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Einfachheit und Abstand / Simplicity and distance

Karl Lagerfeld `Hommage to Edward Hopper´, Wedel bei Hamburg

Erstaunlich wie Literatur und Kunst doch helfen können sich überraschende Wendung der Weltgeschichte vertraut zu machen. So lesen die Menschen jetzt wieder die `Pest´ von Albert Camus. Jetzt, wo sie plötzlich feststellen müssen, dass nichts von dem, was sicher gewähnt wurde sie wirklich vor einer existenziellen Bedrohung schützen kann. Oder sie flüchten in scheinbar sichere Enklaven und ergötzen sich dort am `Decamerone´ von Boccaccio. Auf der Seite der Bilder scheint Edward Hopper am besten zum Ausdruck zu bringen, was wir jetzt an sozialer Isolation erleben.

Mit Hopper beginnt auch meine persönliche Corona-Krise. Ich war auf dem Weg nach Basel um meine Tochter abzuholen und um mir die in der Fondation Beyeler Edward Hopper anzuschauen. Leider erreichte mich kurz vor der Grenze, genauer gesagt auf dem Parkplatz des Vitra-Museums die Nachricht, dass ich Kontakt mit Jemanden hatte, der positiv getestet wurde. Also umdrehen, Quarantäne, Test (glücklicherweise negativ) und zurück in den Trott des nun gänzlich veränderten Alltags. Ein Alltag in dem man sich durch  virtuelle Ausstellungshallen klickt oder sich den Hopper halt auf Instagram anschaut. Oder vom Film, den Wim Wenders über ihn gedreht hat und der in Basel gezeigt wurde halt nur den Trailer .

Damit habe ich erfolgreich eine Ausstellung nicht gesehen, die kurz danach sowieso schließen musste und jetzt in einer Art Dornröschenschlaf darauf wartet, dass vielleicht Alles besser wird. Aber was hat Hopper, der ja Zustände und Landschaften der USA seiner Zeit ins Bild gesetzt hat uns heute plötzlich zu sagen? Und was hat das mit Fotografie zu tun?  An der Oberfläche ist es das “social distancing” das in fast all seinen Bildern praktiziert wird aber wenn man genau hinsieht ist es die Vereinfachung, das `weniger ist mehr´ – und das Licht.

Wen wundert’s, dass Karl Lagerfeld von Hopper so beeindruckt war dass er ihm eine ganze Serie gewidmet hat. In der Ausstellung in Wedel, die ich letztes Jahr besucht habe, war diesem Teil seines Werkes ein ganzer Raum gewidmet. Auch dieser ist mit Sicherheit jetzt verlassen, bewohnt allenfalls von einem einsamen Museumswärter.

Sehr schön finde ich auch die Bilder von Richard Tuchmann, wo die Personen auch einzeln oder in gebührendem Abstand zueinander in undefinierten Räumen still vor sich hinstarren. Aber auch abseits von direkten Rekreationen mit Hilfe der Fotografie ist sein Einfluss auf die amerikanische Fotografie erstaunlich. Leider kann ich mir das entsprechende Standartwerk  nicht leisten.

Der Eindruck den Hopper in der amerikanischen Photographie der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts hinterlassen hat, hat denke ich damit zu tun, dass er die gleichen Prinzipien der Reduktion, der Klarheit der Beleuchtung, der eindrücklichen Narration befolgt hat, die später der Photographie und dem Film geholfen haben, sich als Kunst zu etablieren. Aber vielleicht war es auch umgekehrt und Hopper hat – immerhin lebte er bis in die zweite Hälfte des 20 Jahrhunderts herein – die Seh- und Gestaltungsprinzipien der Fotografie und des Films in seine Werke eingebracht und kann uns deshalb  noch etwas sagen leben wir doch – immer noch-  in einem visuellen Zeitalter.

Amazing how literature and art can help to familiarize oneself with a surprising turn of world history. So people are now reading the ‘Plague’  by Albert Camus again. Now, when they suddenly have to realize that nothing of what has been thought for sure can really protect them from an existential threat. Or they flee to apparently safe enclaves and enjoy themselves there at Boccaccio’s ‘Decameron’. On the pictures page, Edward Hopper seems to best express what we are now experiencing in terms of social isolation.

With Hopper my personal corona crisis also begins. I was on my way to Basel to pick up my daughter and to see Edward Hopper at the Fondation Beyeler. Unfortunately, shortly before the border, more precisely in the parking lot of the Vitra Museum , I received the news that I had had contact with someone who was tested positive. So turn around, quarantine, test (fortunately negative) and back into the rut of the now completely changed everyday life. An everyday life where you click through virtual exhibition halls or look at the Hopper on Instagram . Or watch just the trailer from the film that Wim Wenders made about him and which was shown in the Basel exhibition.

I successfully missed an exhibition that had to close shortly afterwards anyway and is now in a kind of `Beauty sleep´ waiting for everything to get better. But what does Hopper, who painted the conditions and landscapes of the USA of his time, suddenly has to tell us today? And what does that have to do with photography?  On the surface it is the ‘social distancing’ that is practiced in almost all his pictures but if you look closely it is the simplification, the ‘less is more’ – and the light.

No wonder Karl Lagerfeld was so impressed by Hopper that he dedicated an entire series to him. In the exhibition in Wedel, which I visited last year, an entire room was dedicated to this part of his work. This room, too, is certainly abandoned now, inhabited at best by a lonely museum attendant.

I also find the pictures by Richard Tuchmann very beautiful, where the persons stare silently in undefined rooms, either individually or at a suitable distance from each other. But also apart from direct recreations with the help of photography, his influence on American photography is astonishing. Unfortunately I cannot afford the corresponding standard book.

The impression Hopper made on American photography in the second half of the 20th century has to do with the fact that he followed the same principles of reduction, clarity of lighting, and impressive narration that later helped photography and film to establish themselves as art. But perhaps it was the other way around, and Hopper – after all, he lived into the second half of the 20th century – introduced the visual and design principles of photography and film into his works and can therefore still tell us something – after all, we are still living in a visual age.

Steven Zucker, Hopper, Nighthawks at the Art institute of Chicago

2 Comments

  1. wanderlustig

    In der Tat Kunst und Kultur helfen durch so manche Krise, oder um es mit Picasso auszudrücken „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele. (“El arte limpia del alma el polvo de la vida cotidiana”.)
    Wie schade, dass du die Hopper Ausstellung in der Fondation Beyeler nicht sehen konntest. Aber Hauptsache, du bist gesund!
    Ich mag Hopper sehr, auch wegen seines Einflusses auf Film und Fotografie. Zum Geburtstag habe ich mir 2013 den Besuch der Hopper Ausstellung in Paris geschenkt: ein wunderbares Erlebnis 😊. Den ausführlichen Ausstellungskatalog kann ich nur empfehlen, falls er noch lieferbar ist.
    Auf der Berlinale 2013 habe ich gleich danach den Film „Shirley- Visionen der Realität“ gesehen, in dem Gemälde von Hopper als Szenen aus dem Leben der fiktiven Schauspielerin Shirley filmisch umgesetzt wurden.

    • Rolf Noe

      Danke für die Anregungen, ich hoffe auch, dass der Film von Wim Wenders bald zugänglich wird. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist er bisher nur in der Ausstellung (nicht) zu sehen.

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