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Zeig mir dein Gesicht…

Manchmal beschäftigen einen diejenigen Dinge dann doch am meisten, die man nur so am Rande wahrgenommen hat. So die Ausstellung „(Inter)faces of Predictions“ von dem Photographen Sheung Yiu und der Theoretikerin Megan Williams im C/O Berlin, die so viele lose Enden zusammenbringt, die etwas mit Gesichtern zu tun haben. Irgendwie hat mich der Gedanke, dass eine Analogie geben könnte zwischen der modernen Gesichtserkennung und dem, was sich in verschiedenen Traditionen als Gesichtslesen herausgebildet hat nicht mehr losgelassen. Da gibt es natürlich auch einen Riesenunterschied darin, dass die eine Kulturtechnik eher in “esoterischen” Kreisen dazu dienen, sollte Charaktereigenschaften nur aus dem Gesicht abzulesen und die moderne Gesichtserkennung letztendlich Identität feststellt, die erst in Kombination mit anderen Daten zu Konsequenzen führen können. vor diesem Hintergrund wird es für mich noch mal besonders spannend, über Sinn und Zweck von Portrait Fotografie nachzudenken. Was kann man aus einem Gesicht wirklich „rauslesen“?

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In der Betrachtung oder Anpreisung von Portraits gibt es ja zum Teil nahezu mystische Vorstellungen z.B. die, dass ein Porträt Charaktereigenschaften einer Person zeigen kann oder sogar Eigenschaften ans Licht bringen könne, die bisher verborgen waren.  Ist da was dran? Oder reicht es schon, dass der/die Betrachter:in den Eindruck hat, er könne bestimmte Eigenschaften in das gezeigte Gesicht oder den photographierten Körper reinlesen?

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Ich fände es z.B. wahnsinnig spannend statistische Studie darüber anzustellen, ob es eine Korrelation gibt zwischen dem was einzelne Menschen in ein Porträt reinlesen und dem was eine Gesichtserkennungssoftware, die mit KI ausgestattet ist und den Gesichtsausdruck lesen kann darin “sieht”.

Vielleicht bin ich schon öfter über den Begriff gestolpert, aber kürzlich habe ich zum ersten Mal versucht ihn zu ergründen. Es geht um Deadpan-Photography. Ich weiß nicht, ob das damit verglichen werden kann, dass man auf einem Passfoto nicht lächeln soll, aber genau darum geht es. Beim abgelichtet werden so wenig wie möglich Emotionen zu zeigen. Ein möglichst unbeteiligtes Gesicht zu machen. Möglicherweise wirkt das deswegen so gut, weil das die Person noch spannender macht. Irgendwie hintergründiger und dadurch interessanter. mir fällt sofort Rineke Dijkstra dazu ein. Ihre Protagonist:inn:en schauen ja auch sehr uninteressiert in die Kamera und trotzdem oder gerade deswegen wirken sie rätselhaft und so, dass man dran hängen bleibt. Hier möchte ich gerne noch zwei Verweise über kreative Experimente mit dieser Art von Photographie anfügen. Einmal Brian Rope und dann Melita Dahl.

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Der Portrait-Künstler, dem ich bisher wenig Beachtung geschenkt habe, auf den ich aber in letzter Zeit häufiger stoße, ist Anton Corbijn, der zurzeit im Fotografiska zu sehen ist. In der Mai-Ausgabe der FotoNews ist ein schöner Artikel über ihn mit ein paar Beispielen seiner Kunst. Er schafft es seine Opfer so zu inszenieren oder sich inszenieren zu lassen, dass die Portraits wegen dieser Inszenierung spannend werden. Vielleicht ist das Geheimnis seiner treffenden Portraits in einem Nebensatz des Interviews zu finden, wo er darauf hinweist, dass er immer zu den Leuten hinreist, die er portraitieren will. Er nimmt sie also anders gesagt in ihrem natürlichen Habitat auf.

Dann kam noch, wie das so ist, wenn ich mit dem Thema schwanger gehe, der Podcast von Alexander Hagmann und Miriam Zlobinski hinzu, die sich in ihrem Gespräch über genau diese Fragen den Kopf zerbrechen. Eine spannende Frage die Alex und Miriam auch aufwerfen ist die, ob ein Porträtist verpflichtet ist sein “Motiv” von seiner besten Seite zu zeigen. Traditionell wenn man das Porträtieren bis in die Zeiten der Malerei zurückverfolgt, scheint das ja so zu sein, dass die Maler und später auch die Photographen genau dafür bezahlt wurden, ein möglichst “schönes” Bild zu zeichnen. Insofern ist Bruce Gilden jemand der ziemlich krass gegen diese Konvention verstößt. Da bin ich mit Alex einig, ob das allerdings verdammenswert ist, bleibt für mich offen.

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Gegen Ende des Podcasts verirren sich die Beiden in der Frage wie sinnvoll verhüllte Portraits seien. Mir fällt sofort Freddy Langer ein mit seiner „blindfaithinfreddy“-Serie auf Insta und natürlich Stefan Moses mit seinen Maskenspielen, aber da gibt es sicher noch einige andere Beispiele, bei denen das Spiel mit Verhüllen und Enthüllen mehr enthüllt als das direkte Zeigen.

Einen Ort, der geradezu das Mekka der Portrait-Kunst ist, kann man in London besuchen. Es ist die National Portrait-Gallery in London. Ich war jetzt auch schon wieder ein paar Jahre nicht mehr da, aber sie ist mir immer noch lebhaft in Erinnerung. Dort wird auch einer der renommiertesten Preise für Portrait-Photographie vergeben. Der Taylor Wessing Photographic Portrait Prize.

Schließlich um dieses Thema wenigstens ein wenig abzurunden habe ich mir noch in Darmstadt die Ausstellung „#shotbyadams“ angeschaut. Bryan Adams scheint schon seit mindestens 20 Jahren neben seiner Musikproduktion zu photographieren. Er zeigt vor allem Mit-Prominente, allerdings in Posen, von denen ich nicht weiß, ob ein nicht so prominenter Photograph es geschafft hätte diese den Promis zu entlocken. Da macht zumindest aus meiner Sicht der Reiz dieser Ganzkörperaufnahmen aus.  Gezeigt wurden auch noch andere Serien, die aber alle dem Duktus der Portraiphotographie folgen. Eine „Sammlung“ von Obdachlosen, die als Serie präsentiert wird, eine Serie mit Kriegsverletzten, die Ebenso stolz und effektvoll ihre Narben zeigen wie die Promis ihre Posen. Und schließlich schon mal als erster Schritt in Richtung „ikonisch“ werden die bekanntesten Portraits noch einmal in Schwarzweiß mit einer Farbfolie davor gezeigt, sodass die hellen Stellen eingefärbt erscheinen.


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