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Leuchtkästen / Light boxes

Jeff Wall “Picture for Women” (1979)

I begin by not photographing.

>>Jeff Wall<<

Ich kann mich nicht erinnern, je eine Ausstellung gesehen zu haben, die ausschließlich Jeff Wall gewidmet war. Aber seine Werke sind mir schon mehrfach über den Weg gelaufen. Zum ersten Mal wahrscheinlich in der „Amerika“-Ausstellung im Burda Museum Baden-Baden. Damals habe ich gestaunt, aber noch wenig verstanden, was sich in diesen Werken zeigt. Zuletzt sah ich drei der Leuchtkästen in der „True Pictures“- Ausstellung in Hannover, die auch Bildern vom amerikanischen Kontinent gewidmet war. Dort wurden Leuchtkästen von Jeff Wall und Rodney Graham gezeigt, die beide aus Vancouver in Kanada stammen und der Vancouver School zugeordnet werden. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass diese Leuchtkästen in der neuen Welt entstanden sind. Wall nennt seine Werke `kinematographische Photographie´, sie sind ein Amalgam aus Malerei (Tafelbilder), Film (Inszenierung), Fernsehen (hinterleuchteter Schirm) und dokumentarischer Photographie (Inhalte). Wall hat somit der Photographie eine völlig neue Bedeutung gegeben, indem er die scheinbaren Gegensätze von künstlerisch vs. dokumentarisch und Inszenierung vs. Darstellung in eins denkt und mit den Mitteln der Photographie ausführt.

Ein unglaublicher Verdichtungsprozess, der zusammen mit dem großen Format einen entscheidenden Anteil daran hatte, dass die Photographie letztlich dann doch in den Kunstkanon aufgenommen wurde. Den Werdegang Walls habe ich einigermaßen durch die Lektüre und Betrachtung des von Inka Graeve-Ingelmann herausgegebenen Buches „Jeff Wall in München“ nachvollziehen können, das auf einer Retrospektive im Jahre 2013 in München zurückgeht.

Ein besonderes Merkmal der Bilder des studierten Kunsthistorikers Wall ist, dass sie sich stark an klassische Genres der Malerei anlehnen. Das wären z.b. Landschaften, wie in „An Eviction“ (1988/2004) der Vorstadt von Vancouver als Hintergrund, in dem die Handlung angesiedelt ist oder in “A villager from Aricaköyü arriving at Mahmutbey-Istanbul (September 1997) den Stadtrand von Istanbul, durch den der Protagonist zu Fuß unterwegs ist. Noch spezieller in “A sudden gush of wind”  (1993) wo er sich an der japanischen Landschaftsmalerei eines Hokusai orientiert. Aber es gibt auch Stillleben. Am bekanntesten wahrscheinlich „Some beans“ (1990), das so karg ausgestattet ist, dass es an die Zeit der großen Depression erinnert. Nur zwei grob zusammengezimmerte Tische. Auf einem, ein paar Bohnen. Besonders gut gefällt mir die “Diagonal Composition“ (1993). Man sieht die rechte hintere Ecke einer ziemlich heruntergekommen und Spüle mit einem etwas unansehnlichen Stück Seife auf dem Rand daneben. Das Ganze ist aber so kunstfertig arrangiert, dass es zum echten Hingucker wird.

Oft geht es aber auch um “Action”. Das sind Bilder, die wie ein Standbild aus einem Film wirken. Das oben erwähnte “An Eviction”, das ursprünglich “A struggle” hieß, aber auch “A fight on the sidewalk” (1994), wo ein Mann unbeteiligt zusieht, wie sich zwei Andere prügeln.

Am rätselhaftesten sind wahrscheinlich die stillen Bilder, die durch die Hinterleuchtung  noch geheimnisvoller werden. Der “Door Pusher” (1984), „Jelly-O“ (1995), dass zwei Kinder in einer Küche zeigt, “The cyclist” (1996), das einen Fahrradfahrer zusammengesunken auf dem Fahrrad vor einer Betonwand zeigt.

Sowohl bei den Action-Bildern als auch bei den er kontemplativen Tableaus spielen Mimik und Gesten eine große Rolle. Jeff Wall scheint verstanden zu haben, dass die Photographie in ihrer Erzählweise vor den sprachlichen Ausdruck zurückgehen muss. So drücken sich seine Figuren durch ruhige oder dramatische Gesten aus, die unmittelbar verständlich sind. Natürlich müssen wir dies versprachlichen, wenn wir es verstehen oder darüber kommunizieren wollen, aber wir haben davor schon ungefähr verstanden in welche Richtung es geht.

Wie Wall sich einerseits an der Kunstgeschichte orientiert, gleichzeitig aber immer daraus seine eigene Komposition und Verdichtung unterschiedlichster Elemente konstruiert, kann man sehr schön am Bild “The Thinker” zeigen. Oberflächlich eine Hommage an Rodins berühmte Skulptur weicht der etwas ältere und weit weniger muskulöse Denker Walls im Gestus vom rodin’schen Denker ab. Er hat die Beine lässig übereinandergeschlagen und sitzt aufrecht da, schaut also nicht nach unten, sondern auf die sich vor und unter ihm auftuende Stadtlandschaft Vancouvers. Er stützt den Kopf nicht auf die rechte, sondern auf die linke Faust und er hat auch seinen anderen Arm nicht auf dem Knie, sondern quer über dem Oberschenkel ruhen. Der Dolch, der in seinem Rücken steckt, erinnert an einen Denkmal-Entwurf Dürers für die Opfer der Bauernkriege und eröffnet Interpretationsmöglichkeiten in Richtung auf die Opfer, die die Arbeiter in der in Mittelgrund zu sehenden Industriegebiet für das Wohlergehen der Mittel- und Oberschichten bringen.

