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Die Vervielfältigung der Gliedmaßen / The multiplication of the limbs

Cover des 2019 erschienenen Buches `Gift´ von Mari Katayama. Photographen kennen die Geste.                              Cover of the 2019 book `Gift’ by Mari Katayama. Photographers know the gesture.

Warum bleiben meine Augen an manchen Bildern hängen und andere lassen mich kalt? Es ist ein ungefähr vier Mal sechs Zentimeter großes Bild in der KUNSTZEITUNG, das eine kurze Notiz über eine Sammelausstellung in Ulm bebildern soll. Aber es irritiert mich so, dass ich mir vornehme nachzuschauen, wer die Künstlerin ist und was Sie sonst noch so macht. Nun muss man wissen, dass ich mir sehr oft vornehme etwas zu `googeln´ und dann vergesse ich es genauso oft wieder und es verschwindet aus meinem Bewusstsein. Nicht so dieses Mal.

Manchmal dauert es eine ganze Weile bis wir klar wird, warum ich auf bestimmte Fotos reagiere und auf andere nicht. Bei Mari Katayama  ist, nachdem mich die anfängliche Verstörung dazu gebracht hat, mich mit den Fotografien zu beschäftigen, langsam deutlich geworden, dass das Interesse zumindest oberflächlich von meiner beruflichen Beschäftigung mit körperbehinderten Menschen herkommen könnte. Wenn man gewohnt ist, dass körperliche Abweichungen von einem ganzen Handwerkszweig (Orthopädietechniker, Bandagisten etc.) sorgfältig aus der Realität rausretuschiert werden, kann jemand wie Mari Katayama eigentlich nur verstören. Mit Orthesen, Prothesen und anderen Hilfsmitteln soll zum einen ein Funktionsverlust wettgemacht, aber eben auch die Andersheit korrigiert und versteckt werden.

Mari Katayama geht den entgegengesetzten Weg. Natürlich nutzt auch sie Hilfsmittel im Alltag aber in ihrer Photographie zeigt sie sich wie sie ist. Ohne Füße und mit einer Zwei-Finger-Hand links. Sie zeigt sich und ihre Prothesen, aber auch hier geht Sie einen ganz eigenwilligen Weg. Wird allgemein versucht bei Prothesen z.b. durch fleischfarbenes Silikon den Eindruck der “Echtheit” zu faken, hat Marie angefangen, ihre Prothesen zu bemalen, zu schmücken, sie zu vervielfältigen, sie so auffällig wie möglich zu gestalten. Darüber hinaus hat sie angefangen, Gliedmaßen aus Stoffen, Spitze und Schmuck zu gestalten, die entweder ihre eigene Gestalt spiegeln oder die Normalvorstellung darstellen und manchmal auch ins Phantastische abdriften. Das Textile spielt in ihrer Kunst und bei ihren für die Photos arrangierten Inszenierungen eben auch eine große Rolle. 

Die eindrücklichsten Bilder finde ich nach wie vor diejenigen, wo sie sich inmitten einer Sammlung von Gliedmaßen drapiert und z.b. auf dem Bild am Strand aussieht wie ein gestrandeter Seestern oder Polyp. Mari Katayama setzt ihr Selbstbild spielerisch in Szene, aber was zuerst wie eine Beschäftigung mit sich selbst aussieht, schlägt nach und nach in ein mikropolitisches Statement um: “Steh dazu, wie du aussiehst und lass dir nicht die Norm als Ideal verkaufen. Sie ist letztlich hohl und wirklich verwirklichen kannst du dich nur in der Auseinandersetzung mit dir selbst”. “Erkenne dich selbst” hat hier einen sehr basalen, körperlichen Unterton ist aber emanzipatorisch wie eh und je.

Why do my eyes linger on some images and others leave me cold. It is a picture about four by six centimeters in the KUNSTZEITUNG, which is supposed to illustrate a short note about a collective exhibition in Ulm. But it irritates me so much that I take it upon myself to look up, who the artist is and what else she does. Now you have to know that very often I make up my mind to ‘google’ something and then just as often I forget it again, and it disappears from my consciousness. Not so this time.

Sometimes it takes quite a while until we realize why I react to certain photos and not to others. In the case of Mari Katayama, after the initial disturbance led me to engage with the photographs, it slowly became clear that the interest might come, at least superficially, from my professional involvement with physically disabled people. If one is used to physical deviations being carefully retouched out of reality by a whole branch of crafts (orthopedic technicians, orthopedic mechanics, bandagers, etc.), someone like Mari Katayama can actually only disturb. Orthoses, prostheses and other aids are intended to compensate for a loss of function, but also to correct and hide otherness.

Mari Katayama goes the opposite way. Of course, she also uses aids in everyday life, but in her photography she shows herself as she is. Without feet and with a two-finger hand on the left. She shows herself and her prostheses, but here as well she goes a very individual way. In general, it is tried to fake the impression of “authenticity” with prostheses, e.g. by using flesh-coloured silicone. Marie started to paint her prostheses, to decorate them, to duplicate them, to make them as conspicuous as possible. In addition, she has begun to create limbs from fabrics, of lace and jewellery, which either mirror her own figure or represent the normal imagination and sometimes drift into the fantastic. Textiles  play a major role in her art and in the stagings she arranges for the photographs. 

The most impressive pictures I still find are those, where she drapes herself in the middle of a collection of limbs and looks like a stranded starfish or polyp in the picture on the beach, for example. Mari Katayama playfully stages her self-image, but what at first looks like a preoccupation with herself gradually turns into a micropolitical statement: “Accept how you look and don’t let them  sell you the norm as the ideal. It is ultimately hollow, and you can only really realize yourself in the confrontation with yourself”. “Know thyself” has a very basic, physical undertone here, but is as emancipatory as ever.

Translated with the help of www.DeepL.com/Translator

3 Comments

    • Rolf Noe

      Es war mir ein Anliegen. Diese Künstlerin hat mir klargemacht, dass unsere Vorstellungen von gesund, vollständig und normal die Frage, was man draus macht außen vor lassen. In der Satzung der WHO wird Gesundheit definiert als: „ein Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit oder Gebrechen”. Inzwischen würde ich sagen: Das braucht´s gar nicht und das reicht nicht! Ich muss die Möglichkeit haben, mich mitzuteilen und mich zu verwirklichen, auch wenn ich das eine oder andere Gebrechen hab. Das ist wichtiger.

  1. Hania Kartusch

    Danke für diesen Bericht und den Link zur Fotografin/Künstlerin – sie muss eine unglaublich starke Frau sein, und jedenfalls eine großartige Künstlerin. LG Hania

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