamkeit wirkungsvoll auf Lichtwirkungen gelenkt werden wie die Bilder von Klaus Digel in unserer Gastgalerie eindrücklich zeigen.

Was ist diesen Ausdrucksmitteln der Photographie eigentlich gemein? Alle sind vom Prinzip her Selektionen oder Reduzierungen; ein Zeitpunkt wird aus dem Zeitstrom extrahiert, ein Raum-Ausschnitt ins Visier genommen, Nähe und Distanz reguliert, entschieden welche, wie tiefe Ebene scharf sein soll und wie viel Farbinformationen das Bild enthalten soll.  Die Aussage des Bildes entsteht also durch eine weniger, dadurch dass etwas ausgeblendet wird und nicht durch etwas was dem Bild hinzugefügt wird.

Dazu kommen noch die Bildretusche und –manipulation. Damit haben wir im Wesentlichen schon die Spielräume, die uns der Apparat lässt und die wir mehr oder weniger intensiv nutzen, um etwas zum Ausdruck zu bringen.

Wäre da nicht auch noch der ganze Bereich der kulturell-visuellen Prägung und der Sehmoden, wäre das ja auch ein ganz schöner Spielraum, der uns als Photographen bliebe. Aber wir wählen daraus ja wiederum gemäß unseren Sehgewohheiten und Vorlieben einen kleinen Teil des Möglichen so aus, dass es uns oder einem bestimmten Publikum auch gefällt.

The aperture of a camera and the pupil are not there to let information in, but to ignore parts of it.

K.C. Cole

That the medium is the message (see there) will be taken as a basis in this context. But beyond that, the question has to be asked, in what actually the photographers part in the message is to be sought. The apparatus with its possibilities and limitations does its own, the world stands model. But once we put aside image editing, and ask what is the subjective part of an image because we come to a few seemingly trivial functions in which there seems to be something like a free choice. Operations that seem to allow beyond the mere depiction of what has been found to include something like a subjective part in the message.

Nina Baur and Patrik Budenz show in their article “The Difference between Image and Reality and the Role of Subjectivity of the Photographer” in the book “Photography and Society” edited by Thomas S ,. Eberle in what, beyond the simple clippers, the scope for the photographer’s expression lies. The framework for this scope is set by the technical possibilities of the apparatus which, if one follows Flusser definition, include the contemporary and culturally influenced viewing habits and preferences.

Staging and retouching are among the most powerful expressive possibilities in early photography. Hippolyte Bayard knew this as early as 1840. He created a picture showing him as drowned . He wanted to point out that the other two “inventors of photography” got much more attention than he himself.

The retouching has always been used to eliminate unpleasant picture elements. Today, the possibilities of image editing are so vast, that they seriously shake the value of photos as documents.

Perhaps the most powerful means besides choosing the timing of a recording is choosing the section. A person can completely change his facial expression, his gesture and his attitude from one moment to the next. The decision when to press the trigger is so highly subjective.

With the spatial focus, the idyllic group of trees can be isolated from the adjacent dump or vice versa. Only today it partly comes out how much in the social documentary photography of the second half of the last century selectively effective motives were created.

With the choice of the focal length of the lens, not only the distance to the object is taken into account, but it also creates a dramatically different ratio of foreground, middle and background of an image. Tele-recorded buildings seem to be squatting against each other while wide focal lengths give them more distance from each other.

By choosing the depth-of-field, the photographer directs the viewer’s attention to a specific image plane and gives the image more or less depth.

Finally, even the choice of color can give the picture a subjective message. The best known option is to convert to black-and-white images or, more accurately, grayscale images. By omitting the colors, the attention can be effectively directed to the effects of light as the pictures by Klaus Digel in our guest gallery impressively show.

What is actually common to these means of expression of photography? All are in principle selections or reductions; a point in time is extracted from the time stream, a focus is placed on the area, regulation of proximity and distance, deciding which, how deep level should be sharp and how much color information the image should contain. The message of the picture is thus created by less, by something that is hidden and not by something that is added to the picture.

Add to this the image retouching and manipulation. Essentially, we already have the leeway that the apparatus leaves us and that we use more or less intensively to express something.

Were it not for the whole range of cultural-visual imprinting and viewing fashions there would be a very nice scope that would remain us as a photographer. But on the contrary we choose a small part of the possible according to our viewing habits and preferences so that we or a certain audience like it.