Auch die seltsame Konstruktion, auf der der Mann sitzt, erinnert eher an Dürers Vorlage als an die massive Sitzgelegenheit des Denkers von Rodin. Was der Mann wohl denkt? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall dient er hervorragend als Projektions-Figur für unsere eigenen Gedanken, während wir das Bild betrachten. Viel blauer Himmel als Raum für Gedanken, aber auch – und das irritiert zuerst – der aufstrebende Laternenmast und die Stromleitungen, die quer durch das Bild ziehen und das obere Drittel des Bildes vom Rest abtrennen. Wahrscheinlich dienen sie links als kompositorischer Kontrapunkt zur Figur im rechten Vordergrund und sorgen für Ausgewogenheit. Auch verweisen sie die Blicke auf die im zentralen Hintergrund noch zu erkennende moderne Innenstadt mit ihren Hochhäusern und Boulevards. Ein Spiel zwischen Peripherie und Zentrum, zwischen denen, die den Wohlstand verwalten und denen, die ihn schaffen. Denen setzt Wall mit dem Mann im Vordergrund ein Denkmal.

I can’t remember ever seeing an exhibition devoted exclusively to Jeff Wall. But I have come across his works  several times. Probably for the first time in the “America”- exhibition at the Burda Museum in Baden-Baden. At the time, I was amazed, but  understood little yet about what was going on in these works. Lately I saw three of the light boxes in the “True Pictures” exhibition in Hanover, which was also devoted to pictures from the American continent. There, light boxes by Jeff Wall and Rodney Graham were shown, both of whom come from Vancouver in Canada and are assigned to the Vancouver School. It is probably no coincidence that these light boxes were created in the New World. Wall calls his works ‘cinematographic photography’; they are an amalgam of painting (panel paintings), film (staging), television (backlit screen) and documentary photography (content). Wall has thus given photography a completely new meaning by thinking the apparent opposites of artistic vs. documentary and staging vs. presentation into one and executing them with the means of photography.

An unbelievable process of condensation, which, together with the large format, played a decisive role in the fact that photography was finally accepted into the canon of art. I have been able to understand Wall’s career to some extent by reading and looking at the book “Jeff Wall in Munich”, edited by Inka Graeve-Ingelmann, which goes back to a retrospective in Munich in 2013.

A special feature of the paintings by Wall, who studied art history, is that they lean heavily on classical genres of painting. They include landscapes, such as in “An Eviction” (1988/2004) the suburb of Vancouver as the background in which the action is set, or in “A villager from Aricaköyü arriving at Mahmutbey-Istanbul (September 1997) the outskirts of Istanbul through which the protagonist is travelling on foot. Even more specifically in “A sudden gush of wind” (1993) where he takes his cue from the Japanese landscape painting of a Hokusai. But there are also Still Lifes. Probably the best known is “Some beans” (1990), which is so sparsely furnished that it is reminiscent of the time of the Great Depression. Just two tables roughly put together. On one, a few beans. I particularly like “Diagonal Composition” (1993). You see the back right corner of a rather run down sink with a somewhat unsightly bar of soap on the edge next to it. But the whole thing is so artfully arranged that it becomes a real eye-catcher.

Often, however, it is also about “action”. These are pictures that look like a still from a film. The above-mentioned “An Eviction”, originally called “A struggle”, but also “A fight on the sidewalk” (1994), where a man watches uninvolved as two others fight.

Probably the most enigmatic are the silent images, made even more mysterious by the backlighting. The Door Pusher” (1984), “Jelly-O” (1995), which shows two children in a kitchen, “The Cyclist” (1996), which shows a cyclist slumped on his bike in front of a concrete wall.

Both in the action pictures and in the contemplative tableaus, facial expressions and gestures play a major role. Jeff Wall seems to have understood that photography in its narrative must take us back to a time before linguistic expression. Thus his figures express themselves through quiet or dramatic gestures that are immediately comprehensible. Of course, we have to verbalise this if we want to understand it or communicate about it, but we have already roughly understood beforehand in which direction it goes.

How Wall orients himself on art history on the one hand, but at the same time always constructs his own composition and condensation of the most diverse elements, can be shown very beautifully in the painting “The Thinker”. Superficially a homage to Rodin’s famous sculpture, Wall’s somewhat older and far less muscular thinker differs in gesture from the rodinian thinker. He has casually crossed his legs and is sitting upright, not looking down, but at the Vancouver cityscape opening up in front of and below him. He rests his head not on his right but on his left fist, and he also has his other arm resting not on his knee but across his thigh. The dagger stuck in his back is reminiscent of a memorial design by Dürer for the victims of the Peasants’ Wars and opens up possibilities for interpretation in the direction of the sacrifices made by the workers in the industrial area seen in the middle ground for the welfare of the middle and upper classes.

The strange construction on which the man sits is also more reminiscent of Dürer’s model than of the massive seat of Rodin’s thinker. I wonder what the man is thinking? Hard to say. In any case, he serves excellently as a projection figure for our own thoughts while we look at the picture. Lots of blue sky as a space for thoughts, but also – and this is irritating at first – the soaring lamppost and the power lines that run across the picture and separate the upper third of the picture from the rest. They probably serve as a compositional counterpoint on the left to the main figure in the right foreground  and provide balance. They also direct the viewer’s gaze to the modern city centre still visible in the central background, with its skyscrapers and boulevards. A play between periphery and centre, between those who administer wealth and those who create it. Wall creates a monument to them, with the man in the foreground.

Translated with the help of www.DeepL.com/Translator

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