9 Comments

  1. Andreas

    Mir geht es hier nicht um Qualität, sondern um das Wesen. Selektion findet ständig statt, in jedem Bereich des Lebens, teilweise passiv (man wird/ist selektiert), teilweise aktiv (man selektiert). Natürlich ist Selektion auch Methode, Mittel, Notwendigkeit, Fakt und Unausweichlichkeit, doch am Ende ist das Wesen der Fotografie Akkumulation und Zusammenstellung. Das Ganze soll mehr als die Summe der einzelnen Teile werden.

    In Köln gibt es zurzeit eine Ausstellung mit Fotografien von Lewis Baltz, da kann man das gut nachvollziehen. Die einzelnen Bilder werden nicht nur ausgewählt, sie erhalten auch einen Platz. Erst dadurch entsteht ihre spezifische Wirkung.

    Vielleicht ist es das, wonach ich strebe, den Dingen einen Platz im Bild zu geben, aber auch darüber hinaus, den Dingen einen Platz in der Erzählung meiner Bilder zu geben.

    Eine Zeitlang habe ich auch geglaubt, Selektion — also was ich aussuche zum Fotografieren und wie ich es dann fotografiere (Selektion also im Sinne des obigen Textes) — sei das, was mich von anderen Fotografen unterscheidet, und ich war unglücklich damit. Denn ich habe diese Selektionsprozesse irgendwann als fremdbestimmt empfunden, denn wie oben erwähnt, bin ich selbst selektiert, ein Produkt von Genen und Umgebung. (Was in meinem Kopf ist und herausdrängt, habe ich mir nicht ausgesucht!)

    Was ich selektiere und wie ist gewissermaßen dadurch determiniert; meine Freiheit und meine Schöpfung sehe ich stattdessen in der Anordnung — im Bild und in der Serie. Da reflektiere und präsentiere ich, was mir die Umstände aufgedrückt haben.

    Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zu sehr am Thema vorbeigeredet. Mein Fazit wäre: Für mich ist nicht “weniger” die Botschaft, sondern “Anordnung und Zusammenstellung”. Damit möchte ich nicht die Bedeutung von “Selektion” schmälern.

    (Danke für die netten Worte zu meiner Seite und überhaupt für die Möglichkeit, meinen Gedanken ein wenig nachzuhängen!)

    • Rolf Noe

      Da musste ich erst mal etwas drüber Nachdenken. Es fällt nicht nur Dir schwer dieses “Plus” das dadurch entsteht dass ein Bild sorgfältig oder intuitiv gestaltet wurde als eine Reduktion anzusehen.
      Aber wenn wir mal von Inszenierung und Bildbearbeitung absehen ist jeder Gestaltungsvorgang eine Wahl. Wenn ich die Linien entsprechen im Bild haben will muss ich den Turnschuh-zoom aktivieren und meinen Standort so lange wechseln bis es stimmt. Das ist auch eine Wahl. Deine Bilder wären ohne gestalterischen Willen wahrscheinlich auch in die Kategorie “just another night-photographer” einzuordnen. Vieleicht ist es tatsächlich besser von Entscheidungen statt von Selektion oder gar Reduktion zu sprechen, aber auf einem abstrakten Level bleiben es Selektionen. Ich werde deinen Kommentar auch gerne zum Anlass nehmen mal ein wenig genauer über kompositorische Aspekte nachzudenken. vieleich wird ja ein Beitrag draus.

  2. Andreas

    “Das einzig Wirkliche an einer Fotografie ist der Zeitpunkt einer Aufnahme” heißt ein von V. von Gagern und D. Hinrichs herausgegebenes Buch. In der Physik gibt es die Parabel vom Affen, der unendlich lange auf eine Tastatur tippt. Irgendwann muss er, so die Theorie, auch Goethes oder Shakespeares Werke getippt haben. Man drücke dem Affen eine Kamera in die Hand: Selbst wenn er unendlich lange “fotografiert” — also die Kamera bedient –, wird es ihm nicht gelingen können, alle Bilder der Welt zu machen, und schon gar nicht den Ertrunkenen von Bayard.

    Selektion ist daher nicht die Einschränkung, Selektion ist die Kunst. Durch eine einzige winzige Bewegung einen einzigen Augenblick vielschichtig gestaltet und vielschichtig aussagekräftig festzuhalten. In der Hand des Könners wird die Selektion zum Hinzufügen. Oder, wie meine 2. Fotogrundregel lautet: Wenn du nicht da bist, kannst du kein Foto machen. Denn das ist ja die grundlegendste Selektion überhaupt: Das Bild im Kopf, das man als Foto haben möchte.

    • Rolf Noe

      Man darf sich die Selektion nicht als Subtraktion vorstellen, da gebe ich ihnen völlig recht. Der Prozess, oder die Kunst wählt nach erlernten und mühsam entwickelten Kriterien und Intuitionen aus der Menge an Eindrücken/Informationen aus und erreicht aber in dieser Reduktion der Quantität eine schwer zu erklärende hohe Qualität des Endproduktes. Ich finde im übrigen dass ihre homepage ein sehr schönes Beispiel dafür darstellt. Mir fällt in diesem Zusammenhang auch die irendwo im Netz aufgeschnappte Äußerung eine Profi-Photographen ein, der dem Kunden erklärt, er müsse ihn eigentlich nicht für die halbe stunde des Shootings, sondern für die zwanzig Jahre bezahlen, die er gebraucht hat um so ein shooting in einer halben Stunde qualitativ hochwertig über die Bühne zu bringen.

  3. Klaus

    Fotografie, technisch gesehen, hat aber auch Bilder ermöglicht, die der Mensch nicht im Blick hat, angefangen z. B. mit Eadweard Muybridge.
    Ich stimme dir zu, der Fotograf hat die Möglichkeit der reduzierenden Auswahl, er stellt also immer einen reduzierten, oder schiefen Blick auf die Welt dar. Der Idealzustand wäre: Etwas Wesentliches darzustellen oder auszusagen! Das erreichen nur wenige (z.B. W. Eugene Smith).
    Fatal sind natürlich die von dir erwähnten Sehmoden/Prägungen, die eben dazu führen dass Fotografen wie Apparate handeln und unendliche Mengen bedeutungsloser, gleichartiger Bilder produzieren (wobei ich mich hier nicht ausschließe).

    • Rolf Noe

      Danke! Das ist die Absicht; eine lesbare Mitte zwischen hochakademischen Texten
      und facebook-Verblödung zu finden und zu halten. Und ein blog ist glaube ich das
      richtige Format dafür.

  4. M.Spaleck

    Weniger ist nicht genug.

    Das Auge das vom Gehirn gesteuert und von Erinnerungen und Gefühl beeinflusst wird sieht subjektiv*
    Die Kamera sieht anders als das Auge . Es gilt also zunächst zu lernen wie die Kamera
    “sieht “,und die oben beschriebenen Werkzeuge zu nutzen,weil hier ein wesentlicher Unterschied
     besteht zum Motiv. .Diese Unterschiede
     einzusetzen , bedeutet fotografisch zu gestalten. Wenn es gelingt, kann
    hier der künstlerische Ausdruck des Fotografen beginnen.

    *Andreas Feininger, Die hohe Schule der Fotografie

    • Rolf Noe

      Hab jetzt länger darüber nachgedacht, stolpere aber immer noch darüber, dass die Kamera m. A. n. nicht sieht. Man kann das vieleicht so sagen um einen Punkt deutlich zu machen. Aber die Kamera tut nichts anderes als Licht über Glas und Spiegel auf eine Lichtempfindliche Fläche und zu unserem Auge zu lenken. Zu lernen wie sie dies tut ist natürlich wichtig weil das, wie gesagt, die einzige Möglichkeit ist zu gestalten. Ich sehe die Kamera im Anschluss an McLuhan lieber als eine Erweiterung unseres Wahrnehmungsapparates an, wie ein Fernrohr nur komplizierter und mit der Möglichkeit das `Erblickte´ festzuhalten. Das erklärt auch warum Sie, wie Klaus richtig angemerkt hat unseren optischen Wahrnehmungsraum erweitern kann. Aber auch in diesem erweiterten Raum muss ich, wie das Beispiel der Macro-Photographie schön zeigt, im Rahmen den die Kamera vorgibt über Selektion und Reduktion meine Version des Bildes erstellen.

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